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Remka trug Männerkleidung, die wesentlich praktischer als die der Frauen war. Nach den langen Jahren auf dem Schlachtfeld war sie daran gewöhnt, sich selbst anzukleiden und zog es sogar vor. Jetzt zog sie ihre Stiefel mit einem Seufzer aus. Sie stellte sie ordentlich zur Seite, damit Greekik sie später polieren konnte, als jemand hektisch an ihre Tür klopfte.

»Das sollte besser wichtig sein«, sagte sie und öffnete die Tür. »Was ist los, Waryk?«

»Wir haben gestern einen Ork gefasst …«, begann er.

»Ja, mir wurde davon berichtet. Aber das Wasser in meiner Wanne wird kalt, während wir uns unterhalten und …«

»Er kam mir gleich so bekannt vor«, unterbrach er sie.

»Beim Licht, Waryk, sie sehen alle gleich aus!«

»Nein. Dieser sah anders aus. Und ich weiß jetzt auch, warum.« Er trat zur Seite, und eine große einschüchternde Gestalt füllte den Türrahmen aus. Major Remka stand sofort stramm und wünschte verzweifelt, sie hätte ihre Stiefel noch nicht ausgezogen.

»Generalleutnant Blackmoore«, sagte sie. »Wie können wir Euch dienen?«

»Wie, Major Remka?« Aedelas Blackmoores weiße Zähne schimmerten durch den sorgfältig gestutzten Bart. »Nun, ich glaube, man hat endlich meinen vermissten Haus-Ork gefunden.«

Thrall hörte fasziniert zu, während der rotäugige Ork mit leiser Stimme Geschichten von Ehre und Stärke erzählte. Er berichtete von Angriffen gegen weit überlegene Gegner, von heroischen Taten und von Menschen, die von der grünen Flut vereinter Orks hinweggespült wurden. Melancholisch schwelgte er auch in den Schilderungen eines spirituellen Volks, von dem Thrall noch nie etwas gehört hatte.

»Oh ja«, sagte Kelgar traurig. »Einst, bevor wir die stolze kampfhungrige Horde wurden, bestanden wir aus einzelnen Clans. Und in diesen Clans gab es welche, die die Magie von Wind und Wasser, von Wasser und Land, von all den wilden Geistern kannten und in Harmonie mit diesen Mächten lebten. Wir nannten sie ›Schamanen‹, und bis zur Entstehung der Hexer waren ihre Fähigkeiten alles, was wir über Macht wussten.«

Das Wort schien Kelgar zu verärgern. Er spie es förmlich aus und fauchte mit einem ersten erkennbaren Anzeichen von Leidenschaft. »Macht! Nährt sie unser Volk, erzieht sie unsere Kinder? Unsere Anführer behielten sie für sich und gaben nur ein paar Tropfen davon an uns andere weiter. Sie taten … etwas, Thrall. Ich weiß nicht, was. Aber nachdem wir geschlagen waren, floss der Wille zum Kampf aus uns heraus wie Blut aus einer offenen Wunde.« Er senkte den Kopf, legte die Arme auf die Knie und schloss seine roten Augen.

»Habt ihr alle den Kampfeswillen verloren?«, fragte Thrall.

»Alle, die hier sind. Wer kämpfte, wurde nicht gefasst, und wenn man sie doch einfing, wurden sie getötet, weil sie sich wehrten.« Kelgar hielt seine Augen geschlossen.

Thrall respektierte, dass der andere Ork schweigen wollte. Enttäuschung erfüllte ihn. Kelgars Geschichte klang wahr, und wenn Thrall Beweise dafür wollte, brauchte er sich nur umzusehen. Was war nur Merkwürdiges geschehen? Wie konnte ein ganzes Volk so verändert werden, dass es geschlagen endete, schon bevor man seine Angehörigen fasste und in dieses Höllenloch einsperrte?

»Aber der Wille zum Kampf ist in dir noch stark, Thrall, auch wenn dein Name das Gegenteil vermuten ließe.« Seine Augen waren wieder geöffnet und schienen Thrall verbrennen zu wollen. »Vielleicht blieb dir dies erspart, weil du bei Menschen aufgewachsen bist. Es gibt da draußen noch andere wie dich. Die Mauern sind so niedrig, dass du sie erklimmen kannst, wenn du das willst.«

»Ich will es«, sagte Thrall sofort. »Sag mir, wo ich andere wie mich finden kann.«

»Der einzige, über den ich hie und da höre, ist Grom Hellscream«, sagte Kelgar. »Er ist noch immer ungeschlagen. Sein Volk, der Warsong-Clan, kam aus dem Westen dieses Landes. Mehr kann ich dir nicht sagen. Grom hat Augen wie ich, dennoch widerstand sein Geist.« Kelgar senkte den Kopf. »Wenn ich nur auch so stark gewesen wäre.«

»Du kannst so stark sein«, sagte Thrall. »Komm mit mir, Kelgar. Ich bin jung, ich kann dich leicht über die Mauer heben, wenn …«

Kelgar schüttelte den Kopf. »Es ist nicht die Stärke, die vergangen ist, Thrall. Ich könnte die Wachen in einem Atemzug töten. Jeder hier könnte das. Es ist der Wille. Ich möchte die Mauern nicht erklimmen, ich möchte hier bleiben. Ich kann es nicht erklären, und ich schäme mich, aber es ist so. Du musst für uns alle das Feuer und die Leidenschaft aufbringen.«

Thrall nickte zustimmend, obwohl er es nicht verstand. Wer wollte nicht frei sein? Wer wollte nicht kämpfen, um all das zu gewinnen, was verloren war, um die eigensüchtigen Menschen für das zu bestrafen, was sie den Orks angetan hatten? Aber trotzdem war es klar: Von allen seiner Art hier war er der Einzige, der die Rebellion noch wagen würde.

Er wollte bis zur Nacht warten. Kelgar hatte gesagt, es gäbe nur wenige Wachen, die sich zudem häufig bis zur völligen Besinnungslosigkeit betranken. Wenn Thrall also weiterhin vorgab, wie die anderen zu sein, würde sich bald eine Gelegenheit ergeben.

In diesem Moment näherte sich ihnen ein weiblicher Ork. Sie bewegte sich zielgerichtet, was man nur selten hier sah, und Thrall erhob sich, als klar wurde, dass sie zu ihm wollte.

»Bist du der gerade erst gefangene Ork?«, fragte sie in der Menschensprache.

Thrall nickte. »Mein Name ist Thrall.«

»Dann, Thrall, solltest du besser wissen, dass der Kommandant der Lager dich hier sucht.«

»Wie ist sein Name?« Thrall spürte Taubheit in sich aufsteigen. Er befürchtete das Schlimmste.

»Ich weiß es nicht, aber er trägt die Farben Rot und Gold mit einem schwarzen Falken auf …«

»Blackmoore!«, zischte Thrall. »Ich hätte wissen müssen, dass er mich findet!«

Ein schepperndes Geräusch ertönte, und alle Orks drehten sich zum höchsten Turm hin. »Wir sollen uns aufstellen«, sagte die Frau, »obwohl wir um diese Zeit sonst nie gezählt werden.«

»Sie wollen dich, Thrall«, sagte Kelgar. »Aber sie werden dich nicht finden. Du musst jetzt gehen. Die Wachen werden durch die Angst vor dem Kommandanten abgelenkt sein. Ich werde sie noch darüber hinaus etwas ablenken. Der Bereich am Ende des Lagers wird am schwächsten bewacht. Wir folgen alle dem Klang der Glocke wie das Vieh, das wir sind«, sagte er, und der Hass auf sich selbst war deutlich in seiner Stimme und seiner Mimik zu lesen. »Geh jetzt.«

Thrall benötigte keine weitere Aufforderung. Er drehte sich um und bahnte sich seinen Weg durch die Orks, die in die entgegengesetzte Richtung gingen. Als er sich mühsam an ihnen vorbeiquetschte, hörte er plötzlich einen schmerzerfüllten Schrei. Die Frau stieß ihn aus. Er wagte nicht, stehen zu bleiben und zurückzublicken, aber als er Kelgar brutal klingende Worte auf Orkisch brüllen hörte, verstand er. Kelgar war es wohl irgendwie gelungen, in seinem tiefsten Inneren einen Schatten seines alten Kampfgeists zu finden und zu mobilisieren. Er hatte begonnen gegen das Ork-Weib zu kämpfen. Die Reaktionen der Wachen ließen darauf schließen, dass das sehr ungewöhnlich war. Sie stiegen herab, um die streitenden Orks voneinander zu trennen. Thrall sah sie zur Quelle des Lärms eilen.

Sie würden Kelgar und die unschuldige Frau brutal schlagen, fürchtete Thrall. Er bedauerte es zutiefst. Aber, so tröstete er sich, durch ihre Taten bin ich frei und kann vielleicht dafür sorgen, dass kein Mensch jemals wieder einen Ork schlägt.

Da er in einer streng bewachten Zelle aufgewachsen war, wo keine seiner Bewegungen verborgen blieb, konnte er es kaum fassen, wie leicht es war, über die Mauer zu steigen und in die Freiheit zu entkommen.