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Zögernd hatte sie angenommen, was Kundalimon ihr darbot. Er lächelte und nickte heftig. Sie zwang sich, etwas davon zu essen, obschon alles in ihr sich instinktiv dagegen wehrte. „Ja“, sagte er. „O ja!“…

Sie kämpfte ihre Übelkeit nieder und schluckte. Er schien sich zu freuen.

Pantomimisch hatte er sie dann aufgefordert, etwas von der mitgebrachten VOLKS-Speise zu nehmen, es ihm nachzutun und ihrerseits ihn zu füttern. Sie nahm eine gebratene Gilandrin-Keule und biß hinein, und nachdem sie eine Weile daran herumgekaut hatte, holte sie den ganzen Fleischpfropfen aus dem Mund, verbarg möglichst ihre Befangenheit und reichte ihn Kundalimon.

Er probierte zurückhaltend. Das Fleisch selbst schien ihm irgendwie nicht geheuer; doch ganz sichtlich freute es ihn, daß sie es zuerst im Mund gehabt hatte. Sie spürte die Wärme und Dankbarkeit, die von ihm zu ihr herüberflutete. Es war beinahe, als befände sie sich wieder im Nestverband.

„Mehr“, forderte er.

Und so gelang es ihr — weil sie bereit war, seine Hjjk-Bräuche anzunehmen — schrittweise, sein Nahrungsspektrum zu erweitern. Und sobald ihm bewußt geworden war, daß die Gerichte, die Nialli ihm brachte, nicht schädlich für ihn waren, aß er sie mit Genuß. Auf seinen Knochen wuchs ein wenig Fleisch nach, sein dunkler Pelz war dichter und hatte sogar einigen Glanz bekommen. Und die seltsamen-grünen Augen wirkten nicht länger so hart und eisig.

Also — eine Art Kommunikation.

Er blieb zwar scheu und zurückhaltend, doch schien er sich über ihre Besuche zu freuen. Hatte er sich vielleicht inzwischen ausgerechnet, daß auch sie einst im NEST gelebt hatte? Manchmal hatte Nialli den Eindruck; aber sie konnte noch nicht sicher sein. Der verbale Kontakt zwischen ihnen war noch immer sehr ungenau. Kundalimon hatte ein Dutzend Stadtwörter aufgeschnappt, und Nialli war dabei, ihre Hjjkkenntnisse aufzufrischen. Doch noch waren Vokabelkenntnisse und Begriffszusammenhänge zwei verschiedene Dinge.

Lerne seine Sprache oder lehre ihn, die unsere zu sprechen! So lautete Tanianes Befehle, und das ließ keine Ausflüchte zu. Und beeil dich damit. Und dann sagst du uns, was du herausbekommst.

Den ersten Teil der Order gedachte Nialli jedenfalls exakt zu befolgen. Und sobald Kundalimon und sie sich geläufig verständigen konnten, sie sich besser kannten, er vielleicht mehr Vertrauen zu ihr hatte, würde er mit ihr vielleicht über NEST-Angelegenheiten sprechen: über KÖNIGINliebe, DENKERgedanken, den EIplan und alle jene anderen derartigen Dinge, die im Kern ihrer Seele warteten. Taniane brauchte von alledem nichts zu erfahren. Das übrige, dieses Vertragsangebot, die diplomatischen Verhandlungen, o ja, was ich darüber in Erfahrung bringe, werde ich ihr gern mitteilen, dachte Nialli. Aber kein Wort über das Tiefere, über das wirklich Wichtige.

Sie stieg in den wartenden Xlendiwagen.

„Und nun zum Mueri-Haus!“ befahl sie dem Fahrer.

In der prachtvollen Villa des Prinzen Thu-Kimnibol im Südwestquadranten der Stadt hatten sich wieder die Heilkundigen am Lager der Edlen Naarinta versammelt. Es war die fünfte Nacht der laufenden Bemühungen. Die Lady war seit vielen Monden schon krank und versank mehr und mehr in immer tiefere Schwächezustände. Nun jedoch näherte sie sich der kritischen Phase.

In dieser Nacht hielt Thu-Kimnibol in dem schmalen Vorraum zum Krankenzimmer Wache. Die Heiler hatten ihm untersagt, näher an die Kranke heranzukommen.

In dieser Nacht war nur Frauen der Zutritt zu Naarintas Gemach gestattet. Die Düfte von Medizinen und aromatischen Kräutern hingen in der Luft. Aber auch der Geruch des nahenden Todes machte sich dort breit.

Sein Sensororgan bebte im Bewußtsein des gewaltigen Verlustes, der auf Thu-Kimnibol zuraste.

Im Krankenzimmer saß die Opferfrau Boldirinthe neben Naarinta. Wann immer man zauberische Sprüche und Tränke brauchte, wenn die Himmlische Fünffaltigkeit angerufen werden mußte, hievte die feiste alte Boldirinthe ihren massigen Leib in ein Vehikel und begab sich dienstbeflissen an Ort und Stelle. Die alte Fashinatanda, die Patin des Häuptlings — so blind gebrechlich sie war —, verpaßte gleichfalls kaum je eine Gelegenheit, sich am Sterbebett von Schwerkranken eifernd einzufinden. Dann war da auch noch so ein bengischer Kräuterdoktor, ein verhutzeltes Weiblein mit einem rostfleckigen mit dunklen Federn verzierten Helm. Und zwei, drei andere Weiber, die er nicht zu erkennen vermochte. Sie brabbelten und summten mit stumpfen Stimmen leise durcheinander.

Thu-Kimnibol wandte sich ab. Er brachte es einfach nicht mehr über sich, zuzuhören. Es klang mehr wie eine Totenklage.

Im Gang draußen waren Bündel von Purpurblumen mit dunkelroten Stielen aufgestellt wie Tempelgaben. Ihr penetranter Duft ließ ihn schniefen, niesen und husten. Er eilte hastig vorbei und zu dem weiträumigen hochgewölbten Raum, der ihm als Audienzzimmer diente. Dort in trübem Licht erwartete ein Grüppchen von Männern: Maliton Diveri, Staip, Si-Belimnion, Kartafirain und Chomrik Hamadel. Seine Spieß- und Spielfährten und langjährigen Freunde. Sie drängten sich um ihn, rissen Witze und ließen einen gewaltigen Weinballon kreisen. Es war nicht der Moment, eine Trauermiene aufzusetzen.

„Auf glücklichere Tage!“ sagte Si-Belimnion und ließ den Wein in seinem Becher kreisen. „Die der Vergangenheit und die, die noch kommen werden.“

„Glücklichere Tage“, respondierte Chomrik Hamadel. Er stammte aus bengischem Fürstenblut und war ein kleinwüchsiger Mann mit stumpfem Gesicht und stechenden Scharlachaugen. Er trank heftig, wobei er den Kopf so stark in den Nacken warf, daß ihm beinahe der Helm davongeflogen wäre.

Maliton Diveri und Kartafirain schlossen sich dem Toast grinsend und mit lautem Becherklirren an. Zwei grobschlächtige Kerle, der eine kurz, der andere lang. Nur Staip blieb still. Er war älter als die anderen, was teilweise seine Zurückhaltung erklärte; doch er war auch Boldirinthes Partner, und zweifellos hatte diese ihm gesagt, wie gering die Hoffnung war, daß Naarinta am Leben bleiben würde. Und Staip hatte Verstellung noch nie gelegen: soldatische Schlichtheit, das war sein Stil.

Thu-Kimnibol nahm sich einen Becher, hielt ihn Maliton Diveri zum Füllen hin und sprach: „Glücklichere Tage, ja. Glück und Wohlstand uns allen — und auf die rasche Genesung meiner Gemahlin!“

„Glück und Wohlstand! Rasche Genesung!“

Fünfzehn Jahre war es her, seit er sein Leben mit Naarinta teilte. Er war ihr begegnet, als er gerade erst aus dem Norden in die Stadt gekommen war, die sein Halbbruder Hresh errichtet hatte, um sich hier niederzulassen, und er und Naarinta waren seitdem unzertrennlich gewesen. Sie stammte von den Debethin, war eine Häuptlingstochter — zweifellos nicht gerade eine rühmliche Linie, wenn man bedachte, daß nur noch ganze vierzehn Debenthins noch am Leben waren, als nach unseliger Wanderung von Osten her der ‚Stamm‘ um Einbürgerung in Dawinno bat; dennoch — ein Häuptling war nun einmal ein Häuptling. Naarinta war hochgewachsen und graziös und strahlte eine stille Kraft aus. Sie waren ein großartiges Paar, fast hätte man sie majestätisch nennen können: Thu-Kimnibol, groß wie ein Turm, und seine stattliche Dame. Die Götter hatten ihnen Kindersegen versagt, was für ihn der tiefste Schmerz war; doch hatte er sich durchaus mit Naarinta allein zufrieden gegeben. Sie teilte seine Mühewaltungen, war die Gefährtin seiner Tage. Und dann war sie von dieser verzehrenden Krankheit befallen worden, von diesem unbegreiflich schrecklichen Ratschluß der HIMMLISCHEN, gegen den es anscheinend keinen Einspruch gab.

Chomrik Hamadel fragte: „Gibt’s was Neues, Thu-Kimnibol?“

„Sie ist sehr schwach. Aber ich bin ja kein Arzt.“

„Ich meinte eigentlich, über diesen Gesandten von den Hjjks“, sagte Chomrik Hamadel hastig. „Ich hab gehört, sie haben ihn im Mueri-Haus eingelocht, und Tanianes Tochter rennt jeden Tag zu ihm hin. Aber was ist eigentlich los? Worum geht es überhaupt bei diesem Besuch von einem vom Wanzenvolk?“