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Vor ihm lag ein dichter Wald. Er rannte schneller, als er jemals gerannt war, denn er wusste, dass jede Minute, die er auf freiem Feld zubrachte, gefährlich war. Aber niemand brüllte einen Alarm, und niemand verfolgte ihn.

Er lief mehrere Stunden lang, schlug Haken und tat auch sonst alles, um den späteren Suchmannschaften seine Verfolgung so schwer wie möglich zu machen. Schließlich wurde er langsamer und schnappte nach Luft. Er kletterte einen mächtigen Baum hinauf, und als er seinen Kopf durch das Gezweig und Blattwerk hindurchschob, sah er zunächst nichts außer einer Fläche aus grünem Laub.

Blinzelnd fand er die Sonne, die ihre spätnachmittägliche Reise zum Horizont begonnen hatte. Der Westen – Kelgar hatte gesagt, dass Grom Hellscreams Clan aus dem Westen gekommen sei.

Thrall würde diesen Hellscream finden und zusammen mit ihm ihre eingekerkerten Brüder und Schwestern befreien.

Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen schritt Lagerkommandant Aedelas Blackmoore langsam die Reihe der Orks entlang. Alle zuckten vor ihm zurück und starrten auf ihre schlammverkrusteten Füße. Blackmoore gestand sich ein, dass sie unterhaltsamer gewesen wären, wenn sie noch ein wenig Kampfgeist besessen hätten.

Der Gestank ließ ihn das Gesicht verziehen, und er hielt sich ein parfümiertes Taschentuch unter die Nase. Major Remka folgte ihm und erwartete seinen Befehl wie ein Hund. Er hatte Gutes über sie gehört; angeblich war sie effizienter als die meisten Männer.

Aber wenn sie seinen Thrall tatsächlich unter ihrer Kontrolle gehabt hatte und er ihr daraus entkommen sein sollte, würde er keine Gnade kennen.

»Wo ist also der, den du für Thrall hältst?«, wandte er sich an den Wachmann namens Waryk. Der junge Mann bewies mehr Rückgrat als seine Vorgesetzte, aber auch in seinen Augen war ein erster Anflug von Panik zu erkennen.

»Ich habe ihn bei den Gladiatorenkämpfen gesehen, und blaue Augen sind so überaus selten …«, setzte Waryk stotternd zu einer Antwort an.

»Siehst du ihn hier?«

»N-nein, Generalleutnant, ich sehe ihn nicht.«

»Dann war es vielleicht gar nicht Thrall.«

»Wir haben einige Dinge gefunden, die er gestohlen hat«, sagte Waryk plötzlich. Er schnippte mit den Fingern, und einer seiner Männer lief los und kehrte Minuten später mit einem großen Sack zurück.

»Erkennt Ihr das?« Er reichte Blackmoore einen einfachen Dolch und hielt ihn dabei mit dem Griff nach vorne, wie es der Anstand verlangte.

Blackmoore hielt den Atem an. Er hatte sich schon gefragt, wohin er diesen Dolch verlegt haben mochte. Er war nicht wertvoll, aber sein Verschwinden war ihm aufgefallen … Mit dem behandschuhten Daumen strich er über sein Wappen, den schwarzen Falken.

»Er gehört mir. Noch etwas?«

»Einige Papiere … Major Remka hatte noch keine Zeit, sie sich anzusehen, aber …« Waryk sprach nicht weiter, aber Blackmoore verstand. Der Idiot konnte nicht lesen. Was für Papiere sollte Thrall bei sich geführt haben? Seiten aus einem seiner Bücher vermutlich. Blackmoore nahm den Sack und wühlte darin. Schließlich zog er ein Blatt hervor und hielt es ins Licht.

… wünschte ich könnte selbst mit dir sprechen, anstatt dir nur diese Briefe zu senden. Ich sehe dich im Ring, und mein Herz bricht, wenn ich sehe, was sie dir …

Briefe! Wer schickte …? Bebend griff er nach einem anderen Papier.

… schwerer und schwerer, die Zeit zum Schreiben zu finden. Unser Herr verlangt so viel von uns beiden. Ich habe gehört, dass er dich geschlagen hat. Das tut mir so Leid, mein lieber Freund. Du verdienst nicht …

Taretha.

Ein Schmerz, größer als jeder, den er bisher gekannt hatte, griff nach seinem Herz. Er zog weitere Briefe hervor … beim Licht, es mussten Dutzende sein … vielleicht Hunderte. Wie lange hatten sich beide gegen ihn schon verschworen? Aus irgendeinem Grund brannten ihm die Augen, und das Atmen fiel ihm schwer. Tari … Tari, wie konntest du? Ich habe dir immer alles gegeben …

»Mylord?« Remkas besorgte Stimme riss Blackmoore aus seinem so schmerzlichen Schock. Er atmete tief ein und blinzelte die verräterischen Tränen hinfort. »Geht es Euch gut?«

»Nein, Major Remka.« Seine Stimme war so kühl und gefasst wie immer, wofür er dankbar war. »Es geht mir nicht gut. Sie hatten meinen Ork Thrall, einen der besten Gladiatoren, die je in den Ring gestiegen sind. Über die Jahre habe ich viel Geld mit ihm verdient und wollte noch viel mehr mit ihm gewinnen. Es gibt keinen Zweifel, dass er von Ihrem Wachmann gefangen wurde. Und doch erblicke ich ihn nirgends in dieser Reihe.«

Es gefiel ihm zu sehen, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich. »Vielleicht versteckt er sich im Lager«, bot sie ihm eine Erklärung an.

»Vielleicht«, erwiderte Blackmoore und formte mit seinen Lippen die Karikatur eines Lächelns. »Das sollten wir für Ihr weiteres Wohlbefinden hoffen, Major Remka. Durchsuchen Sie das Lager! Jetzt!«

Eilig kam sie seinem Befehl nach und schrie Kommandos. Thrall wäre nie so dumm gewesen, sich in die Reihe zu stellen – wie ein Hund, der auf einen Pfiff reagiert. Deshalb war er tatsächlich möglicherweise noch hier, auch wenn Blackmoore irgendwie spürte, dass er fort war. Er war bereits ganz woanders und tat …? Was? Welchen Plan hatten er und diese Hure Taretha ausgebrütet?

Es zeigte sich, dass Blackmoores Ahnung den Tatsachen entsprach. Auch eine ausführliche Suche ergab nichts. Keiner der Orks – verflucht sollten sie sein – gab zu, Thrall gesehen zu haben. Blackmoore degradierte Remka, setzte Waryk auf ihren Posten und ritt langsam nach Hause. Langston traf ihn auf halbem Weg und sprach mit ihm, doch selbst sein fröhliches hirnloses Gerede konnte Blackmoore nicht aufheitern. In einer einzigen Feuernacht hatte er die beiden Dinge verloren, die ihm am Wertvollsten waren: Thrall und Taretha.

Er stieg die Treppe zu seinem Quartier empor, öffnete leise die Tür und betrat sein Schlafzimmer. Licht fiel auf das Gesicht der Schlafenden. Vorsichtig, um Taretha nicht zu wecken, setzte er sich auf das Bett. Er zog seine Handschuhe aus und berührte ihre zarte Wange. Sie war so schön. Ihre Berührungen hatten ihn stets erregt, ihr Lachen bewegt. Aber nun nicht mehr.

»Schlaf gut, schöne Verräterin«, flüsterte er. Er beugte sich vor, küsste sie und unterdrückte den brutalen Schmerz in seinem Herzen. »Schlaf gut, bis ich dich brauche.«

9

Thrall war in seinem ganzen Leben noch nie so erschöpft und ausgehungert gewesen. Aber die Freiheit schmeckte süßer als das Fleisch, mit dem sie ihn gefüttert hatten, und er schlief besser darauf, als auf dem Stroh, auf dem er als Blackmoores Gefangener in Durnholde genächtigt hatte. Es gelang ihm nicht, die Hasen und Eichhörnchen zu fangen, die durch den Wald liefen, und er wünschte sich außer Kriegsgeschichte und dem Wesen der Kunst auch Überlebensfähigkeiten erlernt zu haben. Da es Herbst war, gab es reife Früchte auf den Bäumen, und bald wusste er, wie er Würmer und Insekten finden konnte. Das half nur wenig gegen den riesigen Hunger, der in seinen Eingeweiden wühlte, aber wenigstens hatte er frisches Wasser in Hülle und Fülle – zahlreiche Bäche und kleine Rinnsale wanden sich durch den Wald.

Nach einigen Tagen, als Thrall gerade durch Dickicht lief, drehte sich der Wind und trug den süßen Geruch von gebratenem Fleisch zu ihm. Er atmete tief ein, als könne er allein durch den Geruch die Nahrung in sich aufnehmen. Hungrig folgte er der Spur.

Obwohl sein Körper nach Nahrung schrie, ließ Thrall nicht zu, dass der Hunger seine Vorsicht beeinträchtigte. Das war auch gut so, denn als er den Rand des Waldes erreichte, sah er Dutzende von Menschen.

Der Tag war schön und warm, einer der letzten dieser sonnigen Herbsttage, und die Menschen bereiteten fröhlich ein Fest vor, das Thrall den Mund wässrig machte. Es gab gebackenes Brot, Bottiche voll mit frischem Obst und Gemüse, Fässer mit Marmelade und Butter, Käseräder, Flaschen voller – wie er annahm – Wein und Met, und in der Mitte der Lichtung drehten zwei Schweine langsam auf Spießen.