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Khadgar sah Lothar an und versuchte in den Gesichtsfalten des Mannes zu lesen. Machte sich der alte Krieger Sorgen um seinen Freund oder um den Verlust des magischen Schutzes? Konzentrierte sich seine Sorge auf Medivh dort draußen in der Wildnis oder auf sie alle und auf die Angst, dass etwas sie beobachtete? Das Gesicht des älteren Mannes war wie eine Maske, und in seinen meerblauen Augen fand sich kein Hinweis auf Lothars wahre Gedanken.

Khadgar hatte einen einfachen Schwertkämpfer erwartet, einen Ritter, der in seiner Pflicht aufging – aber der Champion des Königs war weit mehr. Er drängte Khadgar in die Ecke, suchte nach Schwächen, nach Informationen … aber zu welchem Zweck?

Ich brauche jemanden, der den Wächter bewacht, hatte Medivh gesagt.

»Es geht ihm gut«, sagte Khadgar. »Ihr macht Euch Sorgen um ihn, und ich teile Eure Bedenken. Aber es geht ihm gut, und ich bezweifle, dass etwas ihn ernsthaft verletzen könnte.«

Lothars undeutbarer Blick flackerte für einen winzigen Moment. Er setzte an, um etwas zu sagen, um das freundlich geführte Verhör – nichts anderes war es – fortzusetzen, aber plötzlicher Lärm im Inneren des Turms lenkte sie ab. Ihre Unterhaltung, die leeren Bierkrüge und das Essen wurden nebensächlich.

Medivh schritt auf sie zu, gefolgt von einer Gruppe von Dienern und Wachen. Alle äußerten Missfallen über sein Erscheinen, doch keiner wagte es, ihn zu berühren, weshalb sie ihm lediglich wie der lebende Schweif eines Kometen folgten. Der ältere Magier betrat den Balkon.

»Ich wusste doch, dass du deinen Gewohnheiten treu bleiben würdest, Lothar«, sagte Medivh. »Natürlich nimmst du hier deinen Tee ein.« Der Magus lächelte warm, aber Khadgar bemerkte, dass er taumelte, fast so, als wäre er betrunken. Medivh hielt eine Hand hinter seinem Rücken versteckt.

Lothar erhob sich. Seine Stimme klang besorgt. »Medivh, bist du in Ordnung? Der Dämon …«

»Ach ja, der Dämon«, sagte Medivh fröhlich und zog seine blutige Beute hinter dem Rücken hervor. Locker schwang er sie Lothar und Khadgar entgegen.

Die rote Kugel drehte sich im Flug und verspritzte ein paar letzte Blutstropfen, bevor sie vor Lothars Füßen landete. Es war der Kopf eines Dämons, der in der Mitte, genau zwischen seinen beiden Hörnern, gespalten war, so als habe sich eine große Axt in ihn hinein gegraben. Khadgar glaubte, in der gefrorenen Grimasse des Dämons eine Mischung aus Bewunderung und Zorn zu erkennen.

»Den kannst du dir ausstopfen lassen«, sagte Medivh und richtete sich zu voller Größe auf. »Den Rest musste ich natürlich verbrennen. Man weiß nie, was Unerfahrene mit soviel Dämonenblut anstellen.«

Khadgar bemerkte, dass Medivhs Gesicht spitzer als zuvor wirkte, und dass die Falten rund um seine Augen deutlicher zu sehen waren. Lothar schien es ebenfalls aufgefallen zu sein.

»Du hast ihn schnell geschnappt«, sagte er.

»Ein Kinderspiel«, sagte Medivh. »Nachdem mein Vertrauen von der Flucht des Dämons aus der Burg berichtet hatte, fiel es mir leicht, ihm bis zu seinem Unterschlupf zu folgen. Der Kampf war vorbei, noch bevor er richtig begann – und bevor er es überhaupt realisierte.« Der Magus taumelte leicht.

»Dann komm«, sagte Lothar mit warmem Lächeln. »Das sollten wir dem König berichten. Man wird dir zu Ehren ein Fest geben, Med!«

Medivh hob eine Hand. »Ihr müsst leider ohne mich feiern. Wir sollten zurückkehren. Es liegt ein langer Weg vor uns, nicht wahr, Schüler?«

Lothar sah Khadgar erneut forschend an. Medivh wirkte gefasst, aber erschöpft. Er schien sich dieses Mal Khadgars Unterstützung versichern zu wollen.

Der junge Magier hüstelte. »Natürlich. Wir müssen noch ein Experiment abschließen.«

»Genau!« Medivh fing den Ball auf. »Wir waren so in Eile, hierher zu kommen, dass ich das ganz vergessen hatte. Wir sollten uns beeilen.« Der Magus drehte sich um und wandte sich an die versammelte Dienerschaft. »Sattelt unsere Tiere! Wir reisen sofort ab.« Die Diener liefen wie aufgeschreckte Hühner durcheinander. Medivh wandte sich wieder an Lothar. »Du wirst uns natürlich bei Seiner Majestät entschuldigen?«

Lothar sah Medivh an, dann Khadgar, dann wieder Medivh. Schließlich seufzte er und sagte: »Natürlich. Lass mich euch aber wenigstens aus dem Turm geleiten.«

»Begleite uns«, sagte Medivh. »Und vergiss den Kopf nicht. Ich würde ihn selbst behalten, aber so einen habe ich schon.«

Lothar griff nach dem gehörnten Schädel und ging an Medivh vorbei. Als er an den Magus passiert hatte, schien aus dessen Körper die Luft zu entweichen. Er wirkte müder als zuvor, grauer als noch vor wenigen Momenten. Er stieß einen schweren Seufzer aus und wandte sich ebenfalls zur Tür.

Khadgar eilte ihm nach und fasste ihn am Ellenbogen. Es war nur eine leichte Berührung, aber der ältere Magus zuckte zusammen, als habe man ihn geschlagen. Er drehte sich zu Khadgar um. Seine Augen wurden für einen Moment glasig, dann sah er den jüngeren Mann an.

»Magus«, sagte Khadgar.

»Was ist jetzt?«, fragte Medivh in zischendem Flüsterton.

Khadgar dachte nach, was er darauf erwidern konnte, ohne den Zorn des Magus zu erregen. »Es geht Euch nicht gut«, sagte er schließlich.

Es war die richtige Reaktion. Medivh nickte schwerfällig und sagte: »Mir ging es schon besser. Lothar weiß das vermutlich auch, aber er spricht mich nicht darauf an. Ich wäre lieber zuhause als hier.« Er machte eine kurze Pause, und seine Lippen bildeten einen dünnen Strich unter seinem Bart. »Ich war hier sehr lange krank. Dieses Experiment will ich nicht wiederholen.«

Khadgar sagte nichts, nickte nur. Lothar stand jetzt wartend neben der Tür.

»Du musst mich auf dem Weg nach Karazhan stützen«, sagte Medivh an Khadgar gewandt, sodass es die Umstehenden hören konnten. »Das Stadtleben verlangt einem Mann viel ab. Ich könnte jetzt ein Nickerchen vertragen.«

9

Der Schlaf des Magus

»Das ist sehr wichtig«, sagte Medivh. Er taumelte leicht, als er vom Rücken des Greifs stieg, wirkte erschöpft. Khadgar nahm an, dass ihm der Kampf gegen den Dämon schwerer gefallen war, als Medivh zu erkennen geben wollte.

»Ich werde für einige Tage … nicht erreichbar sein«, fuhr der ältere Magier fort. »Sollten während dieser Zeit Boten eintreffen, musst du auf meine Korrespondenz achten.«

»Das ist kein Problem«, sagte Khadgar.

»Das ist ein Problem«, sagte Medivh, während er die Stufen hinabging. »Deshalb muss ich dir erklären, wie man die Briefe mit dem Purpursiegel liest. Ein Purpursiegel steht für Angelegenheiten des Ordens.«

Khadgar schwieg und nickte.

Medivh rutschte auf den Stufen aus, stolperte und fiel nach vorne. Khadgar wollte nach ihm greifen, aber der ältere Mann stützte sich bereits an der Wand ab und zog sich nach oben. Ohne merkliche Unterbrechung fuhr er fort: »In der Bibliothek gibt es eine Schriftrolle, die ›Das Lied von Aegwynn‹ heißt. Darin wird vom Kampf zwischen meiner Mutter und Sargeras berichtet.«

»Das ist die Schriftrolle, von der Guzbah eine Kopie wollte«, sagte Khadgar. Er musterte den Magier besorgt, während dieser vor ihm die Stufen hinabschlurfte.

»Genau die«, sagte Medivh. »Deshalb kann er sie nicht bekommen – wir benutzen sie als Verschlüsselung für die Botschaften des Ordens. Sie ist der Hauptschlüssel. Jedes Mitglied des Ordens besitzt eine identische Schriftrolle. Wenn man das Standardalphabet nimmt, muss man einfach nur alle Buchstaben nach unten schieben, sodass der erste zum vierten oder zehnten oder zwanzigsten wird. Es ist ein einfacher Schlüssel. Verstehst du das?«

Khadgar wollte antworten, dass er es verstand, aber Medivh ließ ihm keine Zeit, schien es eilig mit seinen Erklärungen zu haben.

»Die Schriftrolle ist der Schlüssel«, wiederholte er. »Am Anfang der Botschaft befindet sich etwas, das wie ein Datum aussieht. Es ist aber keins. Es ist der Hinweis auf den Absatz, die Zeile und das Wort, mit dem du beginnst. Der erste Buchstabe des Worts wird zum ersten Buchstaben des Alphabets in der Verschlüsselung. Von da an geht es normal weiter. Der nächste Buchstabe in der Reihenfolge ist also der zweite Buchstabe des Alphabets und so weiter.«