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Wahrsagegerät sind sie, soviel weiß Hresh: Naturkristalle, die man tief unter dem Kokon in der Erde gefunden hat. Man kann sie irgendwie benutzen, um das Zweitgesicht zu konzentrieren, und dann erhascht man Einsichten auf Dinge, die mit gewöhnlichen Methoden nicht möglich wären.

Behutsam legt er die Steine aus, in dem fünfseitigen Muster, an das er sich noch erinnert von jenem Tag im Kokon her, als er heimlich einmal Thaggoran zugeschaut hatte. Jetzt hat er das Gefühl, daß Thaggoran neben ihm steht und ihn behutsam lenkt.

Die Glimmersteine sind schwarz, glatt und reflektieren wie Spiegel, in deren Tiefen ein kaltes fernes Licht brennt. Dieser Stein, das weiß Hresh noch, wird Vingir genannt; der da ist Nilmir, und die anderen da heißen Dralmir, Hrongnir und Thungvir. Er schaut sie lange unbeirrt an. Dann berührt er sie, einen nach dem anderen. Er spürt, welche Kraft in ihnen verborgen liegt.

Sagt mir — sagt es mir — sagt es...

Wärme strömt ihm zu. Es vibriert kitzelnd. Er setzt sein Zweitgesicht ein und spürt, wie die Steine auf irgendeine Weise interaktiv werden.

„Weiter so“, sagt Thaggoran heiser aus dem Zimmerschatten herüber.

Sagt mir, sagt mir, sagt es mir...

Die Steine werden wärmer. Unter seinen Händen beginnen sie zu schwingen, zu pulsen. Angstvoll und bänglich formuliert er die Frage, vor deren Antwort er im Grunde fast zurückschreckt.

Meine Tochter... Lebt sie noch?

Und er baut in seinem Bewußtsein das Bild von Nialli Apuilana auf.

Zeit, ein Augenblick, vergeht. Dann bricht das Abbild von Nialli mit himmlischer Strahlenklarheit hervor. Sie ist von einer leuchtenden Corona aus weißem Licht umgeben. Ihre Augen strahlen hell und klar. Und sie lächelt. Eine Hand streckt sie ihm liebend entgegen. Hresh fühlt ihre Lebendigkeit, den aus der Tiefe heraufquellenden Strom von Energie.

Also lebt sie?

Das Bild nähert sich ihm, leuchtend. Die Arme sind ihm entgegengestreckt.

Ja. Ja. So muß es sein. Sie lebt.

Ihre Nähe ist fast überwältigend real. Hresh hat das Gefühl, als sei Nialli wahrhaftig hier im gleichen Raum bei ihm und nur auf Armeslänge von ihm entfernt. Ganz gewiß, das ist der Beweis, daß sie lebt, denkt er. Bestimmt. Sicher!

In dankbarem Staunen blickt er fest auf die Schimmersteine.

Aber wo ist sie denn?

Die Steine können es ihm nicht sagen. Ihre Wärme schwindet, das Vibrieren hört auf. Ihr Leuchten im Innern scheint zu flackern. Das Bild Niallis, das er beschworen hat, verdünnt sich. Er blickt zu Thaggoran und zu Noum om Beng, aber die beiden alten Gespenster findet er fast nicht mehr. Sie sehen blaß aus, durchsichtig, substanzlos in der Dunkelheit des Raumes.

Wild greifen seine Hände nach Vingir und Hrongnis. Er berührt Dralmir, den größten der Schimmersteine, und drückt ihn fest. Er reckt die Fingerspitzen nach Thungvir und Nilmir und fleht die Steine an, ihm zu antworten. Aber er erfährt keine Antwort mehr von ihnen. Sie haben ihm gesagt, was sie ihm an diesem Tag zu verraten gewillt waren.

Doch — Nialli lebt. Dessen immerhin ist er gewiß.

„Sie ist zu den Hjjks gegangen, ja?“ fragt Hresh. „Warum? Sagt es mir! Warum?“

„Du hast die Antwort in deiner Hand“, sagt Thaggoran.

„Ich verstehe nicht. Wie.“

„Der Barak Dayir, Sohn“, sagt Noum om Beng. „So nimm doch den Barak Dayir!“

Hresh nickt. Er schaufelt die Schimmersteine in ihr Behältnis; dann holt er aus dem Beutel den anderen, den mächtigeren Talisman, den der Stamm als ‚Wunderstein‘ bezeichnet, ein Ding, älter sogar als die Große Welt, das alle fürchten und dessen Gebrauch nur Hresh versteht.

Auch er hat in den letzten Jahren gelernt, die Macht dieses Steins zu fürchten. Als er ein Knabe war, fand er nichts dabei, mit seiner Hilfe bis an die Grenzen der Wahrnehmung zu fliegen. Aber nicht mehr, vorbei, vorbei. Der Barak Dayir ist jetzt zu stark für ihn geworden. Wann immer er ihn mit seinem Sensor berührt, fühlt er jetzt, wie der Stein ihm seine schwindende Stärke absaugt; und die Visionen, die er dabei erlebt, sind dermaßen bedeutungsgeschwängert, daß er hinterher völlig benommen und verwirrt ist. In jüngerer Zeit hat er den Zauberstein nur noch sehr selten benutzt.

Er legt den Stein vor sich hin und schaut in seine geheimnisvollen Tiefen.

„Nur weiter“, sagt Thaggoran.

„Ja. Ja.“

Hresh stellt sein Sensor-Organ auf und schlingt es — ohne ihn direkt zu berühren — um den Wunderstein; dann umfaßt er in einer blitzschnellen konvulsivischen Bewegung den Talisman mit der innersten Schwanzwindung und drückt die Spitze seines Sensors auf ihn.

Es kommt ihm eine scharfe Empfindung schockartiger Dislokation, als stürze er in einen endlos tiefen Schacht. Zugleich aber ertönt auch diese vertraute Himmelsmusik, diese Sphärenklänge, die er mit dem Gerät assoziieren gelernt hat, und sie senken sich um ihn herab wie umhüllendes Schleiertuch, das ihn fängt, umfängt und auffängt. Und er weiß: Du brauchst dich nicht zu fürchten. Er tritt ein in diese Musik — wie schon so oft früher — und läßt sich von ihr einfangen und löst sich darin auf und wird von ihr hinweggetragen, hinauf in eine Welt voll Helligkeit und Farben und Wandelformen, in der alles Möglichkeit wird und in der der gesamte Kosmos ihm greifbar nahe ist.

Er schwebt nach Norden, weit über die mächtige Krümmung des Planeten hinweg. Er schwebt hoch über dem dunklen Land, das schuppig überkrustet ist von den Myriaden von Ablagerungen, die sich im Laufe der langen Geschichte der Erde aufgeschichtet haben, diesem Schutt und Müll und den Trümmern, die das Erbteil einer Welt sind, die war, ehe die Welt wurde.

Unter ihm liegt die Große Stadt Dawinno. Weiß und lieblich und erhaben, und so angenehm wohlig an die saftigen Hügelhänge der Bucht geschmiegt. Gen Westen sieht Hresh die immense Weite des Ozeanpanzers, schwarz und schwer über der Hälfte des Planeten Erde lasten, und die dort verborgenen Geheimnisse sind zu tief für sein Verständnis. Also steigt er höher und immer höher hinauf, und wieder weiter nach Norden, bis zu der Zone, wo die Stadt sich in verstreuten vereinzelten Wohnblocks auflöst und in Ackerland und Wald übergeht.

Während er hinaufsteigt, sucht er den heißen leuchtenden Funken, der die Seele von Nialli Apuilana ist. Doch er spürt nirgendwo einen Hauch von ihr auf.

Er ist inzwischen ziemlich weit im Norden und schaut auf winzige Agrargemeinden, Kleindörfer, hinab, die^sich als helle weiße und grüne Flecken von den frisch umbrochenen Äckern abheben. Und er sieht weiter hinüber in das Land, das im Neuen Frühling noch nicht wieder bebaut wurde und wo die wilden Tiere des Langen Winters noch ungehindert und frei durch die Wälder und die verkohlten, verwitternden Reste der Groß welt-Städte schweifen, die wie zerbröselnde Knochenscherben auf den unbehausten, windzerfurchten Hochplateaus agern. Aber, so tot sie sind, es strahlt aus ihnen noch immer das starke vibrierende Echo der Gegenwart der Sechs Stämme, deren Gebiet dies einstmals war.

Aber keine Nialli. Das verwirrt ihn. Sind sie mit einem Zauberwagen gekommen, sie zu holen, und haben sie — in einem Nu, solang, wie ein Lidschlag dauert — über die Tausende von Meilen bis zum NEST entführt?

Er strebt weiter nordwärts.

Jetzt gleitet die Stadt Yissous in sein Blickfeld, hoch oben im Norden, hinter einem gigantischen Bollwerk versteckt wie eine argwöhnische Schildkröte. Und im nächsten Augenblick ist Hresh darüber hinausgesegelt und nähert sich nun Vengiboneeza, dessen türkisgrüne und scharlachrote Türme von wimmelndem Insektenleben nur so glühen. Ja, hier gibt es ein Nest, ein oberirdisches, und es breitet sich wie eine ungehörige graue Wucherung über die Gebäudereste aus der Großen Welt. Aber Nialli ist nicht hier. Hresh ist inzwischen so hoch hinaufgestiegen, daß er den Bogen der Küstenlinie klar ausmacht, die von hier aus scharf nach rechts auskrängt. Die ganze Kontinentalküste krängt merklich von Süd nach Nord immer mehr nach außen, so daß Yissou durchaus weit östlich von Dawinno liegen kann und dennoch dem Meer so nahe, und Vengiboneeza kann noch weiter im Osten sein und trotzdem seinen leichten Zugang zum Großen Wasser haben.