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Der Schnee kam und ging. Blauer Himmel erschien, verdunkelte sich und bewölkte sich wieder, bevor neuer Schnee fiel. Thrall begann zu verzweifeln. Er wusste nicht einmal, ob er in die richtige Richtung unterwegs war, um auf die Eiswölfe zu treffen. Er setzte stetig einen Fuß vor den anderen, stur entschlossen, sein Volk zu finden oder in diesen unwirtlichen Bergen zu sterben.

Sein Geist begann, ihm üble Dinge vorzugaukeln. Von Zeit zu Zeit erhob sich beispielsweise Aedelas Blackmoore aus einer Schneewehe, beschimpfte ihn und schwang ein Breitschwert. Thrall konnte sogar den Wein im Atem der Erscheinung riechen. Sie kämpften. Thrall fiel. In seiner Erschöpfung war er unfähig, Blackmoores letzten Hieb abzuwehren. Erst dann verschwand der Schatten, und aus dem verabscheuten Bild wurde der harmlose Umriss eines Felsens oder eines knorrigen Baumes.

Andere Bilder waren angenehmer. Manchmal kam Hellscream, um ihn zu retten, und bot ihm ein warmes Feuer an, das verschwand, sobald Thrall seine Hände danach ausstreckte. Manchmal war sein Retter Sergeant, der sich darüber beklagte, dass er verlorene Kämpfer aufspüren müsse, und der ihm einen dicken, warmen Mantel anbot. Seine süßesten und zugleich bittersten Halluzinationen aber waren jene, in denen Tari erschien, Mitgefühl in ihren großen, blauen Augen und tröstende Worte auf ihren Lippen. Manchmal konnte er sie fast berühren, bevor sie vor seinem sehnenden Blick verschwand.

Weiter und weiter kämpfte er sich, bis er eines Tages einfach nicht mehr konnte. Er tat einen Schritt und hatte die feste Absicht, den nächsten zu tun und auch den danach – als sein Körper ihn im Stich ließ und er nach vorne fiel. Sein Geist befahl seinem erschöpften, halb erfrorenen Leib, sich zu erheben, aber das Fleisch verweigerte den Gehorsam. Der Schnee fühlte sich jetzt gar nicht mehr kalt an. Er war … warm … und weich. Seufzend schloss Thrall die Augen.

Ein Geräusch brachte ihn dazu, sie wieder zu öffnen, aber er blickte diese neue Schimäre seine Geistes ohne großes Interesse an. Dieses Mal handelte es sich um ein Rudel von Wölfen, die fast so weiß waren, wie der Schnee, der ihn umgab. Sie hatten einen Ring um ihn gebildet und warteten schweigend. Thrall fragte sich beiläufig, wie dieses Schauspiel ausgehen würde. Würden sie ihn angreifen, nur um wieder zu verschwinden? Oder würden sie ausharren, bis die Bewusstlosigkeit ihn übermannte?

Drei dunkle Gestalten ragten hinter den Wolfserscheinungen auf. Sie gehörten nicht zu den Personen, die ihn schon zuvor heimgesucht hatten. Von Kopf bis Fuß in dichte Felle gehüllt, sahen sie warm aus, aber nicht so warm, wie Thrall sich fühlte. Ihre Gesichter lagen im Schatten fellbesetzter Kapuzen, aber er sah breite Kiefer. Das und ihre Größe gab sie als Orks zu erkennen.

Diesmal war er wütend auf seinen Geist. Er hatte sich an die anderen Halluzinationen gewöhnt. Jetzt aber fürchtete er, er würde sterben, bevor er herausfinden konnte, was diese Fantasiegebilde mit ihm vorhatten.

Er schloss die Augen und wusste nichts mehr.

»Ich glaube, er ist wach.« Die Stimme war sanft und hoch. Thrall regte sich und öffnete die schweren Augenlider.

Er blickte in das Gesicht eines Ork-Kindes, das ihn mit offener Neugierde musterte. Thralls Augen öffneten sich weiter, um den kleinen Jungen genauer zu betrachten. Im Warsong-Clan hatte es keine Kinder gegeben. Fürchterliche Schlachten und Krankheiten hatten sie nach und nach dezimiert, und Grom hatte erzählt, dass die Kinder als erste von ihnen gegangen waren.

»Hallo«, sagte Thrall auf Orkisch. Das Wort kam nur als ein raues Krächzen heraus, und der Junge sprang zurück. Dann lachte er.

»Er ist wirklich wach«, rief er und huschte davon. Ein weiterer Ork trat in Thralls Blickfeld. Zum zweiten Mal in ebenso vielen Minuten sah Thrall eine neue Art von Ork, erst jenen sehr jungen und jetzt einen, der offensichtlich schon viele, viele Winter gesehen hatte.

Fasziniert studierte Thrall das Gesicht des Greises. Die Kinnbacken hingen herab, die Zähne waren noch gelber als Thralls eigene; viele von ihnen fehlten oder waren abgebrochen. Die Augen hatten eine seltsam milchige Farbe, und Thrall konnte keine Pupillen in ihnen erkennen. Der Rücken des Orks war gebeugt, was ihn fast so klein machte wie das Kind, aber Thrall schreckte instinktiv vor der machtvollen Ausstrahlung dieses alten Mannes zurück.

»Hmpf«, machte der alte Ork. »Dachte schon, du würdest sterben, junger Mann.«

»Tut mir leid, dich enttäuscht zu haben«, antwortete Thrall leicht verärgert.

»Unser Ehrenkodex befiehlt uns, jenen zu helfen, die unsere Hilfe brauchen«, fuhr der Ork fort, »aber es ist einfacher, wenn sich unsere Hilfe als fruchtlos erweist. Ein Maul weniger zu stopfen.«

Thrall war erstaunt über die harten Worte, aber er entschied sich, nichts darauf zu erwidern.

»Mein Name ist Drek’Thar. Ich bin der Schamane der Eiswölfe und ihr Beschützer. Wer bist du?«

Ein leises Lachen klang in Thralls Geist auf, als er sich vorstellte, dieser runzlige Alte solle der Beschützer der Eiswölfe sein. Er versuchte sich aufzusetzen und erschrak, als er brutal aufs Bett zurückgeworfen wurde. Es war als hätten ihn unsichtbare Hände niedergestoßen. Er blickte zu Drek’Thar und sah, dass der alte Mann die Haltung seiner Finger leicht verändert hatte.

»Ich habe dir nicht erlaubt aufzustehen«, sagte Drek’Thar mit ruhiger Stimme. »Beantworte meine Frage, Fremder, wenn du nicht willst, dass ich unsere Gastfreundschaft noch einmal überdenke.«

Thrall blickte den Alten mit neuem Respekt an und erklärte: »Mein Name ist Thrall.«

Drek’Thar spuckte aus. »Thrall! Ein Menschenwort und außerdem ein Wort, das Unterwerfung bedeutet.«

»Ja«, sagte Thrall, »ein Wort, das in ihrer Zunge ›Sklave‹ bedeutet. Aber ich bin nicht länger ein Sklave, obwohl ich den Namen behalte, damit er mich meiner Pflichten gemahnt. Ich bin meinen Ketten entkommen und will meine wahre Geschichte erfahren.« Ohne nachzudenken, versuchte Thrall ein weiteres Mal aufzustehen und wurde wieder niedergestoßen. Dieses Mal sah er, wie die knorrigen alten Hände leicht zuckten.

Vor ihm stand ein mächtiger Schamane.

»Unsere Wolfsfreunde haben dich im Schneesturm gefunden. Wie bist du hierher gekommen?«, verlangte Drek’Thar zu wissen. Er blickte dabei von Thrall fort, und dieser erkannte, dass der Alte blind war.

»Das ist eine lange Geschichte.«

»Ich habe Zeit.«

Thrall musste lachen. Er mochte diesen griesgrämigen, alten Kerl. Er hörte auf, sich gegen die unerbittliche Kraft zu wehren, die ihn flach auf dem Rücken hielt, und erzählte seine Geschichte. Wie Blackmoore ihn als Baby gefunden hatte, wie er ihn aufgezogen und ihm Kämpfen und Lesen beigebracht hatte. Er erzählte dem Schamanen von Taris Freundlichkeit, von der Trägheit der Orks in den Lagern, schließlich von seiner Begegnung mit Hellscream, der ihn den Weg des Kriegers und die Sprache seines Volkes gelehrt hatte.

»Hellscream war es, der mir sagte, die Eiswölfe seien mein Clan«, schloss er. »Er erkannte es an einem kleinen Stück Stoff, in das ich als Kind gewickelt war. Ich kann es dir zeigen …« Dann brach er beschämt ab. Natürlich konnte er Drek’Thar überhaupt nichts »zeigen«.

Er erwartete, dass der Schamane über diese Bemerkung in Wut ausbrechen würde, doch stattdessen streckte Drek’Thar die Hand aus. »Gib es mir.«

Der Druck auf seine Brust ließ nach, und Thrall konnte sich aufsetzen. Er griff in sein Bündel neben der Eiswolf-Decke und reichte das zerfetzte Tuch wortlos dem Schamanen.

Drek’Thar nahm es in beide Hände und presste es an seine Brust. Er murmelte leise Worte, die Thrall nicht verstehen konnte. Dann nickte er.

»Es ist, wie ich es mir gedacht hatte«, sagte er und seufzte schwer. Er gab Thrall das Tuch zurück. »Der Stoff besitzt tatsächlich das Muster der Eiswölfe, und er wurde von der Hand deiner Mutter gewoben. Wir dachten, du seiest tot.«