Tausend Jahre kämpfte sie gegen die Große Dunkelheit und forderte selbst den körperlichen Aspekt von Sargeras heraus, der auf diese Existenzebene gelangt war. Er wollte die mythischen Drachen vernichten, um deren Macht zu vereinnahmen. Magna Aegwynn traf ihn und siegte. Sie sperrte seinen Körper an einen Ort, den niemand kennt, und trennte ihn auf ewig von der Großen Dunkelheit, aus der er seine Macht zieht. Das alles steht in dem epischen Gedicht ›Das Lied von Aegwynn‹, nach dem Guzbah sucht. Sie konnte das nicht auf ewig, aber es muss immer einen Wächter geben.
Und dann …« Wieder unterbrach sich Medivh. »Sie hatte jedoch noch einen Trumpf im Ärmel. Sie war zwar mächtig, aber nicht unsterblich. Man erwartete, dass sie ihre Macht weitergeben würde. Stattdessen benutzte sie einen Zauberer vom Hof von Azeroth, um einen Erben zu zeugen. Dieses Kind ernannte sie zu ihrem Nachfolger. Sie bedrohte den Orden und sagte, sie würde ihre Macht mit in den Tod nehmen und verhindern, dass es einen weiteren Wächter gebe, sollte man ihre Wahl nicht akzeptieren. Der Orden glaubte, es wäre vielleicht einfacher, ein Kind zu manipulieren … mich zu manipulieren … und so stimmte er zu.
Doch die Macht war zu groß. Als ich ein junger Mann war, jünger als du, erwachte sie in mir, und ich schlief mehr als zwanzig Jahre lang. Magna Aegwynn hatte so viel von ihrem Leben, und ich scheine das Meiste von meinem verloren zu haben.« Seine Stimme zitterte. »Magna Aegwynn … meine Mutter …«, setzte er erneut an, bemerkte jedoch, dass er nichts mehr zu sagen hatte.
Khadgar saß für einen Moment ruhig da. Dann streckte sich Medivh, fuhr sich durch die langen Haare und sagte: »Und während ich schlief, schlich sich das Böse zurück in die Welt. Es gibt jetzt mehr Dämonen, mehr Orks. Und Mitglieder meines eigenen Ordens schreiten wieder den dunklen Weg hinab. Ja, Huglar und Hugarin waren Mitglieder des Ordens, so wie schon andere vor ihnen – so wie auch der uralte Arrexis von den Kirin Tor. Ja, etwas Ähnliches geschah mit ihm, und obwohl sie es damals vertuscht haben, hast du wahrscheinlich etwas davon gehört. Sie fürchteten sich vor der Macht meiner Mutter und vor mir, und ich habe dafür gesorgt, dass ihre Furcht sie nicht vernichtet. Dies ist die Aufgabe des Wächters von Tirisfal.«
Der ältere Mann sprang auf. »Ich muss gehen!«
»Gehen?«, sagte Khadgar. Er war überrascht über den plötzlichen Energieausbruch dieses hageren Körpers.
»Wie du schon so richtig bemerkt hast, treibt sich ein Dämon herum«, sagte Medivh, nun wieder lächelnd. »Stoße ins Horn des Jägers. Ich muss ihn finden, bevor er seine Stärke zurückgewinnt und andere umbringt.«
Khadgar richtete sich auf. »Wo fangen wir an?«
Medivh drehte sich um und sah den jüngeren Mann etwas verlegen an. »Nun, wir fangen nirgendwo an. Ich werde allein gehen. Du bist talentiert, aber noch längst nicht bereit für den Kampf gegen einen Dämon. Dies ist meine Schlacht, Schüler.«
»Magus, ich bin sicher, dass ich …«
Medivh hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. »Ich brauche dich hier, damit du deine Ohren offen hältst«, sagte Medivh leise. »Ich zweifle nicht daran, dass der alte Lothar die letzten zehn Minuten mit dem Ohr an der Tür verbracht hat. Es würde mich nicht wundern, wenn sich ein Abdruck des Schlüssellochs auf seiner Wange befände.« Medivh grinste. »Er weiß einiges, aber nicht alles. Deswegen musste ich dir davon erzählen. Ich brauche einen Wächter für den Wächter, wenn du so willst.«
Khadgar sah Medivh an, und der ältere Magier zwinkerte ihm zu. Dann ging er zur Tür und riss sie mit einer schnellen Bewegung auf.
Lothar stolperte zwar nicht in den Raum, befand sich aber unmittelbar jenseits der Schwelle. Vielleicht hatte er gelauscht, vielleicht auch nur Wache gestanden.
»Med«, sagte Lothar mit einem Lächeln. »Seine Majestät …«
»Seine Majestät versteht das sehr gut«, sagte Medivh und schob sich an dem größeren Mann vorbei. »Eher würde ich mich mit einem wildgewordenen Dämon treffen, als mit dem Herrscher einer Nation. Prioritäten und so. In der Zwischenzeit könntest du auf meinen Schüler aufpassen.«
Er sagte all das in einem Atemzug und hatte bereits den Gang bis zur Treppe durchquert, als Lothar gerade die Hälfte seines Satzes hervorgebracht hatte.
Der alte Krieger strich sich mit einer großen Hand über seine Halbglatze und seufzte theatralisch. Dann sah er Khadgar an und seufzte noch einmal.
»So war er schon immer«, sagte Lothar. »Du bist bestimmt hungrig. Komm, wir treiben ein Mittagessen für dich auf.«
Das Mahl bestand aus kaltem Geflügel, das sie aus der Vorratskammer stahlen, und zwei vollen Bierkrügen, die Lothar in seinen mächtigen Pranken transportierte. Trotz der Situation war der Champion des Königs erstaunlich entspannt und führte Khadgar auf einen Balkon, von dem aus sie die Stadt überblicken konnten.
»Herr«, sagte Khadgar. »Trotz der Bitte des Magus, ist mir klar, dass Ihr wichtigere Aufgaben habt.«
»Ja«, sagte Lothar, »und die meisten habe ich erledigt, während du mit Medivh sprachst. Seine Majestät König Llane ist in seinem Quartier, ebenso wie die meisten Höflinge – unter Bewachung natürlich –, für den Fall, dass der Dämon beschließt, sich in der Burg zu verstecken. Außerdem habe ich Agenten in alle Teile der Stadt befohlen. Sie haben die Weisung, alles Verdächtige zu melden, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das Letzte, was wir brauchen, ist eine Dämonenpanik. Ich habe alle Leinen ausgeworfen, und jetzt kann ich nur noch warten.« Er sah den jüngeren Mann an. »Und meine Lieutenants wissen, dass ich auf diesem Balkon bin, weil ich hier immer mein Mittagessen einnehme.«
Khadgar dachte über Lothars Worte nach und erkannte, dass der Champion des Königs viele Gemeinsamkeiten mit Medivh aufwies. Auch er plante nicht nur etliche Schritte voraus, sondern liebte es, anderen von seinen Plänen zu erzählen.
Der Schüler griff nach einem Stück Brustfleisch, während Lothar in einen Schenkel biss. Sie aßen beide schweigend. Das Geflügel war in eine Marinade aus Rosmarin, Speck und Schafsbutter eingelegt worden, bevor es gebraten wurde, und es mundete vortrefflich. Selbst kalt war es so zart, dass es im Munde zerging. Das Bier war schwer, gehaltvoll und schmeckte nach Hopfen.
Unter ihnen breitete sich die Stadt aus. Die Zitadelle selbst stand auf einem felsigen Hügel, der den König bereits von seinen Untertanen trennte und die Höhe des Turms sorgte noch zusätzlich dafür, dass die Bewohner Stormwinds wie kleine Puppen aussahen, die sich geschäftig durch enge Straßen bewegten. Es war Markttag, und hinter den bunt dekorierten Ständen priesen Händler leise, wie es Khadgar aus dieser Höhe erschien, ihre Waren an.
Für einen Moment vergaß Khadgar, wo er war, was er gesehen hatte – und weshalb er sich an diesem Ort aufhielt. Es war eine schöne Stadt. Erst Lothars tiefes Schnauben holte ihn zurück in diese Welt.
»Na?«, sagte der Champion des Königs. »Wie steht es um ihn?«
Khadgar dachte einen Moment nach und antwortete. »Er ist bei guter Gesundheit, wie Ihr ja selbst sehen konntet, Herr.«
»Bah!« Lothar spuckte aus, und für einen Moment befürchtete Khadgar, der Krieger habe sich an einem Stück Fleisch verschluckt. »Ich habe Augen im Kopf, und ich weiß, dass Med fast jeden täuschen kann, wenn er das will. Was ich damit sagen wilclass="underline" Wie steht es um ihn?«
Khadgar blickte wieder hinaus auf die Stadt und fragte sich, ob er auch über Medivhs Talent verfügte und in der Lage sein würde, dem älteren Mann ausweichend zu antworten.
Nein, entschied er. Medivh spielte mit Loyalitäten und Freundschaften, die älter waren als er. Für sich selbst musste eine andere Lösung finden. Er seufzte und sagte: »Er ist anstrengend. Sehr anstrengend. Und intelligent. Und überraschend. Manchmal fühle ich mich, als sei ich Schüler eines Wirbelsturms.« Er sah Lothar an, der den Blick mit hochgezogenen Augenbrauen erwiderte, und hoffte, dass ihm diese Antwort reichen würde.