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„Das wird sich schwerlich jemals ermitteln lassen, oder?“

„Aber der Würgeschal, den er benutzte, war doch um sein Handgelenk geschlungen.“

„Nein“, erwiderte Husathirn Mueri müde. „Als man ihn fand, trug er ein Strangulationstuch bei sich, da gebe ich dir recht. Aber viele Männer von der Art dieses Curabayn Bangkea schmücken sich mit Würgebändern, vorwiegend aus ornamentalen, denn aus zweckmäßigen Gründen. Daß er ein solches Band am Arm trug, beweist gar nichts. Noch ist es ein gesicherter Beweis, daß damit dieser Kundalimon getötet wurde. Und selbst falls dies der Fall gewesen sein sollte, Herrin, besteht immer noch die Möglichkeit, daß der, der Kundalimon tötete, auch der Mörder von Curabayn Bangkea ist und ihm das Band nur an den Arm gebunden hat, um den Verdacht auf ihn zu lenken. Oder laß mich dir noch eine weitere mögliche Hypothese vorlegen: Curabayn Bangkea hat den Mörder gefaßt und ihm das Würgetuch abgenommen, als Beweisstück, und wurde danach selbst getötet. Vielleicht von einem Komplizen des Mörders.“

„Du verfügst über ein ganzes Arsenal von Hypothesen.“

„So arbeitet nun einmal mein Verstand“, sagte Husathirn Mueri. „Ich kann nichts dafür.“

„Ja, wirklich“, erwiderte Taniane scharf.

Was sie wirklich am liebsten getan hätte: Ihr Zweitgesichtssensorium einzusetzen und zu sondieren, wie tief Husathirn Mueri tatsächlich in diese scheußliche elende Geschichte verwickelt war. Sie hatte immer noch den Eindruck, da sie ihn ja kannte, daß er ganz absichtlich ihre Anordnungen als Order fehlinterpretierte, Kundalimon beseitigen zu lassen. Immerhin, Kundalimon war für Husathirn Mueri ein Rivale in der Gunst um Niallis Zuneigung gewesen, ja, er hatte ihn besiegt und ihre Gunst tatsächlich gewonnen. Es kam also Husathirn Mueri durchaus recht gelegen, ihre Worte falsch zu verstehen und dann seine Subalternkreatur, diesen Wachhauptmann, loszuschicken, um Kundalimon zu ermorden. Und dann auch gleich den Hauptmann umbringen zu lassen, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Es paßte alles zusammen. Außerdem verströmte Husathirn Mueri, wie er da so vor ihr hockte, eine Aura wie eine dumpfe Wolke von übelriechendem Sumpfgas.

Dennoch, sie konnte nicht einfach ihr Zweitgesicht einsetzen und sich auf eine Faktensondierung in seinem Bewußtsein begeben. Es wäre eine höchst skandalöse Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte gewesen und überdies unangemessen unfein. Nein, sie würde zuerst formell Anklage erheben, ihn vor ein Gericht stellen lassen müssen, ehe so etwas möglich war. Und sollte er in der Tat und an der Tat unschuldig sein, so hätte sie damit persönlich gar nichts gewonnen, außer daß sie sich einen unversöhnlichen Feind geschaffen hätte, der zufällig auch noch einer der schlausten und mächtigsten Männer der Stadt war. Nein, das Risiko lohnte sich nicht.

Könnte es sein, daß es mir je durch den Kopf ging, ohne daß ich es bewußt erkannt hätte, fragte sie sich jetzt, daß ich Kundalimon einfach beseitigen lassen wollte? Und ist es denkbar, daß ich dies Husathirn Mueri irgendwie zu verstehen gab, ohne ganz zu begreifen, was ich von ihm verlangte?

Nein. Nein. Nein.

Sie hatte nie gewollt, daß dem jungen Mann irgendein Leid geschehen sollte. Sie wollte nur die Kinder der Stadt schützen gegen diesen irrwitzigen, abersinnigen Hjjk-Glauben, den er verbreitete. Doch, da war sie ganz sicher. Nein, es war unmöglich, daß sie den Tod des ersten und einzigen Geliebten ihrer eigenen Tochter angeordnet haben sollte.

Und wo war sie jetzt, Nialli? Seit sie aus dem Stadion gelaufen war, hatte niemand sie mehr gesehen.

„Du verdächtigst mich immer noch der Mitwisserschaft?“ fragte Husathirn Mueri.

Taniane starrte ihn steinkalt an. „Ich verdächtige jeden — außer vielleicht meinen Partner und meine Tochter.“

„Welche beweiskräftigen Sicherheiten könnte ich dir geben, Edle, daß ich mit dem Tod des jungen Mannes nichts zu schaffen hatte?“

Sie zuckte die Achseln. „Genug davon. Aber es war dein Untergebener, dieser Polizist, der es übernahm, Kundalimon töten zu lassen oder ihn selbst zu töten.“

„Höchstwahrscheinlich. Ich stimme zu.“

„Aber wem legen wir dann die Ermordung dieses Curabayn Bangkea zur Last?“

Husathirn Mueri breitete die Hände aus. „Ich habe keine Ahnung. Vielleicht ein paar Rowdies bei den Spielen, die ihn in einer dunklen Ecke überfielen. Vielleicht eine alte Rechnung, die da beglichen wurde. Er war immerhin Hauptmann der Wachen und ziemlich überheblich. Er muß etliche Feinde gehabt haben.“

„Aber am selben Tag, an dem Kundalimon ermordet wird.“

„Ein zufälliges Zusammentreffen, das wohl nur die Götter erhellen könnten. Ich jedenfalls nicht, Edle. Doch die Nachforschungen werden natürlich fortgesetzt, bis wir den Fall gelöst haben, selbst wenn es hundert Jahre dauern sollte. Beide Todesfälle werden aufgeklärt, das verspreche ich dir.“

„In hundert Jahren spielt das alles nicht die geringste Rolle mehr. Aber heute ist es wichtig, daß ein Abgesandter der Königin-der-Königinnen in unserer Stadt ermordet wurde. Bei schwebenden Vertragsverhandlungen.“

„Dies also beunruhigt dich?“

„Ich wünsche nicht in einen Krieg mit den Hjjks verwickelt zu werden, bevor wir dazu vorbereitet sind. Nur Yissou mag wissen, was in den Gehirnen von Hjjks vorgeht, aber wenn ich die Königin wäre, ich würde die Ermordung meines Gesandten wahrhaftig als eine höchst gravierende Provokation betrachten. Effektiv als einen Akt feindseliger Aggression und Anlaß für Krieg. Und wir sind noch längst nicht so weit, daß wir es mit ihnen aufnehmen könnten.“

„Ich stimme zu. Doch es handelt sich ja nicht um einen derartigen Akt der Provokation. Bedenke doch, Edle.“ Er zählte seine Fakten an den Fingern auf. „Erstens: Sein Gesandtschaftsauftrag war erfüllt. Er hatte seine Botschaft überbracht, und zu weiterem war er nicht befugt. Er war nicht als Unterhändler hergeschickt, sondern nur als ein Bote — und nicht einmal ein besonders fähiger. Zweitens: Er war Bürger dieser unsrer Stadt und nach einer langen, langen Abwesenheit, einer Folge seiner Entführung, hierher zurückgekehrt. Er war also in keiner Weise Untertan der Königin. Er hatte sich nur in ihrem Machtbereich befunden, weil ihre Leute ihn uns gestohlen hatten. Welchen Anspruch auf ihn könnte sie geltend machen? Drittens: Es bestehen keine regulären Kontakte zwischen Dawinno und dem NEST, also auch kaum Grund zu Befürchtungen, daß die dort je erfahren, was aus ihm geworden ist, vorausgesetzt, es kümmert sie überhaupt. Wenn wir auf ihr Vertragsangebot antworten, falls wir das überhaupt tun, sind wir in keiner Weise verpflichtet, irgendwelche Auskünfte über Kundalimons eventuellen Aufenthaltsort zu liefern. Und vielleicht antworten wir ihnen ja überhaupt nicht. Viertens.“

„Nein!“ sagte Taniane schneidend. „In Yissous Namen, keine weiteren Hypothesen! Hört dein Hirn denn nie auf zu ticken, Husathirn Mueri?“

„Nur wenn ich schlafe. Vielleicht.“

„Dann begib dich in dein Bett. Und ich verzieh mich endlich in meins. Du hast mich überzeugt. Die Ermordung dieses jungen Mannes wird uns nicht die Hjjks auf den Hals laden. Dennoch ist unserer Gemeinschaft eine tiefe Wunde geschlagen worden, und die läßt sich nur heilen, wenn diese Mörder gefunden werden.“

„Der im Fall des Kundalimon ist meiner Überzeugung nach bereits selbst schon tot.“

„Nun, dann treibt sich aber immer noch mindestens ein Mörder frei unter uns herum. Ich beauftrage dich, ihn ausfindig und dingfest zu machen, Husathirn Mueri.“

„Ich werde keine Mühe scheuen, Herrin. Darauf kannst du dich verlassen.“

Er verneigte sich und ging. Sie blickte ihm nach, bis er an der Biegung des Korridors ihren Augen entschwand.

Endlich war der Tag zu Ende. Also, auf nach Hause jetzt. Hresh wartete dort schon auf sie. Die Nachricht vom Tode Kundalimons hatte ihn schwerer getroffen, als sie erwartet hätte. Selten hatte sie ihn so bekümmert gesehen. Und dann — Nialli! Das Kind mußte gefunden werden! Man mußte sie trösten.