»Khadgar?«, fragte sie.
»Hier«, sagte der Lehrling, der sich gegen die Wand gepresst hatte. Neben ihm ragten Eisenstangen hervor, die die Galerie über ihm stützten. Selbst für einen Menschen war sein Gesicht bleich.
»Haben wir den Dämon erwischt?«, fragte sie. Sie duckte sich, erwartete immer noch einen Angriff.
Khadgar zeigte auf einen Punkt, der eben noch das Ende der Regale gebildet hatte. Der gesamte Boden war mit Holzteilen und zerfetzten Büchern bedeckt. Aus den Trümmern ragte ein muskulöser Arm hervor, der aus schwachen Flammen und verzogenen Schatten bestand. Die eisernen Klauen hatten sich durch Rost bereits rot gefärbt, und warmes Blut floss über den Boden. Die ausgestreckte Pranke befand sich nur einen Schritt von Khadgar entfernt.
»Erwischt«, sagte Garona und ließ das Messer wieder unter ihrer Bluse verschwinden.
»Du hättest auf mich hören sollen«, sagte Khadgar und hustete sich den Staub aus der Kehle. »Du hättest Medivh holen sollen.«
»Der Dämon hätte dich zerfetzt, bevor ich auch nur zwei Schritte zurückgelegt hätte«, entgegnete die Halb-Ork. »Und wer hätte das dem alten Mann erklärt?«
Khadgar nickte und blickte auf, als ihm ein Gedanke kam. »Meinst du, der Magus hat das hier gehört?«
Garona nickte. »Er sollte bereits auf dem Weg hierher sein. Wir haben genügend Lärm gemacht, um die Toten zu wecken.«
»Und was ist …« Khadgar steuerte bereits die Tür der Bibliothek an. »… wenn es mehr als einen Dämon gibt? Komm! Rasch!«
Ohne nachzudenken zog Garona erneut ihre Waffe und folgte dem Menschen aus dem Raum.
Als sie Medivh erreichten, saß er in seinem Labor an der gleichen Werkbank, an der Khadgar ihn vor nicht mehr als einer Stunde angetroffen hatte. Das goldene Instrument, mit dem er beschäftigt war, lag in verbogenen Stücken vor ihm. Ein Eisenhammer ruhte auf einer Seite der Bank.
Medivh sah auf, als Khadgar ins Zimmer stürzte, dicht gefolgt von Garona. Der Lehrling fragte sich, ob der Magus die Ereignisse verschlafen hatte.
»Meister! Es ist ein Dämon im Turm!«, stieß Khadgar hervor.
»Schon wieder ein Dämon?«, fragte Medivh müde und rieb sich ein Auge. »Beim ersten Mal war es ebenfalls ein Dämon; beim letzten Mal war es ein Ork.«
»Euer Schüler hat Recht«, sagte Garona. »Ich war mit ihm in der Bibliothek, als der Dämon angriff. Er war groß, bestialisch und verschlagen. Er bestand aus Feuer und Dunkelheit, und seine Wunden brannten und rauchten.«
»Es war vermutlich nur eine weitere Vision«, wiegelte Medivh ab und widmete sich wieder seiner Arbeit. Er hob eines der demolierten Teile auf und betrachtete es, als habe er es noch nie zuvor gesehen. »Visionen kommen hier häufig vor. Ich glaube, Moroes hat Euch davor gewarnt, Gesandte.«
»Es war keine Vision, Meister«, rief Khadgar. »Es war ein Dämon wie jener, den Ihr in der Stormwind-Burg bekämpft habt. Etwas hat die Schutzzauber durchdrungen und uns angegriffen.«
Medivhs graue Brauen hoben sich misstrauisch. »Etwas soll schon wieder meine Schutzzauber durchdrungen haben? Lächerlich.« Er schloss die Augen und zeichnete ein Symbol in die Luft. »Nein, alles in Ordnung. Alle Schutzzauber funktionieren. Ihr seid hier. Köchin ist in der Küche und Moroes im Gang vor der Bibliothek.«
Khadgar und Garona tauschten einen Blick. »Dann solltet Ihr sofort mitkommen, Meister.«
»So, sollte ich das?«, fragte Medivh. »Aber ich habe andere Dinge, um die ich mich kümmern muss.«
»Bitte seht es euch an«, sagte Khadgar.
»Wir glauben, dass die Bestie tot ist«, sagte Garona, »aber wir wollen das Leben Eurer Diener nicht wegen einer bloßen Annahme riskieren.«
Medivh warf einen Blick auf das zerschlagene Gerät, schüttelte den Kopf und legte es zurück. Es schien ihn zu irritieren. »Wie Ihr es wünscht. Schüler sollten nicht so viel Ärger machen.«
Als sie die Bibliothek erreichten, stand Moroes bereits mit dem Besen in der Hand da und betrachtete die Schäden. Er wirkte etwas verloren, als die beiden Menschen und die Halb-Ork eintraten.
»Glückwunsch«, sagte Medivh. Er war mehr als schlecht gelaunt. »Du hast mehr zerstört als bei deiner Ankunft im Argen lag. Da hatte ich wenigstens noch Regale. Und wo ist dieser angebliche Dämon?«
Khadgar ging zu der Stelle, wo die Dämonenhand emporgeragt hatte, sah jedoch nur noch die Trümmer der Regale. Sogar das Blut war verschwunden.
»Er war hier«, sagte Garona. Sie wirkte so überrascht wie Khadgar. »Er hat uns angegriffen.« Sie tastete nach der Ecke des Regals und versuchte es aufzurichten, doch die massive Eiche war selbst für sie zu schwer. Nach kurzem Bemühen gab sie auf. »Wir haben ihn beide gesehen.«
»Ihr habt eine Vision gesehen«, machte Medivh deutlich. »Hat Moroes euch nicht gewarnt?«
»Jau«, bestätigte Moroes. »Das habe ich.« Er tippte gegen die Seiten seiner Scheuklappen, um seine Aussage zu bekräftigen.
»Meister, er hat uns angegriffen«, beharrte Khadgar. »Wir haben ihm mit unseren Sprüchen Schaden zugefügt. Die Abgesandte hat ihn zweimal verwundet.«
»Hmm«, brummte der Magier. »Wahrscheinlich habt ihr einfach nur überreagiert, als ihr ihn saht und habt die größten Schäden selbst angerichtet. Stammen die frischen Kratzer auf dem Tisch von dem Dämon?«
»Er hatte eiserne Klauen«, sagte Khadgar.
»Vielleicht stammen sie aber auch von den magischen Pfeilen, die hier herumflogen wie Ballons auf einem Straßenfest.« Medivh schüttelte den Kopf.
»Mein Messer stieß in etwas Hartes, Ledriges«, sagte Garona.
»Mit Sicherheit eines der gebundenen Bücher«, sagte der Magus. »Hätte es einen Dämon gegeben, läge sein Körper noch hier. Außer jemand hat ihn weggeräumt. Moroes, hast du einen Dämon in deinem Müllsack?«
»Ich glaube nicht«, sagte der Verwalter, »aber ich kann nachsehen.«
»Schon gut, aber lass deine Werkzeuge für die beiden hier zurück.« Er wandte sich an den jungen Magier und die Halb-Ork. »Ich erwarte, dass ihr miteinander auskommt. Im Lichte dieser Angelegenheit halte ich es für richtig, wenn ihr die Bibliothek aufräumt. Mein Vertrauen, du hast deinem Namen keine Ehre gemacht. Das musst du wiedergutmachen.«
Garona ließ nicht locker. »Aber ich habe gesehen …«
»Ihr habt ein Phantom gesehen«, unterbrach Medivh sie mit zusammengezogenen Augenbrauen und autoritärer Stimme. »Ihr habt etwas von einem anderen Ort gesehen. Es hätte Euch nichts getan. Das tun sie nie. Euer Freund hier«, er zeigte auf Khadgar, »neigt dazu, Dämonen zu sehen, wo es keine gibt. Das bereitet mir ein wenig Sorge. Vielleicht könnt Ihr versuchen während des Aufräumens nicht schon wieder welche zu sehen? Bis dahin möchte ich nicht gestört werden!«
Und mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Moroes legte den Besen auf den Boden und folgte ihm.
Khadgar betrachtete die Verwüstung in der Bibliothek. Es würde mehr als nur ein Besen nötig sein, sie zu beheben. Regale waren umgeworfen und zerbrochen worden. Bücher lagen überall verstreut. Einige Einbände waren abgerissen, die Rücken eingedrückt. War es tatsächlich nur eine zeitverzögerte Vision gewesen?
»Wir wurden von keiner Illusion getäuscht«, sagte Garona missgelaunt.
»Ich weiß«, erwiderte Khadgar.
»Wieso versteht er das dann nicht?«, fragte die Halb-Ork.
»Das eben weiß ich nicht«, sagte der Schüler. »Und die Suche nach einer Antwort darauf bereitet mir ziemliches Bauchweh.«
12
Leben in Zeiten des Krieges
Nach nur wenigen Tagen war die Ordnung in der Bibliothek wieder hergestellt. Die meisten der verstreuten Bücher hatten wenigstens in der Nähe ihres angestammten Platzes gelegen und die seltenen, magischen oder weggeschlossenen Bücher standen ohnehin auf der Galerie und waren von dem Chaos unbetroffen geblieben. Die Reparatur einiger Regale benötigte jedoch Zeit, weshalb Garona und Khadgar die unbenutzten Ställe in eine Schreinerei umwandelten und versuchten, die zertrümmerten Regale auszubessern oder Ersatz zu schaffen.