Khadgar hielt den Atem an und warf einen Blick zum Arbeitstisch. Ein paar Bücher. Eine Kerze vor einem Spiegel, um das Licht zu verstärken. Ein Brieföffner, mit dem man die Purpursiegel brach.
Der junge Magier griff langsam nach dem Öffner, versuchte sich zu bewegen, ohne die Aufmerksamkeit des Dämons auf sich zu ziehen. Seine Finger schlossen sich fest um das Werkzeug, seine Knöchel traten weiß hervor.
Sargeras stand immer noch am Fußende des Bettes. Ein Moment verging, und Khadgar versuchte sich zu einer Bewegung zu zwingen. Entweder fliehen oder angreifen. Seine Muskeln waren wie aus Stein.
Medivh drehte sich in seinem Bett und murmelte etwas Unverständliches. Der Dämonenherrscher hob langsam eine Hand, als wolle er den leblosen Körper des Magiers segnen.
Khadgar schrie auf und sprang mit dem Brieföffner in der Hand von seinem Stuhl. Erst in diesem Moment begriff er, dass er den Öffner in der falschen Hand hielt.
Der Dämon sah in einer spielerisch eleganten Bewegung auf, als würde er schlafen oder befände sich unter Wasser. Er sah den Angreifer an, der ungeschickt mit einem kurzen scharfen Dolch fuchtelte.
Der Dämon lächelte. Medivh drehte sich im Schlaf und murmelte. Khadgar stieß dem Dämon den Brieföffner in die Brust …
… und durch dessen ganzen Körper hindurch. Der Schwung seines Stoßes trug ihn durch die Gestalt Sargeras’ hindurch bis zur gegenüberliegenden Wand. Er konnte nicht mehr abbremsen und prallte schwer dagegen. Der Brieföffner fiel klirrend auf den Steinboden.
Medivh öffnete weit die Augen und setzte sich auf. »Moroes? Khadgar? Seid ihr hier?«
Khadgar kam auf die Beine und sah sich um. Der Dämon war verschwunden wie eine Seifenblase, die man mit einer Nadel berührt. Er und Medivh waren allein im Zimmer.
»Was machst du auf dem Boden, Junge?«, fragte Medivh. »Moroes hätte dir ein Lager bereiten können.«
»Meister, Eure Schutzzauber!«, rief Khadgar. »Sie haben versagt. Da war …« Er zögerte für einen Moment, war sich nicht sicher, ob er preisgeben sollte, dass er wusste, wie Sargeras aussah. Medivh würde es auffallen, und er würde ihn nicht in Ruhe lassen, bis er enthüllte, woher er es wusste.
»Ein Dämon«, stieß er hervor. »Hier war ein Dämon.«
Medivh lächelte. Er wirkte ausgeruht, und die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück. »Ein Dämon? Wohl kaum. Warte.« Er schloss die Augen und nickte. »Nein, die Schutzzauber sind unbeschädigt. Ein Nickerchen reicht nicht aus, um ihnen die Energie zu entziehen. Was hast du gesehen?«
Khadgar schilderte das Auftauchen des Dämons aus der Wolke aus kochender blutiger Milch bis zu dem Punkt, wo er vor dem Bett gestanden und die Hand gehoben hatte.
Der Magus schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das war wieder eine deiner Visionen«, sagte er schließlich. »Ein Stück Zeit hat sich losgerissen und ist in den Turm eingefallen, wo es ebenso schnell wieder verschwand.«
»Aber der Dämon …«, begann Khadgar.
»Der Dämon, den du beschrieben hast, gibt es in diesem Leben nicht mehr«, sagte Medivh. »Er wurde getötet und in den Ozean geworfen, bevor ich geboren wurde. Du hattest eine Vision von Sargeras aus ‚Das Lied von Aegwynn‘. Die Schriftrollen liegen vor dir. Du hast wohl die Nachrichten entschlüsselt. Vielleicht hat das den aus der Zeit gerissenen Geist in dieses Zimmer gelockt. Du solltest hier nicht arbeiten, während ich schlafe.«
Er zog die Augenbrauen zusammen, als sei er nicht sicher, ob er wütend werden sollte.
»Es tut mir Leid … Ich wollte Euch nicht allein lassen.« Khadgar klang unbeholfen.
Medivh erlaubte sich ein Lächeln. »Ich habe nicht gesagt, dass ich es verbiete, und ich glaube nicht, dass Moroes dich aufgehalten hätte. Schließlich musste er sich dann selbst etwas weniger um mich kümmern …« Er strich mit Daumen und Zeigefinger über Lippen und Bart. »Ich glaube, ich hatte genügend Suppe für den Rest meines Lebens. Und nur damit du dich sicherer fühlst, werde ich die mystischen Schutzzauber des Turms überprüfen. Ich werde dir zeigen, wie man sie anlegt. Ist abgesehen von Dämonenvisionen noch etwas in meiner Abwesenheit geschehen?«
Khadgar fasste die Nachrichten zusammen, die er erhalten hatte. Die sich häufenden Ork-Zwischenfälle. Lothars Karte. Die geheimnisvolle Nachricht über den Abgesandten. Und die Nachricht von Guzbahs Tod.
Medivh grunzte, als er hörte, wie Guzbah gestorben war und sagte: »Jetzt werden sie also Guzbah die Schuld in die Schuhe schieben, bis der nächste arme Narr zerfetzt wird.« Er schüttelte den Kopf und fügte hinzu: »Fest der Schriftgelehrten. Das war vor Huglars und Hugarins Tod.«
»Ungefähr anderthalb Wochen davor«, bestätigte Khadgar.
»Ein Dämon hätte genügend Zeit, um von Dalaran nach Stormwind zu fliegen.«
»Oder ein Mann auf dem Rücken eines Greifen«, sagte Medivh nachdenklich. »Es gibt nicht nur Dämonen und Magie in dieser Welt. Manchmal reicht auch eine einfachere Antwort aus. Sonst noch etwas?«
»Die Orks werden anscheinend immer zahlreicher und gefährlicher«, sagte Khadgar. »Lothar sagt, dass sie sich nicht mehr auf Karawanenüberfalle beschränken, sondern auch Siedlungen angreifen. Kleine Siedlungen, aber die Menschen zieht es deshalb nach Stormwind und in die anderen Städte.«
»Lothar macht sich zu viele Sorgen«, widersprach Medivh und schnitt eine Grimasse.
»Er ist besorgt, ja«, erwiderte Khadgar ruhig. »Niemand weiß, was als Nächstes geschehen wird.«
»Ganz im Gegenteil.« Medivh stieß einen tiefen Seufzer aus. »Wenn alles, was du erzählt hast, der Wahrheit entspricht, werden sich die Ereignisse genau so abspielen, wie ich es erwartet habe.«
10
Der Abgesandte
Während Medivh sich erholte, beruhigten sich die Ereignisse in seiner Umgebung – so sehr sie sich in der Gegenwart des Magus überhaupt beruhigen konnten. Wenn er abwesend war, hinterließ er Khadgar Anweisungen zur Verbesserung seiner magischen Talente, und wenn er sich Medivh im Turm aufhielt, musste der junge Magier diese neugewonnenen Fähigkeiten auf ein Fingerschnipsen hin vorführen können.
Khadgar passte sich schnell an, fühlte sich jedoch, als seien seine Fähigkeiten wie Kleidung, die ihm um zwei Nummern zu groß war und in die er erst noch hineinwachsen musste. Er konnte jetzt Feuer mit seinem Willen kontrollieren, Blitze ohne eine einzige Wolke am Himmel herbeirufen und kleine Gegenstände durch die Kraft seines Geistes dazu bringen, auf der Tischplatte zu tanzen. Er lernte auch andere Zaubersprüche – wie zum Beispiel einen Spruch, mit dem er aus nur einem Knochen eines Leichnams dessen Todesursache lesen oder einen anderen, mit dem man Bodennebel aufsteigen lassen konnte; sogar noch einen dritten, mit dessen Hilfe man magische Botschaften für andere hinterließ. Er lernte, wie man einem leblosen Gegenstand das wahre Alter nimmt und kräftigte so einen morsch gewordenen Stuhl. Auch das Gegenteil erlernte er und entzog einer neu geschnitzten Keule deren Frische. Sie wurde daraufhin brüchig und zerfiel zu Staub. Er lernte, wie die Schutzkammern funktionierten und erhielt die Aufgabe, auf sie zu achten. Er erfuhr von der Bibliothek der Dämonen, auch wenn Medivh es nicht erlaubte, derlei in seinem Turm zu beschwören. Diesem Befehl wollte Khadgar auch nicht zuwider handeln.
Medivh verschwand manchmal nur für ein paar Stunden, dann wieder für ein paar Tage. Er hinterließ stets Instruktionen, gab jedoch nie Erklärungen ab. Bei seiner Rückkehr wirkte der Wächter stets hagerer und müder als zuvor, und er prüfte streng die Fortschritte des Jugendlichen und fragte nach den Neuigkeiten, die es während seiner Abwesenheit gegeben hatte. Doch er fiel kein weiteres Mal in seinen komagleichen Schlaf, und so nahm Khadgar an, dass bei den mysteriösen Taten seines Herrn Dämonen keine Rolle spielten.
Eines Abends, als sich Khadgar in der Bibliothek aufhielt, hörte er Lärm aus dem unteren Gemeinschaftsbereich und aus den Ställen. Es waren Rufe, Herausforderungen und leisere, unverständliche Antworten. Als er das Fenster erreichte, von dem aus er auf diesen Teil des Gemäuers hinabblicken konnte, sah er noch, wie eine Gruppe von Reitern die Mauern des Turms verließ.