»Oh, in der kalten Erde liegt der Herr begraben«, kicherte Ellery vom Foyer her. Er kam zurück ins Wohnzimmer und schwenkte die Zeitung, die Michaels bei seinem Zusammenstoß mit Piggott fallengelassen hatte. »Aber wirklich, alter Knabe, das ist ein bißchen viel verlangt, nicht wahr. Hier ist die Morgenzeitung, die Sie bei sich hatten. Und das erste, was ich sehe, als ich sie aufhebe, ist die schöne schwarze Schlagzeile, die Mr. Fields kleinen Unfall beschreibt. Über die ganze Titelseite geschmiert. Und der Artikel ist Ihnen nicht aufgefallen?«
Michaels blickte starr auf Ellery und die Zeitung. Aber dann schlug er die Augen nieder, während er leise sagte: »Ich hatte noch keine Gelegenheit, heute morgen die Zeitung zu lesen, Sir. Was ist mit Mr. Field passiert?«
Der Inspektor schnaufte. »Field ist ermordet worden, Michaels, und Sie haben das die ganze Zeit gewußt.«
»Das habe ich nicht, glauben Sie mir, Sir«, entgegnete der Diener respektvoll.
»Hören Sie auf zu lügen!« fuhr Queen ihn an. »Erzählen Sie uns, warum Sie hier sind, oder Sie werden Zeit genug haben, hinter Gittern zu plaudern!«
Michaels sah den alten Mann geduldig an. »Ich habe Ihnen die Wahrheit erzählt, Sir«, sagte er. »Mr. Field hat mir gestern gesagt, ich solle heute morgen kommen, um meinen Scheck abzuholen. Das ist alles, was ich weiß.«
»Sie sollten ihn hier treffen?«
»Ja, Sir.«
»Warum haben Sie dann vergessen zu läuten? Sie haben einen Schlüssel benutzt, als hätten Sie nicht erwartet, jemanden hier vorzufinden, mein Lieber«, sagte Queen.
»Geklingelt?« Der Diener riß erstaunt die Augen auf. »Ich benutze immer meinen Schlüssel. Ich störe Mr. Field nicht, wenn sich das verhindern läßt.«
»Warum hat Ihnen Mr. Field den Scheck nicht schon gestern gegeben?« schnauzte der Inspektor.
»Ich nehme an, er hatte sein Scheckheft nicht zur Hand, Sir.«
Queen spitzte die Lippen. »Sie haben nicht einmal eine besonders große Vorstellungskraft, Michaels. Wann haben Sie ihn gestern zuletzt gesehen?«
»Ungefähr um sieben Uhr, Sir«, antwortete Michaels prompt. »Ich wohne nicht hier in der Wohnung. Sie ist zu klein, und Mr. Field liebt – liebte seine Privatsphäre. Ich komme gewöhnlich früh morgens, um Frühstück für ihn zu machen, sein Bad zu bereiten und seine Kleider herauszulegen. Wenn er dann ins Büro gegangen ist, mache ich ein wenig sauber, und der Rest des Tages steht zu meiner freien Verfügung bis zum Abendessen. Ich komme gegen fünf zurück und bereite das Abendessen zu, außer Mr. Field hat mir im Laufe des Tages Bescheid gegeben, daß er auswärts speist, und lege ihm seine Abendgarderobe zurecht. Dann bin ich für den Abend fertig … Nachdem ich gestern seine Sachen bereitgelegt hatte, gab er mir Anweisungen wegen des Schecks.«
»Kein besonders ermüdendes Tagewerk«, bemerkte Ellery. »Und welche Sachen haben Sie ihm gestern abend herausgelegt, Michaels?«
Der Mann betrachtete Ellery respektvoll. »Da war seine Unterwäsche, Sir, und seine Socken, seine Abendschuhe, gestärktes Hemd, Manschettenknöpfe, Kragen, weiße Krawatte, Frack, Umhang, Hut –«
»Oh, ja – sein Hut«, unterbrach ihn Queen. »Was für ein Hut war das, Michaels?«
»Sein ganz normaler Zylinder, Sir«, antwortete Michaels. »Er hatte nur diesen einen, und das war ein besonders teurer«, fügte er andächtig hinzu. »Browne Bros., glaube ich.«
Queen trommelte gelangweilt auf die Lehne seines Stuhls. »Erzählen Sie mir, Michaels«, sagte er, »was Sie gestern abend gemacht haben, nachdem Sie hier fertig waren – also nach sieben Uhr?«
»Ich ging nach Hause, Sir. Ich mußte noch meine Tasche packen und war recht erschöpft. Nachdem ich einen Happen gegessen hatte, bin ich sofort schlafen gegangen – es muß ungefähr halb zehn gewesen sein, als ich ins Bett stieg«, fügte er unschuldig hinzu.
»Wo wohnen Sie?« Michaels gab eine Adresse auf der 146. Straße, Ost, an, in dem Teil, der zur Bronx gehört. »Nun gut … Hatte Field irgendwelche regelmäßigen Besucher hier?« fuhr der Inspektor fort.
Michaels runzelte höflich die Stirn. »Das ist schwer zu sagen, Sir. Mr. Field war nicht gerade ein umgänglicher Mensch. Aber da ich abends nicht hier war, kann ich nicht sagen, wer noch kam, wenn ich gegangen war. Aber –«
»Ja?«
»Da gab es eine Dame, Sir …« Michaels zögerte gekünstelt. »Ich nenne nicht gerne Namen unter diesen Umständen –«
»Ihr Name?« beharrte Queen verdrossen.
»Nun, Sir – irgendwie ist das nicht richtig – Russo. Mrs. Angela Russo ist ihr Name«, antwortete Michaels.
»Wie lange kannte Mr. Field diese Mrs. Russo?«
»Mehrere Monate, Sir. Ich glaube, er traf sie auf einer Party irgendwo in Greenwich Village.«
»Ah ja. Und waren sie vielleicht verlobt?«
Michaels schien etwas verlegen zu sein. »Man könnte es so nennen, Sir, obwohl es eher weniger offiziell war …«
Schweigen. »Wie lange waren Sie in Monte Fields Diensten, Michaels?« fuhr der Inspektor fort.
»Nächsten Monat wären es drei Jahre gewesen.«
Queen schwenkte auf ein anderes Thema der Befragung um. Er fragte nach Fields Interesse an Theaterbesuchen, seiner finanziellen Situation und seinen Trinkgewohnheiten. Michaels bestätigte in allen Einzelheiten die Aussagen von Mrs. Russo. Es wurde nichts Neues ans Licht gebracht.
»Sie sagten vorhin, daß Sie ungefähr drei Jahre für Field gearbeitet haben«, nahm der Inspektor den Faden wieder auf und machte es sich in seinem Sessel bequem. »Wie haben Sie den Job bekommen?«
Michaels zögerte einen Moment mit der Antwort. »Ich habe auf eine Annonce in der Zeitung geantwortet, Sir.«
»Gut … Wenn Sie seit drei Jahren in Fields Diensten waren, kannten Sie sicher auch Benjamin Morgan.«
Michaels lächelte plötzlich breit. »Natürlich kenne ich Mr. Benjamin Morgan«, sagte er herzlich. »Das ist ein richtig feiner Herr, Sir. Er war Mr. Fields Partner, wissen Sie, in ihrem Anwaltsbüro. Aber dann – vor ungefähr zwei Jahren – haben sie sich getrennt, und seither habe ich Mr. Morgan nicht mehr gesehen.«
»Haben Sie ihn vor dem Bruch oft gesehen?«
»Nein, Sir«, gab der stämmige Diener mit einem Ton des Bedauerns zurück. »Mr. Field war nicht gerade Mr. Morgans – ah – Typ, und sie verkehrten gesellschaftlich nicht miteinander. Ich erinnere mich daran, Mr. Morgan drei- oder viermal in dieser Wohnung gesehen zu haben, aber nur, wenn es um dringende geschäftliche Angelegenheiten ging. Aber selbst darüber kann ich wenig sagen, da ich nicht den ganzen Abend über blieb … Natürlich ist er, soweit ich weiß, nicht mehr hier gewesen, seit sie das Unternehmen aufgelöst haben.«
Zum ersten Mal während der Unterhaltung lächelte Queen. »Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit, Michaels … Nun noch ein paar Klatschgeschichten für mich – erinnern Sie sich an irgendwelche unerfreulichen Szenen aus der Zeit, als sie sich trennten?«
»Oh nein, Sir!« protestierte Michaels. »Ich habe niemals von einem Streit oder etwas Ähnlichem gehört. Im Gegenteil, Mr. Field erzählte mir unmittelbar nach ihrer Trennung, daß er und Mr. Morgan Freunde bleiben würden – sehr gute Freunde, sagte er.«