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Eine erste größere Auseinandersetzung — Krach will man sie nicht nennen, aber ungewöhnlich war sie doch für die beiden — gab es, als die Leute im dritten Stock,»le ménage Wittekind«, wie Frau von Klein gesagt hätte, zum Abendessen baten. Hans freute sich über diese Geste von Herzen. Er hatte Ina schwungvoll und begeistert von seinem Besuch erzählt und nachgedacht, wie man die Verbindung vertiefen könne. Ob es passend sei, dieses Paar einzuladen? Da rief Britta schon an und schlug» ein einfaches kleines nachbarliches Essen «vor. Aber Ina freute sich nicht. Was sie gehört hatte, machte sie nicht neugierig. Sie war schüchtern, und sie hatte sich kaum außerhalb ihrer eigenen gesellschaftlichen Kreise bewegt. Ein Mann mit so vielen Büchern würde sie ganz gewiß langweilig finden. Was sagte man zu einem solchen Mann? fragte sie ratlos, als enge die Lektüre vieler Bücher den Gesprächshorizont des Lesers derart ein, daß er nicht mehr in der Lage sei, eine Tischkonversation zu bestreiten. Die Vorstellung, eine Schauspielerin zu sehen, war ihr gleichfalls nicht angenehm, auch wenn sie hübsch sei. Obwohl Hans nachdrücklich von dieser Hübschheit sprach, zeigte sich bei Ina aber nicht der kleinste Zipfel Eifersucht. Sie war selbst hübsch und fand es selbstverständlich, daß die Leute, mit denen man verkehrte, hübsch waren, und sie ging großzügig mit diesem Prädikat um, das unterschied sie von vielen Frauen, die einen übelwollenden, zänkisch-kritischen Blick auf das eigene Geschlecht werfen. Ina wollte geradezu, daß Frauen hübsch waren und auch Hans gefielen. Es war, als ahne sie sehr deutlich — eigentlich über ihre Erfahrung hinaus, aus einer grundsätzlichen Disposition heraus—, daß Hübschheit und erotische Anziehung zwei Dinge waren, die miteinander nichts zu tun haben mußten. Auch sie fand, daß Schauspielerinnen zu den» interessanten Leuten «gehörten, wie das hieß, daß es erstrebenswert sei, mit einer» hübschen Schauspielerin «einen Abend zu verbringen, so entschieden sie für sich selbst alle Schauspielerei ablehnte, aber sie fühlte sich außerstande in dieser ihr noch rätselhaften, undeutlichen Verfassung» interessante Leute «zu besuchen. Das mußte einen Mißerfolg geben.

Davon sagte sie Hans nichts, sondern schlug vor, er möge alleine gehen —»wenn es denn überhaupt klug sei, mit Leuten aus dem Haus so schnell Freundschaft zu schließen«. Das könne sich doch zu einer großen Belastung entwickeln. Es sei ihr unheimlich, die Leute dann womöglich jeden Tag irgendwie mit Freundlichkeit bedenken zu müssen, immerfort unter dem Druck zu stehen, sich gegenseitig einzuladen, und schließlich Angst zu haben, die Wohnung zu verlassen, weil man Schritte im Treppenhaus gehört habe. Als Hans das alles nicht gelten lassen und vor allem keinesfalls allein dort erscheinen wollte —»wie das denn aussehe, ein zweites Mal«—, versuchte sie, sich hinter ihrer Mutter zu verschanzen. Heute sei der Telephontag von Frau von Klein, denn heute gehe sie nicht aus und sitze allein zu Hause, ein bemitleidenswertes Bild.

Es war eigentlich erst der Appell an die Bedürfnisse von Frau von Klein, der die Schärfe ins Gespräch brachte. Plötzlich wollte Hans von den Wünschen und überhaupt dem Befinden seiner Schwiegermutter nichts mehr wissen. Es sei ihm gleichgültig, was Frau von Klein an einem solchen einladungsfreien Abend unternehme. Wie sie die tote Zeit, ohne von anderen Leuten unterhalten zu werden, bis zum Schlafengehen herumbringe, interessiere ihn nicht. Es lasse ihn die Vorstellung kalt, daß Frau von Klein heute abend vor Langeweile Juckreiz bekomme. Frau von Klein habe sich niemals für das Befinden anderer Leute interessiert — und könne in diesem Desinteresse durchaus für vorbildlich gelten —, vor allem aber sei ihr ihre Tochter stets perfekt gleichgültig geblieben: Sie habe ihr ja nicht einmal einen richtigen Namen gegeben. Ina — das sei kein Name, sondern die Abkürzung eines Namens, aber ob Georgina, Albertina oder Martina gemeint war, wisse Frau von Klein nicht, die nur einen einzigen Zweck mit dieser Ina verfolgt hatte: Das Monogramm ihrer Silbersachen — sie hieß Irma — sollte auch für die Tochter passen, damit später nichts graviert werden mußte. Tatsächlich war im Familienkreis von der praktischen Gleichheit des Monogramms von Mutter und Tochter gelegentlich die Rede, aber im Sinn des Lobpreises für soviel vorausschauendes Wirken. Es wirkte geradezu heimtückisch auf Ina, daß Hans dieses Familienthema jetzt zu seiner Schmähung der Schwiegermutter hervorholte.

Sie war verletzt, weil ein solcher Angriff bei dem geduldigen, aber auch diplomatischen Hans bisher nicht vorgekommen war. Sie hatte sich mit ihm einig geglaubt, daß ihre Mutter zu ertragen sei und daß er die Notwendigkeit, sich deren Launen zu beugen, genauso erkannte wie sie selbst. Hier tat sich ein Riß auf, den sie als bedrohlich empfand. Niemals würde sie zulassen, daß Hans einen Machtkampf um Frau von Klein erzwang. In der Stimmung, in die sie geraten war, hatte niemand das Recht, zum Wanken zu bringen, was ihrem Leben Sicherheit gab.

Als Hans und Ina gebadet und erfrischt in leichten sommerlichen Kleidern, rundum appetitlich und erfreulich aussehend, das bereits erwähnte» schöne Paar «eben, bei Lilien und Wittekind klingelten, war dies überzeugend schöne Aussehen, das die Gastgeber sichtlich wahrnahmen, nur die Fassade, hinter der sich eine ernste Verstimmung verbarg. Man hatte keine Zeit gehabt, sich zu versöhnen, war dazu auch nicht geneigt und hatte in frischem Zank die Wohnung verlassen.

Die obere Wohnung war weit, hell und etwas nackt, hier unten war alles höhlenhaft und wirkte dadurch auch ein wenig kleiner. In der Sommerhitze war allein der Anblick der beiden erfrischten Frauen schon ein Labsal, es war, als gehe Kühle von ihren Körpern aus. Sie mochten gleich alt sein, aber Ina erschien als die Jüngere, das Bühnendasein gab Britta die Möglichkeit, ein souveränes Auftreten auch dann zu markieren, wenn ihr danach eigentlich nicht zumute war. Zwischen den Bücherstapeln war ein kleiner Tisch aufgeschlagen, ein richtiges Tischlein-deck-dich war herbeigeflogen, mit Kerzenleuchtern und einem Eiskübel und daraus ragenden Weinflaschen. Der lässig in seine freundliche Ironie wie in eine bequeme Hausjacke gehüllte Hausherr wirkte, als habe er kaum vom Schreibtisch aufgesehen, während all dies herbeigeflogen war. Britta kam nämlich aus dem Theater und hatte zu Vorbereitungen keine Zeit gehabt, aber wer immer da tätig geworden war, er hatte seine Arbeit geschickt gemacht.

Es gab nur kalte Sachen. Gekühlte Tomatensuppe mit Basilikumblättern, kalten Braten und Bohnensalat, schließlich Zitroneneis, das mußte Ina dann doch gefallen. Sie entspannte sich auch, wie Hans aus den Augenwinkeln festzustellen meinte, wenn sie seinem Blick auch weiterhin auswich. Wittekind behandelte Ina mit zeremonieller Höflichkeit, aber Hans zweifelte, ob seine großen, etwas hervortretenden Augen sie überhaupt wahrnahmen. Mit Lebhaftigkeit sprach er, wenn er sich an Hans wandte. Durch Ina schien er, mit mondhaft gütiger Miene, hindurchzusehen.

Man sprach davon, wie schön es wäre, an einem solch heißen Abend vor diesem Treffen noch im Main schwimmen zu gehen, der schließlich beinahe an der Haustür vorüberfloß. Vor dem Krieg sei das üblich gewesen, sagte Wittekind, obwohl der Fluß damals schmutziger gewesen sei als heute. Man habe in dieser Zeit einen Fluß ja noch ganz unschuldig als große Abflußrinne angesehen. Die Strömung sei heute natürlich erheblich stärker, weil der Fluß ausgebaggert und für die großen Schlepper schiffbar gemacht sei. Wer heute in ihn hineinsteige, komme wahrscheinlich weit entfernt von seinen Kleidern wieder heraus. Dennoch werde sich das ganze Verhältnis der Bewohner zu ihrer Stadt ändern, wenn sie wieder im Fluß schwämmen.

«Du gehst doch niemals schwimmen, nicht am Meer und nicht im Schwimmbecken«, sagte Britta. Wittekind gab das mit der bekannt gelassenen Miene zu, richtig, er selbst schwimme nie, wisse auch nicht, ob er es noch könne, denn er sei das letzte Mal in tiefem Wasser gewesen, als man ihn in der Schule dazu gezwungen habe. Als Hans allein dagewesen war, hatte Britta gesammelt und andächtig gelauscht, so sah das doch aus, wenn ihr Freund sprach und nachgerade dozierte. Sie hatte Hans das Gefühl vermittelt, daß sie selbst am meisten genieße, an diesem Born der Weisheit zu sitzen, aber heute gab sie Widerwort und stichelte gegen ihn, als ob sie eine Störung seiner Gelassenheit versuche, aussichtslos freilich, die ironische Hausjacke verbarg in Wahrheit ein Kettenhemd, das undurchdringlich war. Hans meinte zu sehen, daß es Inas Anwesenheit war, was Britta veränderte. Sie wollte sich in der Gegenwart einer anderen Frau ganz offensichtlich nicht nur passiv ergeben darstellen.