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Glatt und geschmeidig wie stets lächelte Husathirn Mueri, als hätte sie nichts weiter verlangt als eine zusätzliche Kopie irgendeines Routineberichtes. Mit seiner volltönendsten Stimme erklärte er: „Edle, ich bin sicher, bis zum Einbruch der Nacht haben wir sie wieder zurück. Oder spätestens morgen. Ich bin da ganz zuversichtlich. Bei allen Göttern, ich bin sicher!“

Und er ließ den Kopf langsam in einem Halbkreis von einem zum ändern schweifen, als wollte er sie herausfordern, ihm zu widersprechen. Dann erbat er mit schwungvoller Gestik die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen, um sich seinen Pflichten zu widmen.

Taniane nickte Gewährung. Auch für sie war es an der Zeit, sich aus diesem Raum zurückzuziehen. Sie hatte ein Zucken in den Schultern. Sie begriff plötzlich, daß sie an der Grenze ihres Durchhaltevermögens angelangt war und gleich zu einem schluchzenden Häuflein Elend zusammenbrechen würde. Das war neu für sie, diese Art Schwäche. Sie kämpfte mit sich, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Es durfte nicht geschehen, daß sie vor all diesen Leuten hier zusammenbrach, die sie so lange Zeit mit allen widersprüchlichen Ambitionen in Schach gehalten hatte: durch schiere Stärke, durch List und — wo es nötig war — durch pure Willenskraft. Und die hatte sie in diesem Augenblick dringend nötig. Aber sie fühlte sich dermaßen schwach — dermaßen entleert von all der Kraft und Stärke, die ihr doch bisher stets zur Verfügung gestanden hatte.

Dann trat jemand neben sie. Sie hörte mühsames, pfeifendes Atmen. Spürte weiche Arme, warmes mütterliches tröstliches Fleisch.

Boldirinthe. Die riesenhafte Masse der Opferfrau umfing sie und bot ihr Halt.

„Komm mit mir“, sagte Boldirinthe freundlich. „Du mußt jetzt ausruhen. Komm! Wir werden zusammen beten. Die Götter wachen über Nialli. Komm, Taniane. Komm jetzt mit mir.“

Also, ich könnte ja zu Dawinno beten, sagt Hresh zu sich. Aber er bezweifelt, daß das etwas Positives bringen würde. Schließlich hat ja Dawinno ihm seine Nialli Apuilana genommen. Nicht der Dawinno-der-Zerstörer, sondern Dawinno-der-Verwandler, der Gott in Seiner höheren Manifestation. Und Dawinno hat es sich anscheinend in den Kopf gesetzt, daß Nialli bei den Hjjks leben soll. Und darum hat er es überhaupt erst zugelassen, daß sie damals entführt wurde, damit man sie dort mit Liebe zu den Hjjks indoktrinieren konnte. Und jetzt hat der Gott sie wieder zu ihnen zurückgeschickt. Schön, also wenn es Dawinnos Wunsch und Wille ist — so sei ER gepriesen! Wer dürfte sich anmaßen, Ihn und Seine Wege zu erkennen? —, dann nützen aber auch die allerheftigsten massierten Gebete nichts, um sie zurückzubringen! Nein, das Kind wurde ihm fortgenommen, entrissen durch das direkte Eingreifen des Verwandlers, der für Nialli eigene Zwecke verfolgt, die das Begriffsvermögen bloßer Sterblicher übersteigen. Nach einiger Zeit tastet Hreshs Hand nach dem kleinen Amulett, das über seinem Brustbein baumelt. Er hat es vom Körper des alten Thaggoran genommen, nachdem ihn die Rattenwölfe auf der Frostebene getötet hatten, nur wenige Tage nachdem der Stamm sich aus dem Kokon aufgemacht hatte. Wie lang ist das her! Der Talisman ist ein ovales Bruchstück wohl einstmals glatten grünen Glases, allem Anschein nach uralt, und er weist in der Mitte Schriftzeichen auf, die so schwach und dünn sind, daß niemand sie entziffern kann. Thaggoran hatte gesagt, das Amulett stamme aus der Großen Welt. Und seit Thaggorans Tod hat Hresh es fast immer getragen.

Und er faßt den Talisman jetzt an, streichelt die vom Tragen glattpolierte Oberfläche. Das Ding besaß selbst nicht wirklich irgendeine zauberische Macht, jedenfalls hatte er sie nie spüren können. Aber es hatte Thaggoran gehört; und in der Zeit, da Hresh ihn als Chronist ablöste, berührte er dieses Amulett oft, in der Hoffnung, daß Thaggorans Weisheit auf ihn selber herabkommen möge. Vielleicht ist dies ja so.

„Thaggoran?“ sagt er und schaut in das Dämmerdunkel des Zimmers hoch oben im Hause des Wissens. „Kannst du mich jetzt dort hören, wo immer du sein magst? Ich bin’s, Hresh.“

Stille. Eine so tiefe Stille, daß sie zu dröhnen scheint. Und sie vertieft sich noch weiter, wird stiller als stilclass="underline" nicht nur, daß jeder Laut verstummt ist, nein, es fehlt sogar die Voraussetzung für jedes Geräusch. Und dann weht sacht ein Murmeln wie von einem leisen Wind herein. Und die Luft wird leicht und leuchtet kaum wahrnehmbar. Hresh spürt: Es ist eine höhere Präsenz hereingekommen. Er meint, er sieht den hageren Zausel, den krummrückigen alten Thaggoran vor sich, mit seinen von Alter und Rheuma rotentzündeten Augen, und sein Pelz ist inzwischen reines Weiß.

„Du?“ sagt Hresh. „Du bist hier, mein Alter?“

„Aber ja. Natürlich. Was gibt es denn, Kind?“

„Hilf mir“, bittet Hresh leise. „Nur noch dies eine letzte Mal.“

„Aber, Junge! Und ich hab immer geglaubt, du bestehst so fest darauf, alles immer nur nach deinem Kopf zu machen!“

„Jetzt nicht mehr. Wirklich. Hilf mir, Thaggoran!“

„Wenn du mich brauchst, aber sicher. Aber warte noch einen Augenblick. Schau da hinüber, Junge. Dort — an der Tür.“

Und wieder diese dröhnende, allumfassende Stille und die noch tiefere Lautlosigkeit, und jenseits des Türrahmens erneut im Dunkel eine sich graduell regende Geisthaftigkeit; und auch jetzt wieder das Wehen eines sanften Windes. Eine zweite Gestalt ist hereingekommen, ebenso verhutzelt, ebenso altersschütter, ja vielleicht sogar noch bröseliger. Es ist der zweite große Mentor aus Hreshs Jugend. Der Weise Mann und Schamane des Stammes der Behelmten. Noum om Beng, der Hresh in den Vengiboneezer Tagen befahl, ihn ‚Vater‘ zu nennen. Der Hresh durch die Methode abwegiger Fragestellungen und plötzlicher unerwarteter Ohrfeigen zu tiefer Weisheitserkenntnis gebracht hat.

„Aha, du bist also auch gekommen, Vater?“

Die hagere Gestalt, zerbrechlich wie ein Wasserschreiter — wer anders könnte es sein als Noum om Beng? Er nickt Thaggoran zu, der ihn wie einen alten Weggefährten zurückgrüßt, obwohl sie einander im früheren Leben nie begegnet sind. Sie unterhalten sich flüsternd, wackeln mit den Köpfen und lächeln wissend vor sich hin, als hechelten sie ihren widerspenstigen Schüler Hresh durch und fragten einander: „Ja, was sollen wir nur mit ihm machen? Der Junge hat so vielversprechende Anlagen, aber manchmal ist er dermaßen vernagelt!“

Hresh lächelt. Für die beiden Alten würde er immer der aufmüpfige Schüler sein, obschon er selber bereits so altersangestaubt ist wie sie und aus seinem silbrig werdenden Pelz bald der letzte Hauch Farbe verschwunden sein wird.

„Also — warum hast du uns gerufen?“ fragt Noum om Beng.

„Die Hjjks haben mir erneut meine Tochter entführt“, erklärt Hresh den zwei kaum sichtbaren Spektralgestalten, die nebeneinander im tiefen Schatten am anderen Ende des Raumes stehen. „Beim erstenmal haben sie sie nur einfach gekidnapped und fortgeschleppt. Damals konnte sie fliehen. Jetzt aber befürchte ich etwas viel Schrecklicheres. Jetzt haben sie ihre Seele gefangen.“

Die beiden schweigen, aber Hresh spürt ihre freundlich-wohlwollende Nähe. Sie trägt ihn, verleiht ihm Kraft.

„Ach, Thaggoran, und auch du, Vater, ich habe große Furcht. Und mein Herz ist betrübt und müde wie.“

„Quatsch!“ Noum om Beng ist scharf und knapp wie ehemals.

„Ja, wirklich — Quatsch, mein Junge! Es stehen dir doch etliche Möglichkeiten offen“, tönt heiser wie raschelndes Gras Thaggorans Stimme. „Das weißt du doch! Hresh, die Schimmer-Steine. Jetzt ist endlich mal eine Gelegenheit, die Klunker mal auszuprobieren!“

„Die Edlen Steine? Aber.“

„Ja. Und dann den Barak Dayir“, flüstert dünn die Stimme Noum om Bengs. „Den mußt du auch ausprobieren.“

„Aber erst die Schimmersteine, die zuerst!“

„Ja, also die Glitzerklunker“, sagt Hresh.

Er geht ans andere Ende des Raumes. Mit unsicherer Hand holt er die kleinen Talismane aus ihrem Versteck. Nach all diesen Jahren sind diese Glitzerdinger für ihn noch immer rätselhaft. Thaggoran starb, ehe er noch Hresh in ihrem Gebrauch unterweisen konnte.