Queen nahm das Telefon und gab einen knappen Befehl. Fast auf der Stelle erschien Flint.
»Was haben Sie letzte nacht gefunden?« fragte Queen kurz angebunden.
»Nun, Inspektor«, antwortete Flint schüchtern, »wir sind alles aufs genaueste durchgegangen. Wir haben eine ganze Menge Zeug gefunden, aber das meiste davon waren Programmhefte und solche Sachen, die wir dann für die Putzfrauen liegengelassen haben, die mit uns zusammen dort tätig waren. Wir haben jedoch einen ganzen Haufen Kontrollabschnitte aufgesammelt – vor allem in den Gängen.« Aus seiner Tasche brachte er einen Stapel Eintrittskarten, der ordentlich von einem Gummi zusammengehalten wurde, zum Vorschein. Velie nahm ihn in Empfang und fuhr damit fort, die Nummern und Buchstaben vorzulesen. Als er damit zu Ende war, ließ Queen die getippte Liste auf den Schreibtisch fallen.
»Nichts dabei herausgekommen?« murmelte Ellery und schaute von seinem Buch auf.
»Verflucht, jeder von denen, die wir ohne Eintrittskarte angetroffen haben, ist nun abgehakt!« knurrte der Inspektor. »Es ist kein Name und kein Kontrollabschnitt mehr übrig. Jetzt kann ich nur noch eins machen.« Er durchwühlte den Haufen mit den Abschnitten, bis er gemäß der Liste den Kontrollabschnitt fand, der Frances Ives-Pope gehört hatte. Dann holte er aus seiner Tasche die vier Eintrittskarten, die er am Abend zuvor an sich genommen hatte, und verglich sorgfältig den Kontrollabschnitt des Mädchens mit dem für Fields Platz. Die abgerissenen Kanten stimmten nicht überein.
»Es gibt nur einen Trost«, fuhr der Inspektor fort und steckte die fünf Eintrittskarten in seine Westentasche, »wir haben keine Spur von den Karten für die sechs Plätze unmittelbar neben und vor Fields Platz gefunden!«
»Das hab’ ich mir gleich gedacht«, bemerkte Ellery. Er legte das Buch beiseite und betrachtete seinen Vater mit ungewohntem Ernst. »Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, Vater, daß wir nicht einmal genau wissen, warum Field gestern abend im Theater war?«
Queen zog die Brauen hoch. »Genau über dieses Problem habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen. Von Mrs. Russo und Michaels wissen wir, daß Field nichts an Theaterbesuchen lag.«
»Man weiß nie, welche Laune gerade jemanden überkommen kann«, sagte Ellery entschieden. »Viele Dinge könnten auch einen Mann, der sonst nicht ins Theater geht, dazu bewegen, sich dieser Art von Unterhaltung zu widmen. Tatsache ist – er war dort. Ich wüßte gern, warum er dort war.«
Der alte Mann schüttelte ernst den Kopf. »Handelte es sich vielleicht um eine geschäftliche Verabredung? Denk dran, was Mrs. Russo gesagt hat. Field hatte versprochen, daß er um zehn Uhr zurück sein würde.«
»Die Idee mit der geschäftlichen Verabredung gefällt mir«, sagte Ellery beifällig. »Aber bedenke, was sonst noch möglich ist; diese Russo könnte gelogen haben, und Field hat nichts derartiges gesagt; oder, wenn er es gesagt hat, hat er überhaupt nicht die Absicht gehabt, die Verabredung mit ihr um zehn Uhr einzuhalten.«
»Ich bin nur zu der ziemlich sicheren Überzeugung gelangt, Ellery«, sagte der Inspektor, »daß Field – was auch immer möglich sein mag – gestern abend nicht ins Römische Theater gegangen ist, um sich die Vorstellung anzuschauen. Er ging dorthin, um sich um Geschäftsangelegenheiten zu kümmern.«
»Das denke ich mir auch«, sagte Ellery lächelnd. »Aber man sollte immer sehr sorgfältig alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Nun, wenn er dort geschäftlich unterwegs war, dann doch nur, um jemanden zu treffen. Ob dieser Jemand sein Mörder war?«
»Du stellst zu viele Fragen, Ellery«, sagte der Inspektor. – »Thomas, wir wollen noch einmal das andere Zeug in dem Paket anschauen.«
Vorsichtig reichte Velie dem Inspektor nacheinander die verschiedenen Gegenstände. Die Handschuhe, die Kappe des Füllfederhalters, den Knopf und das Taschentuch warf Queen nach kurzer Betrachtung auf die Seite. Es blieb nichts mehr übrig außer den Papierstückchen aus den Konfektschachteln und den zerknüllten Programmheften. Da das Konfektpapier wohl kaum etwas hergeben würde, befaßte sich Queen mit den Programmheften. Mitten in deren Betrachtung rief er auf einmal hocherfreut aus: »Schaut, was ich hier gefunden habe, Jungs!«
Die drei Männer beugten sich über seine Schulter. Queen hielt ein Programmheft in der Hand, das er glattgestrichen hatte. Allem Anschein nach war es zusammengeknüllt und weggeworfen worden. Auf einer der Innenseiten, neben und über dem üblichen Artikel zur Herrenmode, befanden sich eine Reihe von Hand geschriebener Buchstaben, Zahlen und rätselhafte Kritzeleien, wie man sie in Momenten der Gedankenlosigkeit vor sich hin malt.
»Inspektor, es sieht so aus, als hätten Sie Fields eigenes Programmheft gefunden!« rief Flint.
»Jawohl, mein Herr, so sieht es aus«, sagte Queen knapp. »Flint, suchen Sie unter den Papieren, die wir gestern in den Taschen des Toten gefunden haben, nach einem Brief mit seiner Unterschrift, und bringen Sie ihn mir.« Flint eilte nach draußen.
Ellery untersuchte die Kritzeleien aufmerksam. Auf dem oberen Rand des Blattes stand:
Flint kam mit einem Brief zurück. Der Inspektor verglich die Unterschriften – offenkundig stammten sie von derselben Person.
»Wir werden sie unten im Labor noch von Jimmy überprüfen lassen«, murmelte der alte Mann, »aber ich bin mir ziemlich sicher. Es ist Fields Programmheft. Daran kann eigentlich kein Zweifel bestehen. Was sagst du dazu, Thomas?«
Velie knirschte: »Ich weiß nicht, worauf sich diese anderen Zahlen beziehen, aber diese ›50.000‹ können nichts anderes als Dollar bedeuten, Chef.«
»Der alte Knabe muß wohl an sein Bankkonto gedacht haben«, sagte Queen. »Anscheinend war er auch in den Anblick seines eigenen Namens verliebt.«
»Das ist nicht ganz fair gegenüber Field«, wandte Ellery ein. »Wenn man untätig herumsitzt – wie er es im Theater vor Beginn der Vorstellung getan hat –, ist es nur allzu normal, daß man seine Initialen oder seinen Namen auf den nächsten geeigneten Gegenstand kritzelt. In einem Theater wäre das wohl das Programmheft … Das Niederschreiben des eigenen Namens ist ein allgemeines psychologisches Phänomen. Also war auch Field vielleicht nicht so selbstgefällig, wie es den Anschein hat.«
»Ist ja auch nicht so wichtig«, sagte der Inspektor und untersuchte weiter stirnrunzelnd das Gekritzel.
»Vielleicht«, erwiderte Ellery. »Aber um auf eine dringlichere Angelegenheit zurückzukommen – ich stimme mit dir nicht darin überein, daß sich die ›50.000‹ möglicherweise auf Fields Konto beziehen. Wenn jemand schnell mal seinen Kontostand aufschreibt, dann bestimmt nicht in solchen runden Summen.«
»Wir können das ziemlich leicht überprüfen«, entgegnete der Inspektor und griff zum Telefon. Er bat die Vermittlung im Haus, ihn mit Fields Büro zu verbinden. Nachdem er eine Weile mit Oscar Lewin gesprochen hatte, wandte er sich mit niedergeschlagener Miene wieder zurück an Ellery.
»Du hast recht gehabt, El«, sagte er. »Field besaß nur ein überraschend kleines Privatkonto; es beläuft sich auf weniger als sechstausend Dollar. Und das, obwohl er oft Einzahlungen über zehn- und fünfzehntausend Dollar vornahm. Lewin selbst war überrascht. Er sagte, er hätte nichts von Fields finanzieller Lage gewußt, bis ich ihn eben darum bat, sie zu überprüfen … Ich wette, Field hat an der Börse spekuliert oder sein Geld zum Buchmacher getragen.«