Am nächsten Morgen war ich schon frühzeitig in der Stadt und besorgte mir ein paar notwendige Kleidungsstücke, da meine Koffer ja unterwegs nach Durban waren. Vor elf Uhr, ehe Sir Eustace mit der ganzen Gesellschaft unterwegs nach Rhodesien war, würde Pagett gewiss nichts unternehmen. Daher bestieg ich einen Vorortszug und machte einen ausgedehnten Landspaziergang.
Das Schicksal hängt oft an einem Faden. Mein Schnürsenkel löste sich, und ich musste mich bücken, um ihn wieder zuzubinden. Die Straße machte eine scharfe Kurve um ein Haus, und als ich noch mit meinem Schuh beschäftigt war, bog eilig ein Mann um die Ecke und stolperte fast über mich. Er zog seinen Hut, murmelte eine Entschuldigung und ging weiter. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben, doch im Moment schenkte ich dem keine weitere Beachtung. Ich sah auf die Uhr und fand, dass es Zeit zur Umkehr war.
Ganz in der Nähe war eine Straßenbahn-Haltestelle; die Straßenbahn fuhr gerade ab, und ich musste rennen, um sie noch zu erreichen. Hinter mir hörte ich eilige Schritte. Derselbe Mann, der mich vorhin überholt hatte, sprang jetzt nach mir auf die Plattform. Plötzlich wusste ich auch, weshalb mir sein Gesicht bekannt vorkam: Es war der kleine Mann mit der Knollennase, der am Vorabend am Bahnhof fast mit mir zusammengeprallt war. So viel Zufall machte mich stutzig. War es möglich, dass dieser Mensch mir absichtlich folgte? Das wollte ich sogleich nachprüfen. Ich stieg an der nächsten Haltestelle wieder aus. Der Mann kam mir nicht nach. Aber an der darauf folgenden Haltestelle verließ auch er die Straßenbahn und kehrte eilig zurück. Nun wurde mir alles klar: Man ließ mich keine Minute aus den Augen. Zu früh hatte ich frohlockt; Guy Pagett war ein gefährlicher Gegner!
Ohne zu zögern, stieg ich in die nächste Straßenbahn. Mein Verfolger blieb mir auf den Fersen. Jetzt begann ich zu überlegen. Die Sache, in die ich da hineingeraten war, entpuppte sich als sehr viel größer, als ich geahnt hatte. Der Mord im Haus zur Mühle war kein Fall für sich, sondern gehörte zu einer Serie von Verbrechen einer ganzen Bande. Allmählich begann ich einen Überblick über das weitverzweigte Netz zu bekommen. Systematisch organisierte Verbrechen unter Leitung des mysteriösen «Colonel»! Ich erinnerte mich an verschiedene Gespräche an Bord über den Streik im Rand und seine Hintergründe und an die allgemeine Auffassung, dass hier eine geheime Organisation am Werk sei, die den Aufruhr unterstütze. Das war das Werk des «Colonel»; seine Leute handelten nach genauen Weisungen. Er selbst trat dabei nicht in Erscheinung. Die Organisation wurde von ihm geleitet, die gefährliche Ausführung der Verbrechen überließ er anderen. Aber höchstwahrscheinlich war er in der Nähe, gut getarnt hinter einer unangreifbaren Position.
Jetzt wurde mir auch die Anwesenheit von Colonel Race auf der Kilmorden klar. Er nahm wohl eine hohe Stellung im Geheimdienst ein und hatte die Aufgabe, den «Colonel», in seinem Bau aufzuspüren.
So musste es sein, alles passte zu dieser Annahme. Weshalb aber verfolgte man mich? War die Bande nur hinter den Diamanten her? Nein, so groß auch deren Wert sein mochte, das genügte nicht für die verzweifelten Bemühungen, mich aus dem Weg zu schaffen. Ich musste eine beträchtliche Gefahr für die Leute bedeuten. Man vermutete bestimmte Kenntnisse bei mir, das war’s! Das war ja auch bei dem Gespräch des Holländers mit meinem Freund Chichester in jener Villa deutlich geworden. Kenntnisse, die mit den Diamanten zusammenhängen mochten.
Einen Menschen gab es, der mich bestimmt hätte aufklären können, wenn er gewollt hätte! Der «Mann im braunen Anzug», Harry Rayburn. Er kannte die andere Hälfte der Geschichte. Aber er war untergetaucht, war selbst ein Verfolgter. Und wahrscheinlich würde ich ihn nie mehr Wiedersehen…
Mit einem energischen Ruck brachte ich mich in die Gegenwart zurück. Jetzt war keine Zeit für sentimentale Gedanken an Harry Rayburn. Das Problem lautete: Was sollte ich tun?
Ich, die ich so stolz auf meine Rolle als Beobachterin gewesen war, ich war selbst zur Verfolgten geworden. Und ich hatte Angst! Zum ersten Mal begann ich die Nerven zu verlieren. Ich war ein kleines Sandkorn, das in die laufende Maschine geraten war. Und die Maschine würde sicher mit dem kleinen Sandkorn kurzen Prozess machen. Einmal hatte mich Harry Rayburn gerettet, einmal hatte ich mir selbst geholfen, aber jetzt standen alle Trümpfe gegen mich. Ringsum fühlte ich mich von Feinden umgeben, die mich immer enger einkreisten. Wollte ich weiter auf eigene Faust vorgehen, war ich verloren.
Ich riss mich zusammen. Schließlich befand ich mich in einer zivilisierten Stadt, an jeder Straßenecke stand ein Polizist was konnte mir schon geschehen? Ich würde nicht mehr so leicht in die Falle gehen.
Als meine Überlegungen so weit gediehen waren, hielt die Bahn an der großen Geschäftsstraße. Ich stieg aus und schlenderte ohne festen Plan die Straße entlang. Es war unnötig, mich umzusehen, ich wusste, dass mein Verfolger hinter mir war. Schließlich landete ich in einem Café und bestellte ein Eis, um meine Nerven zu beruhigen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie mein Verfolger eintrat und sich unauffällig an einen Tisch bei der Tür setzte. Plötzlich stand er wieder auf und ging hinaus. Das verblüffte mich. Ich spähte vorsichtig aus der Tür, zog mich aber rasch wieder zurück: Der Mann sprach auf der Straße mit Guy Pagett.
Pagett sah auf seine Uhr. Sie wechselten ein paar Worte, dann ging Pagett in Richtung Bahnhof. Ganz offensichtlich hatte er meinem Verfolger Anweisungen erteilt.
Plötzlich stockte mir der Atem. Der Mann überquerte die Straße, sprach gestikulierend auf einen Polizisten ein und deutete dabei auf das Café. Die Absicht war mehr als klar. Ich sollte unter irgendeinem Vorwand verhaftet werden. Es würde der Bande gewiss nicht schwer fallen, eine Anklage gegen mich vorzubringen. Und wie sollte ich meine Unschuld beweisen?
Automatisch sah ich auf meine Uhr, und in diesem Moment wusste ich, weshalb man mich bis jetzt in Ruhe gelassen hatte. Es war kurz vor elf, und um elf Uhr fuhr der Zug nach Rhodesien ab mit all meinen einflussreichen Freunden, die sich für mich hätten verwenden können. Bis um elf Uhr wagte man nichts zu unternehmen, doch jetzt zog sich das Netz um mich zusammen.
Hastig öffnete ich meine Tasche und bezahlte das Eis. Dabei bemerkte ich etwas, das mein Herz stillstehen ließ: Eine dicke Brieftasche, voll gestopft mit Banknoten, lag darin.
Kopflos rannte ich davon. Der kleine Mann mit der Knollennase und der Polizist folgten mir, aber ich hatte einen guten Vorsprung. Zu Überlegungen blieb mir keine Zeit, ich lief ums nackte Leben.
Der Bahnhof war bereits in Sichtweite; ich blickte zur Uhr empor: eine Minute vor elf. Es war Punkt elf Uhr, und der Zug setzte sich in Bewegung, als ich auf dem Bahnsteig ankam. Ein Schaffner versuchte mich zurückzuhalten, doch ich riss mich los und sprang auf den letzten Wagen.
Ein Mann stand einsam auf dem Bahnsteig. Ich winkte ihm zu. «Auf Wiedersehen, Mr Pagett!», rief ich.
Suzanne und Colonel Race stießen einen Schrei des Erstaunens aus, als sie mich erblickten.
«Hallo, Miss Anne», rief Colonel Race. «Wo kommen Sie denn her? Wir glaubten Sie auf dem Weg nach Durban. Sie verstehen es, die Leute zu überraschen!»
Suzanne schwieg, aber ihre Augen stellten tausend Fragen. «Ich muss mich bei meinem Chef melden», sagte ich gestelzt. «Wo ist er?»
«Im Büro – mittleres Abteil. Wie besessen diktiert er der unseligen Miss Pettigrew.»
«Diese Arbeitswut ist ja etwas ganz Neues bei ihm», erwiderte ich.
«Wahrscheinlich hat er die Absicht, sie auf diese Weise für den ganzen Tag an ihrer Schreibmaschine festzunageln.»
Ich lachte. Dann folgten mir die beiden zu Sir Eustace. Er schritt im Abteil auf und ab und überfiel die arme Sekretärin mit einem Schwall unverständlicher Worte. Zum ersten Mal sah ich nun Miss Pettigrew. Sie war eine große, derbe Frau in einem mausgrauen Kleid. Auf der Nase trug sie einen Zwicker, und sie sah entsetzlich tüchtig aus. Immerhin schien es auch ihr schwer zu fallen, dem Tempo von Sir Eustace zu folgen.