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»Vielleicht«, sagte Khadgar.

»Nein«, sagte Garona, »weil ich diese Namen gerade erfunden habe. Und der Name der Gruppe, die mich geschickt hat, würde dir jetzt auch noch nichts sagen. Genauso bedeutet die Freundschaft, die den alten Mann mit einem gewissen König Llane verbindet, unseren Häuptlingen nichts – und der Name Lothar ist nur ein Fluch, der von den Lippen menschlicher Bauern kommt, wenn wir ihnen begegnen. Bevor es zu einem Frieden oder echten Verhandlungen kommen kann, müssen wir mehr über euch erfahren.«

»Weshalb du hier bist.«

Garona seufzte tief. »Weshalb ich bete, dass du mich so lange in Ruhe lässt, dass ich herausfinden kann, worüber der alte Mann redet, wenn wir uns unterhalten.«

Khadgar schwieg einen Moment lang. Garona öffnete das Buch erneut und blätterte die Seiten bis zu der Stelle durch, an der sie unterbrochen worden war.

»Natürlich beruht das auf Gegenseitigkeit«, sagte Khadgar, und Garona schloss das Buch mit einem theatralischen Seufzer. »Ich meine, dass wir auch mehr über die Orks erfahren müssen, wenn wir mehr als nur gegen sie kämpfen wollen. Wenn ihr ernsthaft den Frieden wollt.«

Garona starrte Khadgar an, und für einen Moment befürchtete der junge Magier, die Halb-Ork würde über den Tisch springen und ihn erwürgen. Stattdessen stellte sie ihre Ohren auf und sagte: »Moment, was ist das?«

Khadgar fühlte es, bevor er es hörte. Eine plötzliche Veränderung in der Luft, als habe man irgendwo im Turm ein Fenster geöffnet. Eine leichte Brise wirbelte den Staub im Gang auf. Eine warme Welle glitt durch den Turm.

Khadgar sagte: »Da ist etwas …«

Garona erwiderte: »Ich habe es gehört …«

Und dann hörte es auch Khadgar, das Geräusch eiserner Klauen, die über Stein schabten. Er spürte, wie die Luft um ihn herum wärmer wurde und sich die Haare in seinem Nacken aufstellten.

Und die große Bestie trat in die Bibliothek.

Sie bestand aus Feuer und Schatten. Ihre Haut war dunkel, Flammen waren darin zu sehen. Aus ihrem wolfsartigen Gesicht ragten geschwungene Hörner hervor, die wie poliertes Elfenbein glänzten. Sie sah aus wie ein Zweibeiner, ging jedoch auf allen vieren. Die langen Klauen kratzten über den Boden.

»Was ist …?«, zischte Garona.

»Dämon«, sagte Khadgar mit erstickter Stimme. Er erhob sich und wich vom Tisch zurück.

»Dein Diener sagte, es gäbe hier Visionen. Geister. Ist das einer?« Garona stand ebenfalls auf.

Khadgar wollte erklären, dass es sich um keine Vision handelte, weil man darin komplett in eine andere Umgebung versetzt wurde, aber er schüttelte nur den Kopf.

Die Bestie stand auf der Türschwelle und hob die Nase. Flammen schlugen aus ihren Augen. War die Bestie blind, orientierte sie sich nur am Geruch? Witterte sie etwas Fremdes in der Luft, einen Geruch, den sie nicht erwartet hatte?

Khadgar versuchte die Energien in seinem Geist zu sammeln, aber sein Herz hämmerte, und seine Gedanken waren leer. Die Bestie schnüffelte weiter, bis sie den beiden gegenüberstand.

»Geh in den hohen Turm«, sagte Khadgar ruhig. »Wir müssen Medivh warnen.«

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Garona nickte, während sich ihre Blicke weiter auf die Bestie richteten. Ein Schweißtropfen lief über ihren langen Hals nach unten. Sie drehte sich leicht zur Seite.

Die Bewegung reichte aus. Alles geschah gleichzeitig. Die Bestie spannte sich an und sprang ins Zimmer. Khadgar reagierte, zog die Energien in sich hinein, hob seine Hand und stieß einen Energieblitz in die Brust der Kreatur. Die Energie bohrte sich in den Körper der Bestie und trat an ihrem Rücken wieder aus. Brennendes Fleisch flog in alle Richtungen, aber das hielt sie nicht auf.

Sie landete auf dem Tisch, ihre Klauen gruben sich in das harte Holz, dann sprang sie erneut, dieses Mal auf Khadgar zu. Der junge Magier erstarrte für eine Sekunde, aber diese Sekunde reichte dem Dämon, um die Entfernung zwischen ihnen zu überbrücken.

Etwas griff nach Khadgar und zog ihn fort. Er roch Zimt und hörte einen tiefen Fluch, als er aus dem Weg des angreifenden Dämons gerissen wurde. Die Bestie flog durch die Luft, wo eben noch der Schüler gestanden hatte, und brüllte wütend. Eine klaffende Wunde erschien in ihrer linken Seite. Brennendes Blut schoss daraus hervor.

Garona entließ Khadgar aus ihrem Griff (es war ein schwacher, menschlicher Griff, der ihm trotzdem die Luft aus den Lungen presste). In ihrer Hand sah der Schüler ein Messer, dessen lange Klinge nach dem ersten Stich rot gefärbt war. Khadgar fragte sich, wo sie die Waffe während ihres Streits versteckt gehalten hatte.

Die Bestie landete, fuhr herum und versuchte mit ausgestreckten Pranken einen zweiten, ungeschickten Angriff. Augen und Maul waren voller Flammen. Khadgar duckte sich und kam mit einem schweren roten Buch – Die Erbfolge von Azeroths Königen – wieder nach oben. Er schleuderte es der Bestie ins Gesicht und duckte sich erneut. Das Ungetüm flog an ihm vorbei und landete neben der Tür. Es stieß einen erstickt klingenden Würgelaut aus und schüttelte seinen massigen Kopf, um das Buch loszuwerden, das sich zwischen seinen Hörnern verkantet hatte. Khadgar bemerkte das Blut, das über die rechte Seite der Bestie lief. Garona hatte ein zweites Mal zugestochen.

»Hol Medivh!«, schrie Khadgar. »Ich locke ihn von der Tür weg.«

»Und was ist, wenn der Dämon mich will?«, fragte Garona, und zum ersten Mal bemerkte Khadgar Furcht in ihrer Stimme.

»Er will dich nicht«, sagte er grimmig. »Er tötet Magier.«

»Aber du …«

»Geh!«, rief Khadgar.

Er wich nach links aus, und wie er befürchtet hatte, folgte ihm die Bestie. Garona lief jedoch nicht zur Tür, sondern wich nach rechts aus und kletterte auf das hintere Bücherregal.

»Hol Medivh!«, schrie Khadgar, während er den Gang zwischen zwei Regalen entlang lief.

»Dafür ist nicht genug Zeit«, antwortete Garona, die immer noch nach oben kletterte. »Versuch ihn zwischen den Regalen aufzuhalten.«

Khadgar drehte sich am Ende des Gangs um. Der Dämon war bereits über den Tisch gesprungen und bewegte sich jetzt ebenfalls zwischen den Regalen voller historischer und geographischer Bücher. In den Schatten leuchteten die flammenden Augen der Bestie bösartiger als je zuvor. Beißender Rauch drang aus ihren verletzten Flanken.

Khadgar bemühte sich um Konzentration, kämpfte seine Furcht nieder und schoss einen mystischen Pfeil ab. Ein Blitz oder eine Feuerkugel wären vielleicht effektiver gewesen, aber die Bestie stand mitten zwischen den Büchern.

Der Pfeil traf den Dämon ins Gesicht. Er taumelte einen Schritt zurück, knurrte und kroch wieder vorwärts.

Khadgar wiederholte den Vorgang wie ein Ritual – Konzentration sammeln, Furcht bekämpfen, Hand heben und das Wort aussprechen. Ein zweiter Pfeil prallte von den Elfenbeinhörnern ab und schoss nach oben. Die Bestie zögerte nur für einen Moment. Ihre Schnauze schien sich in einem verstörenden, flammenden Grinsen zu verziehen.

Ein drittes Mal beschwor Khadgar die Macht des magischen Pfeils, doch die Bestie war bereits nah, und als der Pfeil an ihrem Gesicht vorbeischoss, erhellte er nur den überlegenen Ausdruck darin, sonst nichts. Khadgar roch saures, brennendes Fleisch und hörte ein tiefes Klicken in der Kehle der Bestie – Gelächter?

»Mach dich bereit!«, rief Garona von irgendwo rechts oben.

»Was treibst du da …?«, begann Khadgar und wich bereits zurück.

»Lauf!«, schrie sie und stieß sich mit den Füßen ab. Die Halb-Ork war bis an die Spitze der Bücherregale geklettert und drückte sie jetzt auseinander, brachte sie zu Fall wie gewaltige Dominosteine. Es krachte donnergleich, als die Regale zusammenstießen, Bücher zu Boden rutschten und das Holz alles zerquetschte, was sich in seinem Weg befand.

Das letzte Bücherregal prallte gegen die Wand und zersplitterte. Garona rutschte daran herab und blieb mit gezücktem Messer stehen. Sie versuchte etwas durch die Staubwolken zu erkennen.