Es war wirklich ein sehr langer Tag gewesen.
Hier ist tiefste Tropenwildnis. Die Luft klebt im Hals mit jedem Atemzug, und der Boden ist weich und federnd unter jedem Schritt wie ein nasser Schwamm. Nialli Apuilana hat keine Ahnung, wie weit von der Stadt weg sie geflohen ist. Sie hat überhaupt keine klaren Vorstellungen. Ihr Kopf ist von Gram und Schmerz ganz verstopft. Es fließen keine Gedanken.
Anstelle des Denkens gibt es jetzt nur noch ihr Zweites Gesicht, das auf irgendeine Weise automatisch funktioniert und ihr in dumpfen pulsenden Schüben Informationen über ihre Umgebung übermittelt. Sie hat ein Bewußtsein der Stadt, weit in ihrem Rücken, wo sie auf ihren Hügeln hockt wie ein riesenhaftes Ungeheuer mit unzähligen Fangarmen, ein Ungeheuer aus Ziegeln und Steinen, das Wellen kalten bedrohlichen Unheils ausstrahlt. Sie spürt die Sümpfe, durch die sie rennt, und das verborgene, große und kleine Leben, von dem sie erfüllt sind. Sie spürt die Weite des Kontinents, der sich vor ihr erstreckt. Doch nichts ist klar, alles ist ohne Zusammenhang. Einzig real ist nur die Flucht selbst für sie, der wahnsinnhafte brüllende Drang — zu laufen, laufen und laufen.
Eine Nacht und ein Tag und eine weitere Nacht und fast ein voller Tag sind verstrichen, seit sie aus Dawinno floh. Einen Teil des Weges war sie auf einem Xlendi geritten, das sie unbarmherzig in das südliche Seengebiet vorangetrieben hatte; doch irgendwo spät am ersten Tag der Flucht hatte sie an einem Bach haltgemacht, um zu trinken, und das Xlendi war davongewandert. Und seitdem ist sie zu Fuß weitergeirrt. Sie hält kaum an, außer um ein, zwei Stunden lang zu schlafen. Und jedesmal versinkt sie dabei in eine fast todesähnliche Finsternis, und wenn sie daraus wieder auftaucht, erhebt sie sich und rennt weiter, richtungslos und ohne Ziel. Ein Fieber hat sie erfaßt, so daß sie überall zu brennen glaubt, doch es verleiht ihr Kraft. Sie ist wie ein Lavastrom, der sich eine feurige Bahn durch das unvertraute Land frißt. Sie verschlingt Früchte, die sie im Laufen von den Bäumen und Büschen zerrt. Sie bückt sich und pflückt Schwämme mit gelbleuchtenden Hüten vom Boden und stopft sie sich in den Mund, ohne innezuhalten. Überkommt sie der Durst, trinkt sie, wo sie Wasser findet, gleich, ob es frisch ist oder abgestanden. Es ist alles unwichtig. Wichtig ist nur ihre Flucht.
Ihr Leib ist längst schon in jenen merkwürdig kristallinen Bereich geglitten, der jenseits der äußersten Erschöpfung liegt. Sie spürt das Hämmern in cbn müden Beinen nicht mehr, nimmt den keuchenden Protest ihrer Lungen nicht mehr wahr, auch nicht die Schmerzen, die ihr im Rücken nach oben schießen. Sie läuft in graziösen Sätzen, rasch und irgendwie in gedankenloser Gelöstheit.
Sie darf ihrem Verstand nicht erlauben, wieder bewußte Kontrolle zu erlangen.
Denn dann würde sie wieder die todesschwangeren Worte hören müssen: In einer Gasse gefunden. Tot. Erwürgt.
Das Bild seines schlanken Körpers würde vor ihr auftauchen: verkrümmt, zusammengesunken, blicklos zum grauen Himmel emporstarrend. Die Hände ausgestreckt. Die Lippen leicht geöffnet.
In einer Gasse gefunden...
Kundalimon. Ihr Geliebter. Tot. Dahin für alle Zeit.
Sie wollten gemeinsam nach Norden gehen, zur Königin. Gemeinsam, Hand in Hand, wären sie ins Nest-der-Nester hinabgestiegen, in dieses warme, süßduftende geheimnisschwangere Reich unter den fernen weiten Grasebenen. Das Lied der Nest-Bindung hätte ihre Seelen mit sich fortgerissen. Der Sog der Königin-Liebe hätte alles Disharmonische in ihren Herzen aufgelöst. Freundliebe hätten sie in ihre Umarmungen gezogen: die Nest-Denker, Ei-Former, Lebensfunken-Spender, die Soldaten auch, jede Kaste hätte sich um die Neuankömmlinge gedrängt und sie in ihrer wahren Heimat willkommen geheißen.
Tot. Erwürgt. Mein Ein und Alles!
Nialli hatte nie geahnt, daß es eine Liebe wie die zwischen Kundalimon und ihr geben könne. Und sie weiß: Es wird für sie nie wieder eine solche Liebe geben. Sie sehnt sich jetzt nach nichts mehr, als zu ihm zu gelangen, an welchem Ort er jetzt auch sein mag.
Und sie läuft und sieht nichts und denkt nichts.
Wieder die Dämmerung. Die Schatten wachsen tiefer, legen sich wie dunkle Hüllen um sie. Ab und zu fällt ein sanfter warmer Regen. Dichte goldene Nebelschwaden heben sich von der feuchten Erde. Um sie herum kreisen weiche Wolkenspiralen und nehmen die Form von Göttern an, die keine Gestalt besitzen und an deren Existenz sie nicht glaubt. Sie umgeben sie, ragen höher hinauf als die gewaltigen glattstämmigen rebenüberwucherten Bäume, und sie sprechen zu ihr mit Stimmen, die zu ihren Ohren niederfallen in leuchtenderen Harmonien, als sie sie je gehört hat.
„Ich bin Dawinno, Kindchen. Ich nehme alles fort und verwandle es und mache es neu und schenke es der Welt wieder. Ohne mich wäre hier nur unveränderlicher Fels.“
„Ich bin Friit. Ich bringe Heilung und Vergessen. Ohne mich gäbe es nur die Qual.“
„Und ich bin Emakkis, Mädchen. Ich bin der Ernährer. Ohne mich könnte sich das Leben nicht fortsetzen.“
„Ich, mein Kind, ich bin Mueri. Ich bin die Tröstung. Ich bin die Liebe, die geduldig fortbesteht und alles durchdringt. Ohne mich wäre nur Tod und ein Ende aller Dinge.“
„Und ich bin Yissou. Ich bin der Beschützer vor dem Übel. Ohne mich wäre die Welt ein Tal voller Dornen und Reißzähne.“
Tot. Erdrosselt. In einer Gasse. Erwürgt. In der Gosse.
„Es gibt keine Götter“, murmelt Nialli. „Es gibt nur die Königin, die uns mit ihrer Liebe trägt. Sie ist unser Heil und unser Trost, unser Schutz und unsere Ernährerin. Und unser Heil und unsere Verwandlung.“
Goldenes Licht umflutet sie in der wachsenden Dunkelheit. Die Dschungel glastet von Licht. Die Seen und Tümpel und Wasserläufe in ihr schimmern von dem Licht. Aus allem strömt Licht. Die Luft ist dick und brennend-heiß, und in ihr wirbeln spiralig die geheiligten Bilder der Himmlischen Fünffaltigkeit. Nialli preßt die Hände vors Gesicht, um ihre Augen zu schützen, weil das Licht so gewaltig stark ist. Doch dann läßt sie sie sinken und läßt das Licht auf sich zufluten, und es ist sanft und voll Liebe. Sie gewinnt daraus frische Kräfte. Und sie rennt weiter und tiefer in diesen kristallinen Bereich jenseits der Ermüdung hinein.
Wieder vernimmt sie die Stimmen. Dawinno, Friit, Emakkis, Mueri, Yissou. Zerstörer — Heiler — Ernährer — Tröster — Beschützer.
„Die Königin“, murmelt Nialli. „Wo ist die Königin? Warum kommt SIE mir denn jetzt nicht zu Hilfe?“
„Ach, Kindchen. Sie ist WIR — wir sind SIE. Verstehst du denn nicht?“
„Ihr seid die Königin?“
„Die Königin ist Wir.“
Sie bedenkt das.
Ja, denkt sie. Ja, natürlich, so ist es.
Auf einmal kann sie wieder denken. Ihre Augen sind offen. Sie kann wieder die Sterne sehen, und sie kann die vielen Welten sehen und das leuchtende Netzgewebe der Königin-Liebe, das die Welten zusammenhält. Und sie weiß, daß alles eins ist, daß es keine Differenzen gibt, keine Abstufungen, keine Abgrenzungen zwischen einer und den anderen Formen von Realität. Bisher hat sie das nie bemerkt. Jetzt aber sieht sie und hört und akzeptiert es.
„Siehst du uns, Kind? Hörst du uns? Fühlst du unsere Nähe? Erkennst du uns?“ „Ja! O ja!“
Formlose Gestalten. Gesichter ohne Individualstrukturen. Mächtige Klanggebilde hallen durch die sich lagernden Schatten. Aber Licht sprudelt von überallher, aus dem Inneren heraus. Dichte. Fremdheit. Rätselhaftigkeit. Sie ist umgeben von — Gotthaftigkeit ringsum. Schönheit. Frieden. Ihr Gehirn lodert, aber es ist ein kühles weißes Feuer, das alle Schlacken ausbrennt. Aus der Erde dringt ein dröhnender Laut, der sich bis zum Firmament erhebt, doch es ist ein süßes Dröhnen, und es umfängt sie schützend wie eine Hülle. Die Fünf Himmlischen sind überall, und Nialli ruht in ihrer Umarmung.