Medivh führ fort. »Die Kaldorei wurden durch den Einsatz von Magie mächtig, aber sie verstanden ihren Ursprung nicht. Sie wussten nicht, dass es andere mächtige Kräfte in der Großen Dunkelheit gab, die sich im Raum zwischen den Welten bewegten. Sie gierten nach Magie und beobachteten jeden, der sie zähmte und zum eigenen Nutzen verwendete. Diese bösen Mächte waren Scheußlichkeiten, Moloche und Alpträume aus Hunderten von Welten, doch wir nennen sie einfach Dämonen. Sie wollten alle Welten erobern, in denen Magie benutzt wurde und sich verbreitete, und sie wollten diese Welten vernichten, um die Energien für sich zu behalten. Und der Größte unter ihnen, der Herrscher der Brennenden Legion, war ein Dämon namens Sargeras.«
Khadgar dachte an die Vision mit Aegwynn und unterdrückte ein Schaudern.
Medivh schien die Reaktion des jungen Magiers nicht zu bemerken. »Der Herrscher der Brennenden Legion war ebenso mächtig, wie geschickt, und er versuchte, die Kaldorei zu verführen. Es gelang ihm. Ein dunkler Schatten fiel über ihre Herzen, und sie versklavten andere Völker, wie die frühen Menschen, um ihr Reich aufzubauen.«
Medivh seufzte. »Nun, in dieser Zeit der Sklaverei durch die Kaldorei gab es einige, die eine größere Vision als ihre Brüder hatten und gewillt waren, nicht nur gegen die Kaldorei aufzubegehren, sondern auch den Preis für ihre Vision zu zahlen. Die mutigen Wesen, die den Kaldorei oder anderen Völkern angehörten, sahen, wie die Herzen der herrschenden Kaldorei kalt und dunkel wurden und die dämonische Macht wuchs.
Die Kaldorei wurden so sehr von Sargeras korrumpiert, dass sie die Welt beinahe bei ihrer Geburt verdammt hätten. Sie ignorierten die, die sich gegen sie stellten und ermöglichten Sargeras und den anderen mächtigen Dämonen die Invasion. Nur den heroischen Taten einiger Weniger ist es zu verdanken, dass das leuchtende Tor in der Großen Dunkelheit geschlossen wurde und Sargeras und seine Anhänger gefangen genommen wurden. Doch dieser Sieg forderte einen hohen Preis. Der Brunnen der Ewigkeit explodierte, als das Tor geschlossen wurde, und riss das Herz aus dieser Welt. Das Reich der Kaldorei – und mit ihm der gesamte Kontinent – wurde vernichtet. Die, die das Tor geschlossen hatten, wurden nie wieder gesehen.«
»Kalimdor!«, unterbrach Khadgar, obwohl er es nicht wollte.
Medivh sah ihn an, und Khadgar fuhr fort. »Das ist eine alte Legende in Lordaeron. Es gab einmal ein bösartiges Volk, das sich mit Kräften einließ, die es nicht verstand. Als Strafe für seine Sünden wurde sein Reich zerbrochen und in den Wellen versenkt. Man nannte es die Entzweiung der Welt. Das Reich hieß Kalimdor.«
»Kalimdor«, wiederholte Medivh. »Auch wenn du nur die Kinderversion dieser Geschichte kennst, sagt sie das aus, was wir den jungen Magiern erzählen, um sie vor den Gefahren der Mächte zu warnen, die sie beschwören. Die Kaldorei waren Narren und vernichteten nicht nur sich selbst, sondern beinahe die Welt. Und als der Brunnen der Ewigkeit explodierte, verteilten sich die Energien darin in einem magischen Regen über die ganze Welt. Und deshalb ist die Magie heute allgegenwärtig – es ist die Kraft aus der Zerstörung des Brunnens.«
»Aber Magus«, sagte Khadgar, »das war vor Tausenden von Jahren.«
»Vor zehntausend Jahren«, sagte Medivh, »mehr oder weniger.«
»Aber wie kommt die Legende dann zu uns? Selbst Dalarans Geschichten reichen nur zwanzig Jahrhunderte zurück, und die frühesten Überlieferungen sind in geheimnisvolle Legenden gehüllt.«
Medivh nickte und nahm den Faden wieder auf. »Viele starben, als Kalimdor versank, aber manche überlebten und nahmen ihr Wissen mit. Einige der überlebenden Kaldorei gründeten den Orden von Tirisfal. Ob es sich bei Tirisfal um eine Person, einen Ort, ein Ding oder einen Gedanken handelte, weiß selbst ich nicht. Sie nahmen das Wissen über das, was geschehen war, mit sich und schworen zu verhindern, dass so etwas jemals wieder geschah. Das ist das Fundament des Ordens.
Nun, das Volk der Menschen überlebte diese dunklen Tage ebenfalls, und da die magische Energie mit dem Stoff der Welt verwoben war, begannen auch sie bald an den Toren der Realität zu kratzen. Sie beschworen Kreaturen aus der Großen Dunkelheit und klopften an den verschlossenen Türen zu Sargeras’ Gefängnis. Doch dann traten die Kaldorei, die überlebt und sich verändert hatten, vor und gaben die Geschichte ihrer Vorfahren preis – wie sie beinahe die Welt vernichtet hatten.
Die ersten menschlichen Magier dachten über die Worte der überlebenden Kaldorei nach. Sie erkannten, dass, sollten sie ihre Zauberstäbe, Phiolen und Pergamentrollen niederlegen, andere – ob voller Unschuld oder nicht – nach Wegen suchen würden, um den Dämonen ein weiteres Mal Zugang zu unserem grünen Land zu verschaffen. Und so setzten die mächtigsten Magier den Orden als Geheimbund fort. Der Orden von Tirisfal ernannte eines seiner Mitglieder zum Wächter des Tirisfalen. Dieser Wächter erhielt die größte Macht und wurde zum Beschützer der Realität. Doch zu diesem Zeitpunkt war das Tor zur anderen Seite kein einzelner Brunnen der Macht mehr, sondern ein unendlicher Regen, der bis heute fällt. Das ist die größte Verantwortung der Welt.«
Medivh wurde still, und seine Augen verloren kurz ihre Konzentration, so als sei er selbst in die Vergangenheit gerissen worden. Dann schüttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurück, ohne etwas zu sagen.
»Ihr seid der Wächter«, sagte stattdessen Khadgar ruhig.
»Ja«, erwiderte Medivh endlich. »Ich bin der Sohn der größten Wächterin aller Zeiten und erhielt ihre Macht kurz nach meiner Geburt. Es war … zu viel für mich, und ich bezahlte dafür mit einem Großteil meiner Jugend.«
»Aber Ihr sagtet, die Magier würden einen der ihren erwählen«, sagte Khadgar. »Hätte Magna Aegwynn keinen älteren Kandidaten bestimmen können? Wieso hat sie ein Kind, vor allem ihr Kind, dazu erkoren?«
Medivh holte tief Luft. »Die ersten Wächter wurden während der ersten tausend Jahre aus der erwählten Gruppe bestimmt. Die Existenz des Ordens blieb ein Geheimnis, so wie es die Gründer gewollt hatten. Nach einiger Zeit jedoch begannen Politik und persönliche Interessen eine Rolle zu spielen, sodass die Wächter bald nicht mehr als Diener waren, magische Wachhunde. Einige der mächtigen Magier glaubten, es sei Aufgabe des Wächters, allen anderen die Macht vorzuenthalten, die sie selbst genossen. Wie schon zu Zeiten der Kaldorei fiel der Schatten der dunklen Macht über die Mitglieder des Ordens. Dämonen gelangten häufiger in unsere Welt, und selbst Sargeras gelang es, kleine Teile seiner selbst zu manifestieren. Es war nur ein Bruchteil seiner Macht, aber es reichte aus, um Armeen zu zerschlagen und Nationen zu vernichten.«
Khadgar dachte an das Bild von Sargeras, das Aegwynn in der Vision bekämpft hatte. War das wirklich nur ein Bruchteil der wahren Macht dieses mächtigen Dämons gewesen?
»Magna Aegwynn …«, begann Medivh und unterbrach sich. Es war, als sei er nicht daran gewöhnt diese Worte auszusprechen. »Die, die mich gebar, war selbst fast tausend Jahre zuvor geboren worden. Sie war sehr talentiert und wurde von den anderen Mitgliedern des Ordens zur Wächterin bestimmt. Ich glaube, die Grauesten der Graubärte dachten damals, sie könnten sie kontrollieren und die Wächterin weiterhin als Schachfigur in ihren eigenen politischen Spielzügen einsetzen.
Sie überraschte sie.« Medivh lächelte. »Sie ließ sich nicht manipulieren und kämpfte sogar gegen einige der größten Magier ihrer Zeit, als diese unter dämonischen Einfluss gerieten. Manche dachten, ihre Unabhängigkeit würde mit der Zeit vergehen und dass sie, wenn ihre Zeit gekommen war, die Aufgabe an einen einfacheren Kandidaten weiterreichen würde. Erneut überraschte sie die anderen, indem sie ihre eigene Magie benutzte, um tausend Jahre unverändert zu leben. Sie benutzte ihre Macht mit Weisheit und Würde. Und so spaltete sich die Wächterin vom Orden ab. Der Orden kann dem Wächter Vorschläge machen, doch Letzterer hat das Recht Ersteren jederzeit herauszufordern, damit sich das Schicksal der Kaldorei nicht wiederholt.