Thrall näherte sich dem Tier und sandte instinktiv eine Botschaft der Beruhigung. Hab keine Angst, sagte er. Dein Schmerz wird bald vorüber sein, und dein Leben wird weiter Sinn haben. Ich danke dir, Bruder, für dein Opfer.
Der Hirsch entspannte sich und senkte den Kopf. Thrall berührte ihn sanft am Hals. Schnell, um ihm keinen Schmerz zuzufügen, brach er das Genick des Tieres. Er blickte auf und sah die anderen, die ihn von Ehrfurcht erfüllt anstarrten. Aber er wusste, es war nicht sein Wille gewesen, sondern der des Hirsches, dass seine Leute heute etwas zu essen bekommen würden.
»Wir werden dieses Tier nehmen und sein Fleisch verzehren. Wir werden aus seinen Knochen Werkzeuge herstellen und Kleidung aus seiner Haut. Und während wir dies tun, werden wir nicht vergessen, dass es uns mit seinem Geschenk geehrt hat.«
Thrall arbeitete Seite an Seite mit Drek’Thar. Sie sandten Energie an die Samen unter der Erde, damit sie erstarkten und im bald kommenden Frühling blühen würden, und an die ungeborenen Tiere, seien es Hirsche oder Ziegen oder Wölfe, die in den Bäuchen ihrer Mütter heranwuchsen. Zusammen baten sie den Geist des Wassers, das Dorf vor der Schneeschmelze und den ständig drohenden Lawinen zu bewahren. Thrall wurde immer stärker und geschickter, und er war so vertieft in den neuen, lebenssprühenden Pfad, auf dem er wandelte, dass er vollkommen überrascht war, als er die ersten gelben und violetten Frühlingsblumen erblickte, die ihre Blütenköpfe durch den schmelzenden Schnee streckten.
Als er von einem Spaziergang zurückkehrte, bei dem er die heiligen Kräuter gesammelt hatte, die dem Schamanen bei der Kontaktaufnahme mit den Elementen halfen, musste er überrascht feststellen, dass die Eiswölfe einen neuen Gast hatten.
Der Ork war breit, aber Thrall konnte nicht sagen, ob es Fett oder Muskeln waren, denn ein unförmiger Mantel war um den Körper des Fremden geschlungen. Er hockte in der Nähe des Feuers und schien die Frühlingswärme nicht zu fühlen.
Snowsong rannte vor, um Wiseear zu begrüßen, der endlich zurückgekehrt war. Thrall wandte sich an Drek’Thar.
»Wer ist der Fremde?«, fragte er leise.
»Ein wandernder Eremit«, antwortete Drek’Thar. »Wir kennen ihn nicht. Er sagt, er habe sich in den Bergen verirrt. Wiseear habe ihn gefunden und zu uns geführt.«
Thrall blickte auf die Schale mit Eintopf, die der Fremde in seiner großen Hand hielt, und nahm die Fürsorge zur Kenntnis, die ihm vom Rest des Clans bezeugt wurde. »Ihr empfangt ihn mit mehr Freundlichkeit, als ihr mir entgegengebracht habt«, sagte er, doch es ärgerte ihn nicht im Geringsten.
Drek’Thar lachte. »Er bittet nur um ein paar Tage Zuflucht, bevor er weiterzieht. Er ist nicht mit einem zerrissenen Eiswolf-Wickeltuch angekommen und hat den Clan gebeten, ihn zu adoptieren. Und er kommt im Frühling, wenn es genug Gaben gibt, um sie zu teilen, und nicht mit Einbruch des Winters.«
Thrall musste dem Schamanen zustimmen. Bemüht, sich richtig zu verhalten, setzte er sich zu dem Neuankömmling. »Ich grüße dich, Fremder. Wie lange wanderst du schon?«
Der Ork sah ihn aus den Schatten seiner Kapuze heraus an. Seine grauen Augen blickten scharf, doch seine Antwort war höflich, ja respektvoll.
»Länger, als ich mich erinnern möchte, junger Ork. Ich stehe in eurer Schuld. Ich hatte die verbannten Eiswölfe stets für eine Legende gehalten, von der Gul’dans Kumpane erzählten, um den anderen Orks Angst einzujagen.«
Die Treue zu seinem Clan erwachte in Thrall. »Wir wurden zu Unrecht verbannt und haben unseren Wert bewiesen, indem wir unser Leben an einem solch harten Ort meistern«, antwortete er.
»Ich meine, gehört zu haben, dass du vor gar nicht so langer Zeit ebenso ein Fremder in diesem Clan warst wie ich es bin«, sagte der Fremde. »Sie haben von dir gesprochen, junger Thrall.«
»Ich hoffe, sie haben gut von mir gesprochen«, antwortete Thrall. Er war unsicher, was die richtige Entgegnung war.
»Gut genug«, antwortete der Fremde rätselhaft und wandte sich wieder seinem Eintopf zu. Thrall sah, dass seine Hände sehr muskulös waren.
»Wie heißt dein Clan, Freund?«
Die Hand stockte mit dem Löffel auf halbem Wege zum Mund. »Ich habe keinen Clan mehr. Ich wandere allein.«
»Wurden deine Leute getötet?«
»Sie wurden getötet oder gefangen genommen oder sind dort gestorben, wo es zählt … in der Seele«, antwortete der Ork mit Schmerz in der Stimme. »Lass uns nicht mehr davon sprechen.«
Thrall neigte den Kopf. Er fühlte sich unbehaglich in Gegenwart dieses Fremden, und er war auch misstrauisch. Etwas stimmte nicht mit ihm. Thrall erhob sich, nickte dem Gast zu und ging zu Drek’Thar.
»Wir sollten ihn beobachten«, sagte er seinem Lehrer. »An diesem wandernden Eremiten ist etwas, das mir nicht gefällt.«
Drek’Thar warf den Kopf zurück und lachte. »Wir hatten Unrecht mit unserem Misstrauen dir gegenüber, als du zu uns kamst, und jetzt bist du der Einzige, der diesem hungrigen Fremden misstraut. Oh, Thrall, du hast noch so viel zu lernen.«
Während der Clan an diesem Abend aß, beobachtete Thrall den Fremden weiter und versuchte dabei, nicht zu offensichtlichen Argwohn zu zeigen. Der Mann hatte ein großes Bündel, an das er niemanden heran ließ, und legte niemals seinen unförmigen Umhang ab. Er beantwortete Fragen höflich, aber knapp und verriet nur sehr wenig über sich selbst. Thrall wusste lediglich, dass er seit zwanzig Jahren als Eremit lebte, den Kontakt zu anderen mied und von den alten Tagen träumte, ohne dass er etwas zu tun schien, um sie tatsächlich zurückzuholen.
Einmal fragte Uthuclass="underline" »Hast du je die Lager gesehen? Thrall sagt, die Orks, die sie dort gefangen halten, hätten ihren eigenen Willen verloren.«
»Ja, und das überrascht mich nicht«, antwortete der Fremde. »Es gibt wenig, für das es sich noch zu kämpfen lohnte.«
»Es gibt viel, für das es sich zu kämpfen lohnt!«, mischte sich Thrall ein, dessen Wut schnell entflammte. »Die Freiheit. Einen Ort, der uns gehört. Die Erinnerung an unseren Ursprung.«
»Und doch versteckt ihr Eiswölfe euch hier in den Bergen«, entgegnete der Fremde.
»Wie ihr euch in den Südlanden versteckt!«, knurrte Thrall.
»Ich behaupte auch nicht, die Orks anstacheln zu wollen, ihre Ketten abzuwerfen und gegen ihre Herren zu revoltieren«, antwortete der Fremde mit ruhiger Stimme und ließ sich nicht provozieren.
»Ich werde nicht mehr lange hier sein«, erklärte Thrall. »Wenn der Frühling kommt, schließe ich mich dem unbesiegten Ork-Häuptling Grom Hellscream an und helfe seinem edlen Warsong-Clan, die Lager zu stürmen. Wir werden unsere Brüder und Schwestern inspirieren, sich gegen die Menschen zu erheben, die nicht ihre Herren sind, sondern nur Tyrannen, die sie gegen ihren Willen festhalten!« Thrall stand jetzt. Die Wut brannte heiß in ihm angesichts der Beleidigung, die dieser Fremde zu äußern gewagt hatte. Er hatte damit gerechnet, dass Drek’Thar ihn zurechtweisen würde, aber der alte Ork sagte nichts. Er streichelte nur seinen Wolfsgefährten und hörte zu. Die anderen Eiswölfe schienen fasziniert von dem Streit zwischen Thrall und dem Gast und unterbrachen sie nicht.
»Grom Hellscream«, sagte der Fremde mit spöttischem Grinsen und winkte verächtlich mit der Hand ab. »Ein von Dämonen heimgesuchter Träumer. Nein, nein, ihr Eiswölfe macht es schon richtig, genau wie ich. Ich habe gesehen, was die Menschen tun können, und es ist am Besten, ihnen aus dem Weg zu gehen und an den versteckten Orten zu leben, wo sie nicht hinkommen.«
»Ich wurde von Menschen aufgezogen, und glaube mir, sie sind nicht unfehlbar!«, schrie Thrall. »Und ich glaube du auch nicht, Feigling!«
»Thrall …«, begann Drek’Thar und mischte sich endlich ein.