Queen klopfte dem großen Detective auf die Schulter. »Was ist denn mit Ihnen los? Seien Sie doch nicht kindisch. Wie um alles in der Welt hätten Sie denn etwas finden können, wenn es überhaupt nichts zu finden gab? Habt ihr etwas gefunden?« fragte er und drehte sich zu den beiden anderen Männern um.
Verdrießlich schüttelten sie den Kopf.
Wenig später stiegen der Inspektor und Ellery in ein Taxi und machten es sich für die kurze Strecke zum Präsidium bequem. Der alte Mann schloß sorgfältig die Trennscheibe zwischen dem Fahrersitz und dem Fahrgastraum.
»Und nun, mein Sohn«, sagte er grimmig zu Ellery, der verträumt an einer Zigarette zog, »erklärst du gefälligst deinem Vater, was dieser Hokuspokus in Panzers Büro sollte!«
Ellery preßte die Lippen zusammen. Er blickte auf die Straße hinaus, bevor er antwortete. »Ich will folgendermaßen beginnen«, sagte er. »Du hast bei deiner Suche heute nichts gefunden. Deine Leute auch nicht. Und obwohl ich selbst auf die Suche gegangen bin, war ich genauso erfolglos. Du mußt dich also damit abfinden: Der Hut, den Monte Field zur Aufführung von ›Spiel der Waffen‹ am Montag abend trug, mit dem er noch zu Beginn des zweiten Akts gesehen wurde und den der Mörder vermutlich nach der Tat wegnahm, befindet sich nicht mehr im Römischen Theater und war dort auch bereits seit Montag nacht nicht mehr. Weiter im Text.« Queen blickte ihn mit verkniffenem Gesichtsausdruck an. »Aller Wahrscheinlichkeit nach existiert Fields Zylinder überhaupt nicht mehr. Ich würde meinen Falconer gegen deine Schnupftabakdose setzen, daß er aus dem bisherigen Leben geschieden und bereits als Asche auf der städtischen Mülldeponie wiedergeboren ist. Soweit zu Punkt eins.«
»Weiter«, forderte der Inspektor.
»Punkt zwei könnte jedes Kind erraten. Dennoch, auch auf die Gefahr hin, deinen Verstand zu beleidigen … Wenn Fields Hut im Moment nicht im Römischen Theater ist und dort auch seit Montag abend nicht mehr war, muß er notwendigerweise irgendwann im Verlauf dieses Abends mit hinausgenommen worden sein!«
Er machte eine Pause und blickte nachdenklich aus dem Fenster. Auf der Kreuzung von 42. Straße und Broadway regelte ein Polizist den Verkehr.
»Wir haben folglich«, fuhr er locker fort, »das sachliche Fundament für das Problem geschaffen, das uns seit drei Tagen quält: Ist der Hut, nach dem wir suchen, bereits aus dem Theater verschwunden …? Rein dialektisch muß die Antwort lauten – ja, er ist. Er ist in der Mordnacht aus dem Theater verschwunden. Nun kommen wir zu einem größeren Problem – wie konnte er verschwinden, und wann war das?« Er zog an der Zigarette und betrachtete das glühende Ende. »Wir wissen, daß am Montag abend niemand das Römische Theater mit zwei Hüten oder ganz ohne Hut verließ. Genausowenig fiel an der Bekleidung der Personen, die das Theater verließen, etwas Unpassendes auf – das heißt, niemand im Abendanzug kam mit einem Filzhut heraus. Umgekehrt trug auch niemand, der einen seidenen Zylinder bei sich hatte, einen normalen Straßenanzug. Halt dir vor Augen, daß wir in dieser Hinsicht bei niemandem etwas Falsches entdeckt haben. Meinen umwerfenden Verstand führt das unvermeidlich zur dritten grundlegenden Schlußfolgerung: Monte Fields Zylinder hat das Theater auf die natürlichste Weise der Welt verlassen, das heißt, auf dem Kopf eines Mannes, der in der dazu passenden Abendgarderobe steckte!«
Der Inspektor schien sehr interessiert. Er dachte einen Augenblick über Ellerys Behauptung nach. Dann sagte er ernst: »Das bringt uns schon ein Stück weiter, mein Sohn. Du sagst also, daß jemand, der Monte Fields Hut trug, das Theater verließ – eine wichtige und einleuchtende Feststellung. Aber beantworte mir bitte die folgende Frage: Was hat er mit seinem eigenen Hut angefangen, da ja niemand mit zweien hinausging?«
Ellery lächelte. »Du bist jetzt schon ganz nahe an der Lösung unseres kleinen Rätsels, Vater. Aber wir wollen die Spannung noch ein wenig aufrechterhalten. Wir müssen noch über einige andere Probleme nachgrübeln. So kann zum Beispiel derjenige, der mit Monte Fields Zylinder auf dem Kopf hinausging, nur zweierlei gewesen sein – entweder der Mörder selbst oder ein Komplize des Mörders.«
»Ich verstehe, worauf du hinauswillst«, murmelte der Inspektor. »Mach weiter.«
»Wenn er der Mörder war, hätten wir somit definitiv sein Geschlecht nachgewiesen und auch die Tatsache, daß er einen Abendanzug trug – ein nicht gerade sehr aufschlußreicher Punkt, da ziemlich viele Männer in diesem Aufzug im Theater waren. Wenn er aber nur der Komplize war, so bleiben für den Mörder folgerichtig zwei Möglichkeiten offen: Entweder war es ein Mann im normalen Straßenanzug, bei dem der Besitz eines Zylinders beim Verlassen des Theaters offenkundig Verdacht erregt hätte, oder aber eine Frau, die natürlich keinen Zylinder bei sich haben konnte!«
Der Inspektor ließ sich zurück in die Lederpolster fallen. »Du immer mit deiner Logik!« sagte er schmunzelnd. »Ich bin schon fast stolz auf dich, mein Sohn – das heißt, ich wäre es ganz bestimmt, wenn du nicht so entsetzlich eingebildet wärst. Mögen die Dinge nun liegen, wie sie wollen, ich möchte jetzt eine Erklärung für deinen kleinen Auftritt in Panzers Büro …«
Seine Stimme wurde leiser, als Ellery sich vorbeugte. Nicht mehr hörbar setzten sie ihre Unterhaltung fort, bis das Taxi vor dem Präsidium hielt.
Kaum hatte Inspektor Queen, der vergnügt die düsteren Korridore mit Ellery an seiner Seite durchschritten hatte, sein winziges Büro betreten, als sich auch schon Sergeant Velie schwerfällig erhob.
»Dachte schon, Sie wären verlorengegangen, Inspektor«, rief er aus. »Dieses Bürschlein Stoates war vor nicht allzu langer Zeit hier; sah ziemlich leidend aus. Sagte, daß sich Cronin in Fields Büro die Haare raufen würde; sie haben immer noch nichts Belastendes in den Akten gefunden.«
»Bleib mir damit nur vom Leibe, Thomas«, sprudelte der Inspektor heraus. »Ich kann mich nicht auch noch mit einer so unwichtigen Sache wie ›wie kriege ich einen Toten hinter Gitter‹ herumschlagen. Ellery und ich …«
Das Telefon klingelte. Queen sprang nach vorne und schnappte sich den Apparat. Während er zuhörte, wich die Farbe aus seinen eingefallenen Wangen, und wieder einmal legte sich seine Stirn in Falten. Ellery beobachtete ihn voller Aufmerksamkeit.
»Inspektor«, erklang die gehetzte Stimme eines Mannes. »Hier spricht Hagstrom. Hab’ nur wenig Zeit – kann nicht viel erzählen. Bin den ganzen Morgen Angela Russo auf den Fersen; war ein hartes Stück Arbeit … Scheint gewußt zu haben, daß ich ihr folge … Vor einer halben Stunde dachte sie, sie hätte mich abgehängt – sie sprang in ein Taxi und raste stadteinwärts davon. … Und hören Sie mal, Inspektor – vor genau drei Minuten hab’ ich gesehen, wie sie Benjamin Morgans Büro betrat!«
»Schnappen Sie sie, sobald sie herauskommt«, schnauzte der Inspektor und knallte den Hörer auf die Gabel. Langsam wandte er sich dann zu Ellery und Velie herum und wiederholte Hagstroms Bericht. Ellerys Gesicht entwickelte sich zu einem Musterbeispiel finsteren Erstaunens. Velie schien unverkennbar erfreut zu sein.
Die Stimme des alten Mannes jedoch klang angestrengt, als er sich schwach auf seinen Drehstuhl setzte und schließlich ächzend sagte: »Was hat das nun wieder zu bedeuten?«