Als die Finsternis sich herabsenkte, erschien Thrall in der Höhle. Wiseear winselte freudig. Drek’Thar winkte Thrall zu sich herein.
»Setz dich«, befahl er. Thrall gehorchte. Snowsong ging zu Wiseear, und sie berührten sich mit den Schnauzen, bevor sie sich zusammenrollten und bald einschliefen. »Du hast viele Fragen über deinen Vater und sein Schicksal. Ich habe es bisher unterlassen, sie zu beantworten, aber die Zeit ist gekommen, dass du alles wissen musst. Doch zuerst schwöre bei allem, das dir heilig ist, dass du niemals jemandem erzählen wirst, was ich dir jetzt sage – bis du ein Zeichen erhältst, dass es gesagt werden muss.«
»Ich schwöre es«, erklärte Thrall feierlich. Sein Herz schlug schnell. Nach so vielen Jahren würde er endlich die Wahrheit erfahren …
»Du hast gehört, dass wir von Gul’dan ins Exil verbannt wurden«, begann Drek’Thar. »Aber du hast nicht gehört, warum dies geschah. Niemand kannte die Gründe bis auf deine Eltern und bis auf mich selbst, und genau so wünschte es Durotan. Je weniger Leute wussten, was er wusste, desto sicherer war der Clan.«
Thrall sagte nichts, sondern lauschte aufmerksam auf jedes Wort, das über Drek’Thars Lippen kam.
»Wir wissen jetzt, dass Gul’dan böse war und mit seinem Herzen nicht die besten Interessen des Ork-Volkes verfolgte. Doch die Wenigsten wissen, wie umfassend er uns verraten hat und welch schrecklichen Preis wir nun für alles zahlen, was er uns angetan hat. Durotan erfuhr es, und wegen dieses Wissens wurde er verbannt. Er und Draka – und du, junger Thrall – kehrten in die Südlande zurück, um dem mächtigen Ork-Häuptling Orgrim Doomhammer von Gul’dans Verrat zu berichten. Wir wissen nicht, ob deine Eltern Doomhammer erreicht haben, aber wir wissen, dass sie wegen ihres Wissens getötet wurden.«
Thrall hielt die ungeduldige Frage »Welches Wissen?« nur mühsam zurück. Drek’Thar machte eine lange Pause, dann fuhr er fort.
»Gul’dan suchte stets nur Macht für sich selbst, und er verkaufte uns in eine Form der Sklaverei, um diese Macht zu erlangen. Er gründete den Schattenrat, und diese Gruppe, die aus ihm selbst und vielen bösen Ork-Hexern bestand, diktierte alles, was die Orks taten. Der Rat verbündete sich mit Dämonen, die ihm ihre abscheulichen Kräfte zur Verfügung stellten, und flößte der Horde eine solche Liebe zum Töten und zur Schlacht ein, dass die Orks die alten Wege vergaßen, die Wege der Natur und des Schamanen. Es verlangte sie nur noch nach Tod. Du hast das rote Feuer in den Augen jener Orks in den Lagern gesehen, Thrall. An diesem Zeichen erkennst du, dass sie von dämonischen Kräften regiert wurden.«
Thrall schnappte nach Luft. Er dachte sofort an Hellscreams helle scharlachrote Augen – und daran, wie ausgemergelt sein Leib war. Doch Hellscreams Geist gehörte ihm selbst. Er hatte Gnade gewährt, hatte sich weder der wahnsinnigen Blutlust noch der schrecklichen Lethargie ergeben. Grom Hellscream musste sich jeden Tag den Dämonen gestellt haben und widerstand ihnen noch heute. Thralls Bewunderung für den Häuptling wuchs noch, als er erkannte, wie stark Hellscreams Willen sein musste.
»Ich glaube, die Trägheit, die du in den Lagern gesehen hast, ist die Leere, die einen Ork überfällt, sobald ihm die dämonische Energie entzogen wird. Ohne diese Macht von außen fühlen die Betroffenen sich schwach und beraubt. Sie wissen vielleicht nicht einmal, warum sie so fühlen, und sind selbst zu träge, um darüber nachzudenken. Sie sind wie leere Becher, Thrall, die einst mit Gift gefüllt waren und die nun danach schreien, wieder mit etwas Gesundem gefüllt zu werden. Das, wonach sie sich sehnen, sind die alten Wege. Der Schamanismus, eine neue Verbindung mit den einfachen und reinen Kräften der natürlichen Mächte, wird sie wieder füllen und diesen schrecklichen Hunger stillen. Dies – und nur dies – wird sie aus ihrem dunklen Schlaf erwecken und sie zu dem stolzen Erbe zurückführen, das ihnen allen und uns gehört.«
Thrall lauschte weiterhin gespannt und klebte an Drek’Thars Lippen.
»Deine Eltern wussten von diesem dunklen Pakt. Sie wussten, dass diese blutdurstige Horde so unnatürlich war wie nur irgendetwas, das man sich vorstellen kann. Gul’dan und die Dämonen hatten den natürlichen Mut unseres Volkes genommen und ihn für ihre Zwecke pervertiert. Durotan wusste das, und wegen dieses Wissens wurde sein Clan verbannt. Er akzeptierte es, aber als du geboren wurdest, konnte er nicht länger schweigen. Er wollte eine bessere Welt für dich, Thrall. Du warst sein Sohn und Erbe. Du wärst der nächste Häuptling geworden. Er und Draka brachen, wie ich dir erzählt habe, in die Südlande auf, um ihren alten Freund Orgrim Doomhammer zu finden.«
»Ich kenne diesen Namen«, sagte Thrall. »Er war ein mächtiger Kriegshäuptling, der die vereinten Clans gegen die Menschen führte.«
Drek’Thar nickte. »Er war weise und tapfer, ein guter Führer unseres Volkes. Die Menschen siegten schließlich, Gul’dans Verrat – zumindest ein blasser Schatten seiner wahren Abgründe – wurde entdeckt, und die Dämonen zogen sich zurück. Der Rest ist dir bekannt.«
»Wurde Doomhammer getötet?«
»Wir glauben nicht, aber seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört. Dann und wann erreichen uns Gerüchte, er sei ein Eremit geworden, er lebe versteckt oder sei gefangen genommen worden. Viele halten ihn für eine Legende, die zurückkehren wird, um uns zu befreien, wenn die Zeit reif ist.«
Thrall sah seinen Lehrer eindringlich an. »Und was glaubst du, Drek’Thar?«
Der alte Ork lachte leise. »Ich glaube«, sagte er, »dass ich dir genug erzählt habe und dass es für dich Zeit ist, schlafen zu gehen. Der Morgen wird deine Initiation bringen, wenn es denn sein soll. Du solltest darauf vorbereitet sein.«
Thrall erhob sich und verbeugte sich respektvoll. Selbst wenn der Schamane die Geste nicht sehen konnte, machte er sie für sich selbst. »Komm, Snowsong«, rief er, und die weiße Wölfin trottete gehorsam mit dem Gefährten ihres Lebens in die Nacht hinaus.
Drek’Thar hörte genau hin, und als er sich sicher war, dass Thrall und Snowsong verschwunden waren, rief er Wiseear zu sich. »Ich habe eine Aufgabe für dich, mein Freund. Du weißt, was du zu tun hast.«
Obwohl er versuchte, so viel erholsame Ruhe wie möglich zu bekommen, fiel es Thrall schwer einzuschlafen. Er war zu aufgeregt, zu nervös. Was würde seine Initiation ihm bringen? Drek’Thar hatte ihm nichts weiter verraten, und er wünschte sich verzweifelt, er hätte irgendeine Ahnung von dem gehabt, was ihn erwartete.
Als der graue Morgen seine Höhle mit schwachem Licht füllte, war er hellwach. Er stand auf und begab sich nach draußen, und zu seiner Überraschung waren bereits alle anderen Stammesmitglieder wach und hatten sich schweigend vor seiner Höhle versammelt.
Thrall öffnete den Mund, um zu sprechen, aber Drek’Thar hob befehlend die Hand. »Du darfst erst wieder sprechen, wenn ich dir die Erlaubnis dazu erteile«, erklärte er.
»Du wirst jetzt gehen und dich allein in die Berge begeben. Snowsong muss hier bleiben. Du darfst nichts essen oder trinken, doch denke gut nach über den Weg, auf den du dich jetzt begibst. Wenn die Sonne untergeht, kehrst du zu mir zurück, und das Ritual wird beginnen.«
Gehorsam wandte sich Thrall um und ging. Snowsong, die wusste, was man von ihr erwartete, folgte ihm nicht. Sie warf den Kopf zurück und begann zu heulen. Die anderen Wölfe schlossen sich ihr an, und der wilde, betörende Chor begleitete Thrall, während er allein loszog, um zu meditieren.
Der Tag ging schneller vorüber, als er es erwartet hatte. Sein Geist war von Fragen erfüllt, und er war überrascht, als das Licht sich veränderte, und die Sonne, die sich orange am Winterhimmel abzeichnete, zum Horizont herab zu sinken begann. Er kehrte zurück, als ihre letzten Strahlen das Lager übergossen.