Der junge Magier zischte, ließ es mit Magie bewenden und wählte einen direkteren Weg. Noch benommen vom Schlag drehte er sich zur Seite, griff nach dem Arm der Gegnerin und zerrte daran. Einen Moment zeichnete sich Überraschung auf dem Ork-Gesicht ab, doch dann setzte sie ihre Füße fest auf den Boden und zog Khadgar auf sich zu.
Khadgar roch Gewürze, als er auf sie zugerissen wurde, dann warf sie ihn auch schon in den Gang. Er rutschte über den Steinboden, schlug gegen die Wand und kam schließlich vor den Füßen einer zweiten Person zur Ruhe.
Als er aufsah, erkannte er den Verwalter, der den Blick leicht besorgt erwiderte.
»Moroes!«, schrie Khadgar. »Verschwindet! Holt den Magus! Wir haben einen Ork im Turm!«
Moroes bewegte sich nicht, sondern sah die Ork-Frau aus seinen trüben hellen Augen an. »Seid Ihr in Ordnung, Abgesandte?«
Die Frau verzog ihre grünen Lippen zu einem Lächeln und hüllte sich wieder vollständig in den Umhang. »Es ging mir nie besser. Ich brauchte ein wenig Abwechslung. Der Kleine war so freundlich, dafür zu sorgen.«
»Moroes!«, stieß der junge Magier hervor. »Diese Frau ist …«
»Die Abgesandte. Ein Gast des Magus«, antwortete Moroes. Trocken fügte er hinzu: »Ich sollte dich holen. Der Magus möchte dich sehen.«
Khadgar stemmte sich auf die Beine und sah die Abgesandte scharf an. »Wenn du den Magus siehst, wirst du ihm dann von deiner Spionage berichten?«
»Er will nicht sie sehen«, korrigierte ihn Moroes. »Er will dich sehen, Lehrling.«
»Sie ist eine Ork!«, rief Khadgar lauter und schärfer, als er es eigentlich wollte.
»Eine Halb-Ork«, erwiderte Medivh. Er beugte sich über seine Werkbank und fuchtelte mit einem goldenen Gerät, einem Astrolabium, herum. »Ich gehe davon aus, dass es in ihrer Heimat Menschen oder Fast-Menschen gibt – oder gegeben hat. Reich mir mal die Zange, Lehrling.«
»Sie haben versucht Euch umzubringen!«, empörte sich Khadgar.
»Du meinst die Orks? Es stimmt, das haben einige versucht«, sagte Medivh ruhig. »Einige Orks haben versucht mich zu töten. Und versucht dich zu töten. Garona gehörte nicht zu dieser Gruppe. Das glaube ich zumindest. Sie ist hier als Repräsentantin ihres Volkes. Zumindest eines Teils ihres Volkes.«
Garona. Also hat die Hexe einen Namen, dachte Khadgar. Laut sagte er: »Wir wurden von Orks angegriffen. Ich hatte Visionen von Ork-Angriffen. Ich habe die Nachrichten aus ganz Azeroth gelesen, die von Überfallen und Angriffen der Orks sprechen. Immer wieder hört man von der Brutalität und Grausamkeit der Orks. Es scheint jeden Tag mehr von ihnen zu geben. Das ist ein gefährliches und bestialisches Volk!«
»Sie hat dich mit Leichtigkeit besiegt, richtig?«, fragte Medivh und blickte von seiner Arbeit auf.
Obwohl er es nicht wollte, berührte Khadgar seinen Mundwinkel, an dem das Blut bereits getrocknet war. »Damit hat es nichts zu tun.«
»Natürlich nicht«, antwortete Medivh. »Und womit hat es etwas zu tun?«
»Sie ist eine Ork. Sie ist gefährlich. Und Ihr habt ihr freien Zugang zum Turm gestattet.«
Medivh knurrte. In seiner Stimme war plötzlich eisige Schärfe. »Sie ist eine Halb-Ork. Sie ist ungefähr so gefährlich wie du, wenn man die Situation und ihre Absichten bedenkt. Und sie ist mein Gast und sollte mit dem ihr zustehenden Respekt behandelt werden. Das erwarte ich von dir.«
Khadgar schwieg einen Moment, bevor er einen neuen Ansatz versuchte. »Sie ist die Abgesandte?«
»Ja.«
»Von wem wurde sie entsandt?«
»Von einem oder mehreren der Clans, die momentan den Schwarzen Morast bewohnen«, sagte Medivh. »Ich weiß noch nicht, welche. So weit sind wir noch nicht gekommen.«
Khadgar blinzelte überrascht. »Ihr habt sie in unseren Turm gelassen, obwohl sie keine offizielle Funktion bekleidet?«
Medivh legte die Zange zur Seite und seufzte müde. »Sie hat sich mir als Repräsentantin einiger Clans vorgestellt, die momentan Azeroth unsicher machen. Wenn wir diese Angelegenheit ohne Feuer und Schwert klären wollen, dann muss jemand anfangen zu reden. Warum also nicht hier? Und nebenbei bemerkt ist dies mein Turm, nicht unserer. Du bist mein Schüler, mein Lehrling und bist hier, weil es mir so gefällt. Und als mein Schüler und Lehrling erwarte ich von dir ein vorurteilsfreies Verhalten.«
Es herrschte Stille, als Khadgar über diese Worte nachdachte. »Also – wen repräsentiert sie? Einige, alle oder keinen Ork?«
»Momentan repräsentiert sie nur sich selbst«, sagte Medivh und seufzte irritiert. »Nicht alle Menschen glauben an die gleichen Dinge. Es gibt keinen Grund, warum das bei den Orks anders sein sollte. Meine Frage an dich lautet: Wenn man deine natürliche Neugier bedenkt, warum versuchst du nicht bereits so viele Informationen wie möglich aus ihr herauszuholen, anstatt mir zu sagen, was ich zu tun habe? Oder bezweifelst du, dass ich mit einem einzigen Halb-Ork fertig werde?«
Khadgar schwieg. Sein Verhalten und seine Unfähigkeit, die Dinge aus mehr als nur einer Perspektive zu betrachten, waren ihm peinlich. Zweifelte er an Medivh? War es möglich, dass der Magus sich in einer Weise verhielt, die gegen seinen Orden gerichtet war? Die Frage brannte in ihm, wurde noch angefacht durch Lothars Worte, durch die Vision des Dämons und die Intrigen des Ordens. Er wollte den älteren Mann warnen, aber jedes Wort schien auf ihn selbst zurückzufallen.
»Ich mache mir manchmal Sorgen um Euch«, sagte er schließlich.
»Und ich mache mir manchmal Sorgen um dich«, erwiderte der ältere Magier wie geistesabwesend. »Ich mache mir in letzter Zeit um vieles Sorgen.«
Khadgar wagte einen letzten Versuch. »Herr, ich glaube, dass Garona eine Spionin ist. Ich glaube, dass sie nur hier ist, um möglichst viele Informationen zu sammeln, die sie später gegen Euch verwenden wird.«
Medivh lehnte sich zurück und lächelte den jungen Mann verschmitzt an. »Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, junger Freund. Oder hast du die Liste vergessen, die deine eigenen Herren von den Kirin Tor dir mitgegeben haben? Wie viele Informationen solltest du aus mir herausholen, als du damals nach Karazhan kamst?«
Khadgars Ohren waren knallrot, als er überhastet das Zimmer verließ.
11
Garona
Er kehrte in seine (nun ja, Medivhs) Bibliothek zurück, wo Garona bereits seine Notizen durchging. Eine plötzliche Wut stieg in ihm auf, aber die Schmerzen von ihren Hieben und Medivhs mahnende Worte sorgten dafür, dass er sich beherrschte.
»Was tust du da?«, fragte er scharf.
Garonas Finger tanzten über das Papier. »Herumschnüffeln würdest du das wohl nennen. Spionieren?« Sie sah auf. »Eigentlich versuche ich nur zu verstehen, was du hier machst. Die Papiere lagen offen herum. Ich hoffe, es stört dich nicht.«
Und wie es mich stört, dachte Khadgar, sagte jedoch: »Meister Medivh hat mich gebeten, dich in allem zu unterstützen, aber es würde ihm wohl kaum gefallen, wenn ich in diesem Zusammenhang zulasse, dass du dich durch einen unvorsichtigen Zauber selbst in die Luft jagst.«
Garonas Gesicht blieb regungslos, aber Khadgar bemerkte, dass sie die Finger von den Papieren zurückzog. »Ich bin an Magie nicht interessiert.«
»Berühmte letzte Worte«, versetzte Khadgar. »Kann ich dir bei irgendetwas helfen, oder schnüffelst du nur allgemein herum, um zu sehen, was du vielleicht aufschnappen kannst?«
»Ich habe gehört, du hast ein Buch über die Könige von Azeroth«, sagte sie. »Ich würde es gerne lesen.«
»Du kannst lesen?«, fragte Khadgar. Es klang gemeiner, als er es beabsichtigt hatte. »Tut mir Leid, ich wollte …«