Er spannte sich an, streckte die Arme aus und wartete auf den Angriff, der nun folgen musste. Iskar seufzte.
»Schade«, sagte er, »aber du hast dein eigenes Schicksal gewählt.« Er hob seine Hand.
Im gleichen Moment erschütterte ein furchtbarer Schrei die ruhige kühle Luft. Der Laut vibrierte und raste durch die Höhle, schmerzte in Thralls Ohren und traf ihn bis ins Mark.
Das Fell vor einer der Höhlen wurde herunter gerissen, und ein großer, rotäugiger Ork trat ein. Thrall hatte sich an den Anblick seines Volkes gewöhnt, doch dieser Ork sah anders aus als die, die er bisher gesehen hatte.
Langes schwarzes Haar lag struppig auf seinem Rücken. Jedes Ohr war mehrfach durchstochen, was Thrall irgendwie an Sergeant erinnerte. Rund ein Dutzend Ohrringe blitzten im Licht des Feuers. Rotschwarze Lederkleidung bildete einen starken Kontrast zur grünen Haut, und die Ketten, die von Teilen des Körpers hingen, schwangen bei jeder Bewegung hin und her. Die Kiefer schienen schwarz angemalt zu sein, und in diesem Moment waren sie weiter geöffnet, als Thrall es für möglich gehalten hätte. Die dahinterliegende Kehle machte diesen entsetzlichen Lärm, und Thrall begriff, dass dieser Ork den Namen Grom Hellscream aus gutem Grund trug.
Der Schrei verging, und Grom sprach. »Ich hätte nie gedacht, das zu sehen!« Er ging auf Thrall zu und starrte ihn an. Seine Augen hatten die Farbe des Feuers, und an Stelle der Pupillen schien etwas Dunkles und Angsteinflößendes in ihrer Mitte zu tanzen. Thrall vermutete, dass die Bemerkung abfällig gemeint war, wollte sich aber nicht einschüchtern lassen. Er richtete sich zu seiner ganzen beeindruckenden Größe auf, um dem Tod mit erhobenem Haupt entgegenzutreten. Er öffnete seinen Mund, wollte Grom antworten, doch der Ork-Häuptling fuhr bereits fort.
»Wieso weißt du, was Gnade bedeutet, Thrall von Durnholde? Wieso weißt du, wann und aus welchen Gründen man sie anbietet?«
Die Orks murmelten untereinander verwirrt. Iskar verneigte sich.
»Edler Hellscream«, begann er, »wir dachten, dass die Gefangennahme dieses Kinds Euch gefallen würde. Wir erwarteten …«
»Ich würde erwarten, dass seine Eltern ihm bis zu unserem Lager folgen, du Narr!«, schrie Grom. »Wir sind gefürchtete und stolze Krieger. Zumindest waren wir das einmal.« Er zitterte wie im Fieber, und für einen Moment erschien er Thrall müde und blass. Aber dieser Eindruck verschwand so schnell, wie er gekommen war. »Wir schlachten keine Kinder ab. Ich hoffe, wer auch immer das Kind geschnappt hat, war so klug, ihm die Augen zu verbinden.«
»Natürlich, Herr«, sagte Rekshak. Er wirkte beleidigt.
»Dann bring ihn genau so wieder dahin, wo du ihn gefunden hast.« Hellscream ging zu dem Kind und entfernte seinen Knebel. Der Junge hatte solche Angst, dass er nicht schrie. »Hör zu, kleiner Mensch. Sage deinen Leuten, dass die Orks dich hatten und beschlossen, dir nichts zu tun. Sag ihnen«, er sah zu Thrall, »dass sie Gnade zeigten. Sag ihnen auch, dass sie uns nicht finden werden, weil wir schon bald weiterziehen. Verstehst du?«
Der Junge nickte. »Gut.« An Rekshak gewandt sagte er: »Bring ihn zurück, und zwar sofort! Und das nächste Mal lässt du die Menschenkinder in Ruhe.«
Rekshak nickte. Brutal packte er den Jungen am Arm und riss ihn auf die Füße.
»Rekshak«, sagte Grom mit deutlicher Warnung in der Stimme. »Wenn du mir nicht gehorchst und dem Jungen etwas passiert, werde ich es erfahren. Und ich werde es nicht vergeben.«
Rekshak wandte sich in hilfloser Wut ab. »Wie mein Herr befiehlt«, keuchte er und zog den Jungen grob auf einen der gewundenen Steingänge zu, die zur Oberfläche führten.
Iskar wirkte irritiert. »Herr«, begann er, »das ist Blackmoores Haustier! Er stinkt nach Menschen, er gibt damit an, dass er Angst zu töten hat …«
»Ich habe keine Angst davor, die zu töten, die es verdienen«, knurrte Thrall. »Ich töte nur nicht die, die es nicht verdienen.«
Hellscream legte eine Hand auf Iskars Schulter und die andere auf die von Thrall. »Iskar, mein alter Freund«, sagte er mit rauer, ruhiger Stimme. »Du hast mich gesehen, wenn mich die Blutgier überfiel. Du hast gesehen, wie ich bis zu den Knien im Blut watete. Ich habe auch die Kinder der Menschen getötet. Auf diese Art haben wir alles im Kampf gegeben – und was hat es uns eingebracht? Orks schlurfen geschlagen und völlig am Ende durch die Lager, versuchen weder sich selbst zu befreien, noch für andere zu kämpfen. Diese Art des Kampfes, der Kriegsführung, hat uns soweit gebracht. Ich habe lange geglaubt, dass die Vorfahren mir neue Wege aufzeigen würden, damit wir zurückerobern können, was verloren ist. Aber nur ein Narr wiederholt die gleiche Handlung und erwartet ein anderes Ergebnis, und ich bin kein Narr. Thrall war stark genug, um unsere besten Krieger zu besiegen. Er hat das Leben der Menschen kennen gelernt und es abgelehnt, weil er seine Freiheit finden wollte. Er ist aus den Lagern entkommen und hat gegen alle Vernunft nach uns gesucht. Ich stimme seinen Entscheidungen zu, die er hier getroffen hat. Eines Tages, alter Freund, wirst auch du die Weisheit darin erkennen.«
Er schlug Iskar freundschaftlich auf die Schulter. »Lasst uns jetzt allein. Ihr alle.«
Langsam, zögernd und nicht ohne feindselige Blicke in Thralls Richtung, zogen sich die Orks auf die verschiedenen Bereiche der Höhle zurück. Thrall wartete.
»Wir sind allein«, sagte Hellscream. »Hast du Hunger, Thrall von Durnholde?«
»Ja, das habe ich«, sagte Thrall, »aber ich möchte Euch bitten, mich nicht Thrall von Durnholde zu nennen. Ich bin von dort entkommen und hasse den Gedanken daran.«
Hellscream ging zu einer anderen Höhle, zog das Fell beiseite und holte einen großen Brocken rohes Fleisch heraus. Thrall nahm es entgegen, nickte dankbar und biss gierig hinein. Es war seine erste richtige Mahlzeit als freier Ork. Rehfleisch hatte nie besser geschmeckt.
»Willst du deinen Namen ändern? Es ist der Name eines Sklaven«, sagte Hellscream. Er hockte sich hin und beobachtete Thrall aus roten Augen. »Er war als Zeichen der Schande gedacht.«
Thrall dachte kauend nach und schluckte. »Nein. Blackmoore gab mir den Namen, weil ich nie vergessen sollte, dass ich ihm gehöre.« Seine Augen verengten sich. »Das werde ich auch nicht. Ich werde den Namen behalten, und eines Tages, wenn ich ihn wiedersehe, wird er derjenige sein, der sich daran erinnert, was er mir angetan hat und es aus tiefstem Herzen bereuen.«
Hellscream beobachtete ihn sorgfältig. »Du würdest ihn also töten?«
Thrall antwortete nicht sofort. Er dachte an den Tag, an dem er beinahe Sergeant getötet hätte, weil er meinte, Blackmoores Gesicht vor sich zu sehen. Darauf waren viele Momente gefolgt, in denen er sich Blackmoores verhöhnende Fratze vorgestellt hatte, während er im Ring kämpfen musste. Er dachte an Blackmoores lallende Sprache und die Schmerzen, die ihm dessen Tritte und Schläge gebracht hatten. Er dachte an die Furcht auf Tarethas Gesicht, wenn sie vom Herrn über Durnholde sprach.
»Ja«, sagte er mit fester, tiefer Stimme. »Ich würde es tun. Wenn es ein Wesen gibt, das den Tod verdient, dann ist es Aedelas Blackmoore.«
Hellscream lachte. Es klang seltsam und wild. »Gut. Zumindest würdest du also jemanden töten. Ich hatte mich schon gefragt, ob ich die richtige Wahl getroffen habe.« Er zeigte auf den Stoff-Fetzen, der in Thralls Gürtel steckte. »Das sieht nicht aus, als sei es von Menschen gemacht.«