Die Enttäuschung war zu Blackmoores ständigem Begleiter geworden.
Mit jedem Tag, der vorüber kroch, wurde die Chance, Thrall zu finden, geringer und geringer. Im Lager war er ihnen wahrscheinlich nur um Haaresbreite entwischt, und dieser Misserfolg hatte einen bitteren Nachgeschmack bei Blackmoore hinterlassen, und er versuchte ihn mit Bier, Met und Wein wegzuspülen.
Seitdem: nichts. Thrall war offenbar verschwunden, was ziemlich schwierig für etwas so Großes und Hässliches wie einen Ork war. Manchmal, wenn die leeren Flaschen neben ihm zu Bergen anwuchsen, war Blackmoore überzeugt, dass alle sich verschworen hatten, Thrall von ihm fern zu halten. Diese Theorie erlangte durch den Umstand eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eine Person, die ihm sehr nahe stand, ihn mit absoluter Sicherheit verraten hatte. Er umarmte sie in der Nacht, damit sie nicht ahnte, dass er sie durchschaut hatte, genoss ihren Körper – vielleicht etwas brutaler als üblich – und sprach freundlich zu ihr. Doch manchmal, wenn sie schlief, waren der Schmerz und die Wut so unerträglich, dass er aus dem Bett stieg, das sie miteinander teilten, und sich bis zu Bewusstlosigkeit betrank.
Und natürlich hatte sich nun, da Thrall verschwunden war, jede Hoffnung, eine Ork-Armee gegen die Allianz zu führen, aufgelöst wie Morgennebel unter greller Sonne. Was sollte jetzt aus Aedelas Blackmoore werden? War es nicht schlimm genug, dass er gegen den Makel, den sein Vater über seinen Namen gebracht hatte, ankämpfen und sich immer und immer wieder beweisen musste, während geringere Männer von allen akzeptiert wurden? Sie hatten ihm natürlich erklärt, seine gegenwärtige Position sei eine Ehre, die er sich redlich verdient habe. Aber er fristete sein Dasein weit vom Sitz der Macht entfernt, und aus den Augen bedeutete aus dem Sinn. Wer, der wirkliche Macht besaß, dachte an Blackmoore? Niemand! Und das machte ihn krank.
Auf den zerwühlten, schweißgetränkten Laken seines Bettes liegend, nahm er einen weiteren langen und durstigen Schluck, als jemand vorsichtig an seine Tür klopfte.
»Verschwinde«, knurrte er.
»Mylord?« Die zaghafte Stimme des Schwächlings, der die verräterische Hure gezeugt hatte. »Es gibt Neuigkeiten. Lord Langston ist hier, um Euch zu sehen.«
Eine vage Hoffnung stieg in Blackmoore auf, und er kämpfte sich aus dem Bett. Es war Nachmittag, und Taretha tat was auch immer es war, das sie tat, wenn sie ihm nicht diente. Er schwang seine Füße auf den Boden und saß für einen Augenblick auf der Bettkante, während sich die Welt um ihn herum drehte. »Schick ihn rein, Tammis« befahl er.
Die Tür öffnete sich, und Langston trat ein. »Wundervolle Neuigkeiten, Mylord!« rief er. »Man hat Thrall gesehen.«
Blackmoore rümpfte die Nase. »Sichtungen« von Thrall waren ziemlich alltäglich geworden, seit er eine erhebliche Belohnung für solche Beobachtungen ausgesetzt hatte. Aber Langston wäre nicht mit unbestätigten Gerüchten zu ihm gerannt. »Wer hat ihn gesehen? Wo?«
»Mehrere Meilen vom Lager entfernt. Er bewegt sich scheinbar nach Westen«, sagte Langston. »Ein paar Dörfler wurden geweckt, als ein Ork versuchte, in ihre Häuser einzubrechen. Scheint, er hatte Hunger. Als sie ihn umzingelten, redete er in menschlicher Sprache. Sie griffen ihn an, aber er wehrte sich und überwältigte sie.«
»Ist jemand getötet worden?« Blackmoore hoffte nicht. Er würde das Dorf entschädigen müssen, wenn sein Haustier jemanden umgebracht hatte.
»Nein. Sie erzählen sogar, der Ork habe sich offenbar vom Töten zurückgehalten. Ein paar Tage später wurde der Sohn eines Bauern von einer Bande Orks entführt. Sie brachten ihn in eine unterirdische Höhle und befahlen einem großen Ork, ihn zu töten. Der Ork weigerte sich, und der Häuptling nahm diese Entscheidung an. Der Junge wurde freigelassen und erzählte sofort seine Geschichte. Und, Mylord, in der Höhle sprachen die Orks alle in der menschlichen Sprache, weil der große Ork die Sprache seiner Artgenossen nicht verstehen konnte.«
Blackmoore nickte. Das klang alles wahr, und es passte zu dem Thrall, den er kannte – im Gegensatz zu dem Thrall, den sich die Leute vorstellten. Außerdem wäre ein kleiner Junge wahrscheinlich nicht so schlau, um von allein auf die Idee zu kommen, dass Thrall nicht viel Orkisch sprach.
Beim Licht, vielleicht würden sie ihn wirklich finden! Es hatte ein neues Gerücht über Thralls Aufenthaltsort gegeben, und wieder hatte Blackmoore Durnholde verlassen, um dem nachzugehen. In Tarethas Geist standen zwei leidenschaftliche Gedanken miteinander in Konflikt. Zum einen hoffte sie verzweifelt, dass das Gerücht unwahr sei, dass sich Thrall Meilen entfernt von dem Ort befand, an dem man ihn angeblich gesehen hatte – zum anderen fühlte sie eine überwältigende Erleichterung, die sie überkam, wann immer Blackmoore fort war.
Sie machte ihren täglichen Spaziergang außerhalb der Festung. Die Gegend war in diesen Tagen sicher. Wegelagerer lauerten im Allgemeinen nur an den Hauptstraßen und in den Wäldern, die sie inzwischen aber so gut kannte, dass ihr nichts geschehen würde.
Sie öffnete ihr Haar, ließ es die Schultern herabfallen und genoss die Freiheit. Es war unziemlich für eine Frau, ihr Haar offen zu tragen, aber Taretha fuhr begeistert mit den Fingern durch die dichte, goldene Masse und schüttelte trotzig den Kopf.
Ihr Blick fiel auf die Striemen an ihren Handgelenken. Instinktiv streckte sie eine Hand aus, um die andere zu bedecken.
Nein. Sie würde ihre eigene Schande nicht verstecken. Taretha zwang sich, die Druckstellen nicht zu verhüllen. Um ihrer Familie willen musste sie sich Blackmoore unterwerfen. Aber sie würde nichts tun, um die Verbrechen zu verbergen, die er beging.
Taretha atmete tief ein. Selbst hierher folgte ihr Blackmoores Schatten. Sie entschloss sich, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen, und wandte ihr Gesicht der Sonne zu.
Sie wanderte zu der Höhle hinauf, in der sie sich von Thrall verabschiedet hatte, und hockte dort eine Weile mit an die Brust gezogenen Beinen. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass irgendjemand außer den Tieren des Waldes hier gewesen war. Dann erhob sie sich und schlenderte zu dem hohlen Baum, in dem Thrall die Halskette verstecken sollte, die sie ihm geschenkt hatte. Als sie in seine schwarzen Tiefen hinab blickte, sah sie dort kein Silber glitzern. Sie war gleichzeitig erleichtert und auch traurig. Taretha vermisste es schrecklich, Thrall Briefe zu schreiben und seine freundlichen, weisen Antworten zu lesen.
Wenn nur die anderen ihres Volkes genauso gefühlt hätten. Sahen sie nicht, dass die Orks keine Bedrohung mehr darstellten? Mit der richtigen Erziehung und ein wenig Respekt konnten die alten Feinde zu wertvollen Verbündete werden. Sie dachte an all das Geld, das in die Lager gesteckt wurde, an die ganze Dummheit und Engstirnigkeit.
Wenn sie doch mit Thrall hätte davonlaufen können …
Als Taretha langsam zur Festung zurückschlenderte, hörte sie ein Hornsignal. Der Herr von Durnholde war zurückgekehrt. Die Leichtigkeit und die Freiheit, die sie gerade noch gespürt hatte, verließen sie wie Blut, das aus einer tiefen Wunde fließt.
Was auch immer geschieht, wenigstens ist Thrall frei, dachte sie. Meine Tage als Sklavin aber liegen noch ohne Ende vor mir.
Thrall kämpfte und aß Gerichte, die auf die traditionelle Weise zubereitet waren. Und er lernte. Bald sprach er fließend Orkisch, wenn auch mit einem starken Akzent. Er nahm an den Jagden Teil und war inzwischen mehr Hilfe denn Behinderung, wenn es darum ging, einen Hirsch zu erlegen. Finger, die trotz ihrer Dicke einen Griffel gemeistert hatten, lernten nun Fallen für Hasen und andere kleinere Tier zu bauen. Jeden Tag wurde er mehr vom Warsong-Clan akzeptiert. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Thrall, dass er irgendwo hingehörte.
Aber dann kamen die Nachrichten der Späher. Rekshak kehrte eines Abends zurück und blickte noch wütender und griesgrämiger drein als sonst. »Ein Wort, Mylord«, sagte er zu Hellscream.