Thralls Knie gaben nach, und er sank langsam auf den Waldboden, wo er fasziniert auf die Essensberge starrte, die ihn zu verhöhnen schienen. Auf der Lichtung spielten Kinder mit Reifen und Fahnen und anderem Spielzeug, das Thrall nicht kannte. Mütter säugten ihre Babys, und Mädchen tanzten schüchtern mit jungen Männern. Es war ein Anblick der Zufriedenheit und des Glücks, und Thrall wünschte sich nicht nur wegen des Essens, er könnte dazu gehören.
Aber das tat er nicht. Er war ein Ork, ein Monster, ein Grünhäutiger, ein Schwarzblütiger und was es an solchen Schreckensworten noch gab. Also saß er da und sah zu, während die Dorfbewohner feierten und tanzten, bis sich die Nacht über sie senkte.
Die Monde stiegen auf, einer hell und weiß, der andere kühl und blaugrün, als die letzten Möbelstücke, Essensreste und Teller weggeräumt wurden. Thrall beobachtete, wie die Dorfbewohner einem gewundenen Pfad durch die Felder folgten und sah schmale Kerzen in kleinen Fenstern auftauchen. Noch immer wartete er und sah zu, wie die Monde langsam über den Himmel zogen. Stunden nachdem die letzte Kerze in den Fenstern verloschen war, erhob sich Thrall und bewegte sich mit geübter Lautlosigkeit auf das Dorf zu.
Sein Geruchssinn war schon immer stark ausgeprägt gewesen und steigerte sich jetzt noch, während er das Essen roch. Er folgte den Gerüchen und griff durch geöffnete Fenster nach ganzen Brotlaiben, die er sofort verschlang. Er fand einen Korb voll mit Äpfeln neben einer Tür und kaute gierig auf den kleinen süßen Früchten.
Saft lief süß und klebrig über seine nackte Brust. Abwesend wischte er ihn mit seiner großen grünen Hand weg. Langsam wich der Hunger. In jedem Haus nahm Thrall etwas an sich, aber nie zu viel.
Durch ein Fenster sah Thrall Gestalten, die neben dem ersterbenden Herdfeuer schliefen. Er wich sofort zurück, wartete einen Moment und blickte erneut hinein. Es waren Kinder, die auf Strohmatratzen schliefen. Sie waren zu dritt, und ein viertes schlief in einer Wiege. Zwei waren Jungen, das dritte war ein kleines Mädchen mit blondem Haar. Thrall sah zu, wie es sich im Schlaf umdrehte.
Ein scharfer Schmerz durchfuhr ihn. Es war, als sei keine Zeit vergangen, seit dem Tag, an dem er Taretha zum ersten Mal gesehen hatte. Sie hatte gelächelt und ihm zugewunken. Dieses Mädchen sah ihr so ähnlich mit ihren runden Wangen und dem goldenen Haar …
Ein lautes Geräusch ließ ihn zusammenschrecken. Thrall fuhr herum und sah etwas Vierbeiniges und Dunkles auf sich zufliegen. Zähne schnappten neben seinem Ohr zusammen. Thrall reagierte instinktiv, griff nach dem Tier und legte ihm seine Hände um den Hals. War dies ein Wolf, eines dieser Wesen, mit denen sein Volk manchmal Freundschaft schloss?
Das Tier hatte hochstehende spitze Ohren, eine lange Schnauze und spitze weiße Zähne. Es passte zu den Holzstichen von Wölfen, die er in Büchern gesehen hatte, nur Farbe und Kopfform stimmten nicht völlig überein.
Die Menschen im Haus erwachten, und er hörte die ersten Warnrufe. Er drückte zu, und das Tier erschlaffte. Thrall ließ den Körper fallen, spähte wieder ins Haus und entdeckte das kleine Mädchen, das ihn aus angstgeweiteten Augen anstarrte. Es zeigte auf ihn und schrie: »Monster! Da – Monster!«
Die verhassten Worte, die über ihre Lippen kamen, verletzten Thrall. Er drehte sich, um zu fliehen, bemerkte jedoch, dass sich ein Halbkreis von verängstigten Dorfbewohnern um ihn gebildet hatte. Einige hielten Heugabeln und Sensen, wahrscheinlich die einzigen »Waffen«, die sie besaßen.
»Ich will euch nichts tun«, begann Thrall.
»Es spricht! Ein Dämon!«, schrie jemand, und die kleine Gruppe griff an.
Thrall reagierte instinktiv. Als einer der Männer mit einer Heugabel nach ihm stieß, entriss Thrall sie ihm und benutzte sie, um den anderen Bauern die Gabeln und Sensen aus den ungeschickten Händen zu schlagen. Er stieß seinen Kampfschrei aus. Die Blutgier durchströmte ihn, und er schwang die eigene Gabel seinen Angreifern entgegen.
Er stoppte, bevor er einen zu Boden gegangenen Mann, der ihn aus geweiteten Augen anstarrte, aufspießen konnte.
Diese Männer waren nicht seine Feinde, obwohl sie ihn fürchteten und hassten. Sie waren nur Bauern, die von ihren Ernten lebten und von den Tieren, die sie züchteten. Sie hatten Kinder. Sie hatten Angst vor ihm, das war alles. Nein, hier gab es keinen Feind. Der Feind schlief zufrieden in seinem Federbett in Dumholde.
Mit einem Schrei des Selbsthasses schleuderte Thrall die Gabel von sich, nutzte die Lücke, die im Kreis der Angreifer entstanden war, und floh zurück in den Wald.
Die Männer verfolgten ihn nicht. Thrall hatte es auch nicht erwartet. Sie wollten nur ihre Ruhe. Während er durch den Wald lief und die aufputschenden Gefühle, die in der Konfrontation entstanden waren, zu seinem Vorteil umsetzte, versuchte er erfolglos, das Bild des kleinen Mädchens aus seinem Kopf zu verbannen. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht vergessen, wie es vor Angst geschrien und ihn »Monster« genannt hatte.
Thrall lief den ganzen nächsten Tag und bis in die Nacht hinein. Erst dann brach er vor Erschöpfung zusammen und schlief einen totengleichen Schlaf, in dem ihn keine Träume plagten. Etwas weckte ihn kurz vor Tagesanbruch, und er blinzelte benommen.
Ein heftiger Stoß in die Magengrube weckte ihn vollends – und er blickte in acht ärgerliche Ork-Gesichter.
Er versuchte aufzustehen, aber sie fielen über ihn her und fesselten ihn, noch bevor er reagieren konnte. Einer von ihnen streckte Thrall sein großes, mürrisches Gesicht entgegen. Er hatte gelbe Hauer und bellte etwas völlig Unverständliches. Thrall schüttelte den Kopf.
Der Ork wirkte entsetzlich wütend, als er Thrall an einem seiner Ohren packte und weitere Laute über ihm ausschüttete.
Thrall ahnte, was der andere ihm sagen wollte und antwortete in der Menschensprache: »Nein, ich bin nicht taub.«
Alle zischten wütend. »Mensch!«, schnappte der große Ork, der ihr Anführer zu sein schien. »Du nicht sprichst Orkisch?«
»Ein wenig«, erwiderte Thrall in dieser Sprache. »Mein Name ist Thrall.«
Der Ork starrte ihn an, öffnete den Mund und lachte plötzlich schallend. Seine Freunde machten es ihm nach. »Mensch, der wie ein Ork aussieht«, sagte er und richtete einen Finger mit breitem schwarzem Nagel auf ihn. »Tötet ihn!«
»Nein!«, schrie Thrall auf Orkisch. Nur ein Aspekt dieser bedrohlichen Begegnung gab ihm überhaupt noch etwas Hoffnung: Diese Orks waren Kämpfer. Sie lungerten nicht in müder Verzweiflung irgendwo herum, und sie gaben gewiss nicht vor einer leicht zu überwindenden Mauer auf. »Will finden Grom Hellscream!«
Der große Ork stutzte. In gebrochener Menschensprache fragte er: »Wieso finden? Du geschickt, um zu töten? Von Menschen?«
Thrall schüttelte den Kopf. »Nein. Lager … schlecht. Orks …«
Ihm fehlten die Worte in dieser fremden Sprache, also seufzte er tief, ließ seinen Kopf hängen und versuchte so auszusehen, wie die bemitleidenswerten Wesen, die er im Lager gesehen hatte. »Ich will Orks …« Er hob seine gefesselten Hände und brüllte: »Grom hilft! Keine Lager mehr! Keine Orks wie …« Erneut versuchte er, lethargisch und hoffnungslos dreinzuschauen.
Er riskierte einen Blick nach oben und fragte sich, ob sein gebrochenes Orkisch ihnen vermittelt hatte, was er wollte. Zumindest versuchten sie nicht länger, ihn zu töten. Ein anderer Ork, der etwas kleiner war, aber ebenso gefährlich wie der Erste wirkte, sprach mit rauer Stimme. Der Anführer antwortete gereizt. Sie stritten, und schließlich schien der Große nachzugeben.
»Tragg sagt, vielleicht. Vielleicht du siehst Hellscream. Wenn du wert bist. Komm.« Sie stellten ihn auf die Beine und marschierten los. Ein Speerstoß in den Rücken brachte Thrall dazu, schneller zu gehen. Obwohl er gefesselt und von feindlichen Orks umgeben war, erlebte Thrall Momente des Glücks.
Er würde Grom Hellscream sehen, den Ork, der ungeschlagen war. Gemeinsam würde es ihnen vielleicht gelingen, die gefangenen Orks zu befreien, sie zum Handeln zu ermutigen und an ihre Herkunft zu erinnern.