Viele Tage lang sprach er nicht mit Thrall. Thrall tat weiterhin die geringeren Arbeiten, aber es schien ihm, als entferne er sich langsam immer mehr von den Eiswölfen, statt ihnen näher zu kommen. Eines Abends bedeckte er die Abfallgruben, als einer der jüngeren Männer ihm zurief: »Sklave!«
»Mein Name ist Thrall«, entgegnete Thrall finster.
Der andere Ork zuckte die Schultern. »Thrall, Sklave. Das bedeutet das Gleiche. Mein Wolf ist krank und hat sein Lager schmutzig gemacht. Mach es sauber!«
Thrall knurrte tief in der Kehle. »Mach es selbst sauber. Ich bin nicht dein Diener. Ich bin ein Gast der Eiswölfe«, erwiderte er.
»Ach wirklich? Mit einem Namen, der Sklave bedeutet? Hier, Menschenjunge, fang auf!« Er warf ihm eine Decke zu, und sie lag auf Thrall, bevor er reagieren konnte. Kalte Feuchtigkeit klebte an seinem Gesicht, und es stank nach Urin.
Etwas in ihm brach heraus. Rote Wut ergriff Besitz von ihm, und er brüllte vor Empörung. Er riss die schmutzige Decke von seinem Leib und ballte seine Fäuste. Er begann mit den Füßen zu stampfen, rhythmisch, wütend, wie er es vor so langer Zeit im Ring getan hatte. Nur dass ihm hier keine Menge applaudierte. Stattdessen umstand ihn ein kleiner Kreis von plötzlich sehr still gewordenen Orks, die ihn anstarrten.
Der junge Ork reckte stur sein Kinn vor. »Ich sagte, mach es sauber, Sklave!«
Thrall brüllte und sprang. Der junge Mann ging zu Boden, aber nicht, ohne sich zu wehren. Thrall fühlte nicht, wie sich sein Fleisch unter scharfen, schwarzen Nägeln teilte. Er fühlte nur die Wut, die Empörung. Er war niemandes Sklave.
Dann zogen die anderen ihn von dem jungen Ork fort und warfen ihn in eine Schneebank. Die plötzliche kalte Nässe brachte ihn wieder zu Sinnen, und er erkannte, dass er sich jede Chance verdorben hatte, von diesen Leuten angenommen zu werden. Der Gedanke schmetterte ihn nieder. Er saß hüfttief im Schnee und starrte zu Boden. Er hatte versagt. Es gab keinen Ort, an den er gehörte.
»Ich hatte mich schon gefragt, wie lange du brauchen würdest«, sagte Drek’Thar. Thrall blickte matt auf und sah den blinden Schamanen vor sich stehen. »Es hat mich wirklich überrascht, dass du so lange durchgehalten hast.«
Langsam stand Thrall auf. »Ich habe mich gegen meine Gastgeber gewandt«, sagte er mit schwerer Stimme. »Ich werde gehen.«
»Das wirst du nicht«, sagte Drek’Thar. Thrall starrte ihn an. »Meine erste Prüfung wollte herausfinden, ob du zu arrogant bist, um darum zu bitten, einer von uns zu werden. Wenn du gekommen wärst und die Häuptlingswürde als dein Erbe verlangt hättest, hätten wir dich fort geschickt – und dir unsere Wölfe hinterher gejagt, um sicherzustellen, dass du nicht zurück kommst. Du musstest erst demütig sein, bevor wir dich bei uns aufnehmen konnten.
Aber wir können niemanden akzeptieren, der zu lange unterwürfig bleibt. Wenn du Uthuls Beleidigungen ertragen hättest, wärst du kein wahrer Ork gewesen. Es freut mich zu sehen, dass du sowohl demütig als auch stolz bist, Thrall.«
Sanft legte Drek’Thar eine knotige Hand auf Thralls muskulösen Arm. »Beide Eigenschaften sind notwendig für einen, der dem Weg des Schamanen folgen will.«
13
Obwohl der Rest des Winters hart und bitterkalt war, hielt sich Thrall an der Wärme fest, die er in seinem Inneren spürte, und so empfand er den Frost als erträglich. Er war jetzt ein Mitglied des Clans, und selbst die Warsongs hatten ihm nicht ein solches Gefühl seines eigenen Wertes vermittelt. Tagsüber jagte er mit den anderen, die jetzt seine Familie waren, und hörte Drek’Thar zu. Die Nächte verbrachte er als Teil einer lauten, glücklichen Versammlung, die um das Feuer herumsaß, Lieder sang und sich Geschichten aus vergangenen Tagen voller Ruhm erzählte.
Obwohl Drek’Thar ihn oft mit Erzählungen über seinen mutigen Vater Durotan beschenkte, spürte Thrali, dass der greise Ork etwas zurückhielt. Er sprach ihn jedoch nicht darauf an. Thrall hatte jetzt vollkommenes Vertrauen in Drek’Thar und wusste, dass der Schamane ihm sagen würde, was er wissen musste, sobald er es wissen musste.
Er fand auch eine besondere Freundschaft. Eines Abends, als der Clan und die Wolfgefährten sich um das Feuer eingefunden hatten, wie es ihre Gewohnheit war, löste sich ein junger Wolf aus dem Rudel, das normalerweise am Rande des Feuerscheins schlief, und näherte sich Thrall. Die Clan-Mitglieder wurden still.
»Die Wölfin wird wählen«, sprach Drek’Thar ruhig. Thrall hatte längst aufgehört, sich darüber zu wundern, wie Drek’Thar Dinge wie das Geschlecht eines Wolfes und seine – ihre – Bereitschaft zu wählen erkannte – was auch immer dieses Wort bedeuten mochte. Nicht ohne Mühe und Schmerzen erhob sich Drek’Thar und streckte seine Arme in Richtung der Wölfin aus.
»Schönheit, du wünschst, eine Verbindung mit einem Mitglied unseres Clans einzugehen«, sagte er. »Tritt näher und erwähle denjenigen, mit dem du für den Rest deines Lebens verbunden sein wirst.«
Die Wölfin sprang nicht sofort vor. Sie nahm sich Zeit, ihre Ohren zuckten, ihre dunklen Augen studierten jeden der anwesenden Orks. Die meisten von ihnen hatten bereits Gefährten, aber viele waren noch allein, vor allem die Jüngeren. Uthul, der Thralls guter Freund geworden war, nachdem dieser gegen seine grausame Behandlung rebelliert hatte, spannte sich an. Thrall konnte seinen Wunsch erkennen, dass dieses schöne, geschmeidige Tier ihn erwählen möge.
Die Augen der Wölfin trafen Thralls Augen, und es war, als liefe ein Zittern durch seinen Körper.
Die Wölfin sprang auf Thrall zu und legte sich an seine Seite. Ihre Augen bohrten sich in die seinen. Thrall fühlte einen warmen Strom der Verwandtschaft mit diesem Wesen, obwohl sie zwei unterschiedlichen Arten entstammten. Er wusste, ohne genau zu verstehen, wie er dies wissen konnte, dass sie an seiner Seite verweilen würde, bis einer von ihnen beiden dieses Leben einst verließ.
Vorsichtig streckte Thrall die Hand aus, um Snowsongs schön geformten Kopf zu berühren. Das Fell war weich und dicht. Eine warme Welle von Freude spülte über Thrall hinweg.
Die Gruppe grunzte Laute der Zustimmung, und der schwer enttäuschte Uthul war der Erste, der Thrall anerkennend auf den Rücken klopfte.
»Sag uns ihren Namen«, bat Drek’Thar.
»Ihr Name ist Snowsong«, antwortete Thrall, und wieder wusste er nicht, warum er sich dessen sicher war. Die Wölfin blickte ihn aus halb geschlossenen Augen an, und er spürte ihre Zufriedenheit.
Drek’Thar enthüllte den Grund für Durotans Tod schließlich an einem Abend gegen Ende des Winters. Wenn die Sonne schien, hörten sie mehr und mehr die Geräusche des schmelzenden Schnees. Thrall stand an diesem Nachmittag bei Drek’Thar und sah respektvoll zu, wie der alte Schamane ein Ritual zur Schneeschmelze vollzog und sie bat, ihren Kurs nur so weit zu ändern, dass sie nicht das Lager der Eiswölfe überflutete. Wie es jetzt immer war, stand Snowsong an Thralls Seite, ein weißer, stiller, treuer Schatten.
Thrall spürte, wie sich etwas in ihm rührte. Dann vernahm er eine Stimme: Wir hören die Bitte Drek’Thars und finden sie nicht unziemlich. Wir werden nicht dort fließen, wo du und die deinen wohnen, Schamane.
Drek’Thar verbeugte sich und schloss die Zeremonie, wie es das Ritual verlangte. »Ich habe es gehört!«, sagte Thrall. »Ich habe gehört, wie der Schnee dir geantwortet hat!«
Drek’Thar wandte seinen blinden Augen Thrall zu. »Ich weiß, dass du es gehört hast«, sagte er. »Es ist ein Zeichen, dass du bereit bist, dass du alles gelernt hast, das ich dich lehren konnte. Morgen wirst du dich deiner Initiation unterziehen. Aber heute Abend komm in meine Höhle. Ich habe dir Dinge zu erzählen, die du hören musst.«