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Thrall zog das Wickeltuch hervor. »Das ist es auch nicht. In diesem Tuch fand mich Blackmoore als Säugling.« Er reichte es Hellscream. »Mehr weiß ich nicht.«

»Ich kenne dieses Muster«, sagte Hellscream. Er breitete das Tuch aus und betrachtete das Symbol des weißen Wolfskopfes auf blauem Grund. »Das ist das Zeichen des Eiswolf-Clans. Wo hat Blackmoore dich gefunden?«

»Er hat mir erzählt, es sei nicht weit von Durnholde gewesen«, sagte Thrall.

»Dann war deine Familie weit weg von ihrer Heimat. Ich frage mich, wieso.«

Thrall spürte Hoffnung. »Habt Ihr sie gekannt? Wisst Ihr, wer meine Eltern waren? Es gibt so viel, was ich erfahren will.«

»Ich weiß nur, dass dies das Symbol des Eiswolf-Clans ist, und dass sie weit entfernt irgendwo in den Bergen leben. Sie wurden von Gul’dan ins Exil geschickt. Ich habe nie erfahren, weshalb. Durotan und seine Leute wirkten auf mich loyal. Es heißt, sie hätten sich mit den wilden weißen Wölfen verbündet, aber man sollte nicht alles glauben, was man hört.«

Aus Hoffnung wurde Enttäuschung, aber Thrall wusste dennoch jetzt mehr als zuvor. Er strich mit seiner großen Hand über das Tuch und war erstaunt, dass er jemals klein genug gewesen war, um hineinzupassen.

»Ich habe eine weitere Frage, die Ihr vielleicht beantworten könnt«, sagte er. »Als ich jünger war, trainierte ich draußen, und ein Wagen, in dem sich mehrere …« Er stockte. Was war der richtige Ausdruck? Insassen? Sklaven? »… Orks auf dem Weg in die Lager befanden, kam an. Einer der Orks befreite sich und griff mich an. Er schrie einen Satz immer wieder. Ich habe nie erfahren, was er bedeutete, doch ich habe mir geschworen, die Worte nie zu vergessen. Vielleicht könnt Ihr sie mir übersetzen.«

»Sprich, und wir werden es erfahren.«

»Kagh! Bin mog g’thazag cha!«, sagte Thrall.

»Das war kein Angriff, mein junger Freund«, sagte Hellscream. »Die Worte bedeuten, Lauf! Ich werde dich beschützen!'«

Thrall starrte ihn an. Er hatte immer geglaubt, man habe ihn angegriffen, und jetzt …

»Natürlich, die anderen Kämpfer …«, sagte er. »Wir waren in einer Kampfübung. Ich trug weder Rüstung noch Schild und stand in einem Kreis von Männern … Er starb, Hellscream. Sie schlugen ihn in Stücke. Er dachte, sie würden mich angreifen, und dass ich gegen zwölf Gegner gleichzeitig kämpfen müsse. Er starb, um mich zu beschützen

Hellscream sagte nichts. Er aß ruhig weiter, während er Thrall beobachtete. Obwohl er ausgehungert war, ließ Thrall den guten Fleischsaft achtlos zu Boden tropfen. Jemand hatte sein Leben gegeben, um einen ihm unbekannten jungen Ork zu beschützen …

Langsam und ohne die Freude, die er gerade noch empfunden hatte, biss er in das Fleisch und kaute. Eines Tages würde er den Eiswolf-Clan suchen und herausfinden, wer er wirklich war.

11

Noch nie in seinem Leben hatte Thrall solche Freude kennen gelernt. Während der nächsten Tage feierte er mit dem Warsong-Clan, sang dessen wilde Schlachtlieder und lernte, während er zu Hellscreams Füßen saß.

Thrall erfuhr, dass die Orks nicht die geistlosen Mordmaschinen waren, als die die Bücher sie darstellten. Sie waren ein edles Volk. Ja, sie waren Meister des Schlachtfelds und genossen die Gischt des Blutes und das Krachen zerberstender Knochen, aber ihre Kultur war reich und vielschichtig. Hellscream erzählte von einer Zeit, als jeder Clan eine separate Einheit bildete, mit eigenen Symbole und Sitten und sogar einer eigenen Sprache. Es gab spirituelle Führer, die man Schamanen nannte und die mit der Magie der Natur arbeiteten und nicht mit der bösen Magie dämonischer, übernatürlicher Mächte.

»Ist Magie denn nicht Magie?«, wollte Thrall wissen, der wenig Erfahrung mit Zauberei in welcher Form auch immer hatte.

»Ja und nein«, sagte Grom. »Manchmal ist die Wirkung die Gleiche. Wenn zum Beispiel ein Schamane den Blitz anruft, um seine Feinde niederzustrecken, dann werden sie bei lebendigem Leibe verbrannt. Wenn ein Hexer die Flammen der Hölle gegen einen Feind heraufbeschwört, dann wird auch dieser verbrannt.«

»Also ist Magie Magie«, meinte Thrall.

»Aber der Blitz ist ein natürliches Phänomen, das man anruft, indem man darum bittet. Mit dem Feuer der Hölle geht man einen Pakt ein. Du musst mit einem Teil deiner Selbst dafür bezahlen.«

»Aber Ihr habt gesagt, dass die Schamanen verschwunden seien. Heißt das nicht, dass der Weg der Hexer besser war?«

»Der Weg der Hexer war schneller«, antwortete Grom. »Wirkungsvoller. So jedenfalls schien es. Aber es kommt die Zeit, da man einen Preis zu zahlen hat, und manchmal ist dieser Preis sehr hoch.«

Thrall erfuhr, dass er nicht der Einzige war, den die eigenartige Lethargie der Orks entsetzte, von denen die meisten jetzt teilnahmslos in den Lagern verkümmerten.

»Niemand kann diesen Zustand erklären«, sagte Hellscream, »aber er hat fast jeden von uns ergriffen, einen nach dem anderen. Zuerst dachten wir, es wäre eine Art Krankheit. Aber man stirbt nicht daran, und ab einem bestimmten Punkt wird es auch nicht mehr schlimmer.«

»Einer der Orks im Lager dachte, es hätte etwas zu tun mit …« Thrall brach ab, denn er wollte sein Gegenüber nicht beleidigen.

»Sprich!«, verlangte Grom verärgert. »Womit soll es etwas zu tun haben?«

»Mit der Röte der Augen«, sagte Thrall.

»Ah«, sagte Grom, und Thrall glaubte, eine Spur von Traurigkeit in seiner Stimme zu erkennen. »Vielleicht stimmt das. Es gibt etwas, mit dem wir kämpfen, das du, blauäugiger Junge, nicht verstehen kannst. Und ich hoffe, du wirst es nie verstehen.« Zum zweiten Mal, seit Thrall ihn kennen gelernt hatte, erschien ihm Hellscream klein und gebrechlich. Er war mager, erkannte Thrall. Es waren seine Wildheit und sein Schlachtruf, die ihn so bedrohlich und stark erscheinen ließen. Körperlich verfiel der charismatische Führer der Warsongs zusehends. Obwohl er Hellscream kaum kannte, berührte Thrall diese Erkenntnis. Es schien, als sei der Wille des Ork-Häuptlings das Einzige, das ihn noch am Leben erhielt. Nur ein hauchdünner Faden band Knochen und Blut und Sehnen noch zusammen.

Er sprach seine Wahrnehmung nicht aus, aber Grom Hellscream wusste es. Ihre Augen trafen sich. Hellscream nickte und wechselte dann das Thema.

»Sie haben nichts mehr, auf das sie hoffen, nichts, wofür sie kämpfen können«, sagte Hellscream. »Du hast erzählt, ein Ork habe die Kraft in sich gefunden, mit einem anderen Ork zu kämpfen und die Wachen abzulenken, damit du entkommen konntest. Das gibt mir Hoffnung. Wenn unsere Brüder und Schwestern wieder glauben könnten, dass sie einen Wert besitzen, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können – ich denke, dann würden sie aus ihrem schrecklichen Schlaf erwachen. Keiner von uns ist jemals in einem dieser verfluchten Lager gewesen. Erzähl uns alles, was du weißt, Thrall.«

Und Thrall erzählte. Es war froh, dass er ein wenig helfen konnte. So detailliert er nur konnte, beschrieb er das Lager, die Orks, die Wachen und die Sicherheitsmaßnahmen. Hellscream hörte aufmerksam zu, unterbrach ihn nur hin und wieder mit eine Frage oder bat ihn etwas mehr ins Detail zu gehen. Als Thrall endete, schwieg Hellscream für einen Moment.

»Es ist gut«, sagte er schließlich. »Die Menschen wiegen sich durch unseren beschämenden Mangel an Ehre in Sicherheit. Das können wir zu unserem Vorteil nutzen. Ich träume schon lange davon, diese elenden Orte zu stürmen und die Orks zu befreien, die dort gefangen gehalten werden. Doch ich habe eine Angst, Thrall. Was, wenn das Tor gefallen ist, und sie verhalten sich weiter wie das Vieh, zu dem sie geworden sind, und entfliehen nicht in die Freiheit …«

»Ich teile diese Angst mit Euch«, sagte Thrall.

Ein bunter Schwall von Flüchen verließ Groms Mund. »Es ist an uns, sie aus ihren seltsamen Träumen aus Hoffnungslosigkeit und Niederlage zu wecken. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass du gerade jetzt zu uns gekommen bist, Thrall. Gul’dan ist nicht mehr, und seine Hexer sind vertrieben. Es ist an der Zeit, dass wir wieder die werden, die wir einst waren.« Seine roten Augen glitzerten. »Und du bist ein Teil dieses Wandels.«