Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,« sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern aber…«
»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun, und in der andern?«
»Etwas Giftiges.«
Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft,
Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.«
Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit langen, weißen Haaren.
Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage zu reden.«
Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor. Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz.
»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann sagen. »Fabelhaft? was?«
»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite.
»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.«
Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus über Aktien, Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung.
Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt. Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz.
Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann, verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafter Nacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte Arnold, das gefällt mir.
Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte, hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich vor und drückte beide Hände an die Augen.
»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.«
»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.«
Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit forschend ins Gesicht.
Dreißigstes Kapitel
Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen ersten Wirkungskreis eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte ungefähr fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit jeder Woche größer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreißen, in welchem er verstrickt war, täglich geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm. Abenteuerlichkeiten aller Art mußten vorhalten, um ein im Grunde erbärmliches Dasein fortzuführen.
Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein jetziges Leben für alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam, hatten ihn die Überlegungen der dazwischen liegenden Tage gestärkt, und er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden als Darlehen.
Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß ein Glas Wasser aus der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.
Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.
Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. »Es ist ein Freundschaftsdienst,« sagte er lächelnd.
Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« erwiderte er. »Morgen will ich es Ihnen schicken.« Er betrachtete das Gesicht Spechts und es erschien ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. Wangen und Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behäbiger, trotzdem die modische Kleidung ungünstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, kühlen und trunkenen Mann verglich, der vor ihm saß, suchte er nach den Ursachen einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Kräfte schienen zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an einem Tanz teilnimmt, teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht weiß, was mit ihm vorgeht.
Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum erstenmal bei einem Shakespeareschen Stück gewesen und hatte einen tiefen Eindruck gewonnen.
Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in andern Städten schon großen Beifall erlangt hatte. Specht saß als überlegener Mann da. Die zwei ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen begann. »Ein glänzendes Stück«, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grüßte einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold auf, ihn zu begleiten, und sie schritten draußen im teppichbelegten Wandelgang auf und ab. »Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas gönnerhaft.
»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte Arnold.
»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt.
»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch zugrunde geht?« fuhr Arnold unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht wahr, ist lauter verlogenes Zeug.«