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„Opfergaben?“

„Ja, Naturopfer. Belaubte Zweige, Früchte, Blüten und so. Für den Toten, weißt du, den Jungen von den Hjjks. Das geht jetzt schon seit zwei, drei Tagen so.“

„Sie legen Opfergaben an der Stelle nieder, an der er gestorben ist?“ Wie seltsam. Ihre Priesterinnen hatten ihr davon nichts berichtet. „Bring mich hin, ich will mir das mal anschauen.“

„Aber die Häuptlingstochter.“

„. kann ein paar Minuten länger warten. Bring mich hin!“

Der Wachmann lenkte achselzuckend den Wagen herum und fuhr hinauf bis an die Einmündung des Gäßchens. Aus der Nähe erkannte Boldirinthe, daß nur wenige erwachsene Personen unter der Menge waren. Überwiegend waren hier Kinder, Jungen und Mädchen, manche von ihnen noch sehr klein, versammelt. Von ihrem Haltepunkt aus war es schwer, genauer zu sehen, was sich tat, aber sie wollte auch nicht aussteigen und die Sache direkt untersuchen. Immerhin sah sie soviel, daß in der Gasse jemand eine Art Altarschrein errichtet hatte. An der Spitze der Schlange der Opferträger waren Äste und grüne Zweige höher als mannshoch aufgetürmt, und sie waren mit Stoffstücken, glitzernden Metallstreifen und langen bunten Papierbändern geschmückt.

Lange blieb sie so sitzen und sah zu. Einige Kinder bemerkten sie, winkten und riefen sie beim Namen, und sie lächelte und erwiderte die Grüße. Aber sie stieg nicht aus.

„Möchtest du vielleicht aus der Nähe sehen?“ fragte Maju Samlor. „Ich könnte dir raushelfen...“

„Ein andermal“, sagte Boldirinthe. „Fahr mich jetzt zu Nialli Apuilana!“

Der Gardist wendete und fuhr wieder hügelabwärts.

Also jetzt verehren sie ihn, dachte Boldirinthe kopfschüttelnd. Der da gestorben ist, wird von ihnen zum Gott gemacht. Jedenfalls sieht es danach aus. Wie seltsam. Alles ist überhaupt so höchst seltsam, alles, was irgendwie mit diesem jungen Mann zu tun hat.

Sie empfand es als ärgerlich und beunruhigend, daß sich derartige Dinge ereigneten. Daß es da auf einmal in diesem Gäßchen einen Votivaltar geben sollte und daß die Kinderchen Kundalimon Opfergaben darbringen sollten, als wäre er ein Gott. Das kam ihr unrichtig, ja sündhaft vor.

Aber vielleicht ist es ja gar nicht so ernst, beruhigte sie sich.

Sie dachte an all die antidoxen Ketzereien, die sie im Lauf ihres langen Lebens schon hatte aufkeimen sehen. Hatte auch nur einer dieser Irrglauben wirklichen Schaden angerichtet? Und man lebte in unsicheren Zeiten. Das Nahen des Jungen Frühlings hatte das VOLK aufgerüttelt und gezwungen, die engstirnig beschränkten Glaubenskonzepte aus den Zeiten des Kokons abzustreifen, einfach indem es dazu zwang, hinauszustreben und sich den unbekannten Rätseln einer größeren Welt zu stellen. Also war es doch überhaupt nicht verwunderlich, daß das VOLK nach neuen Heilslehren grapschte, sobald die altvertrauten keine sofortigen Resultate mehr brachten.

Manche von diesen Neuheiten waren recht kurzlebig gewesen. Wie etwa dieser merkwürdige Kult der Menschen-Anbetung, der während der letzten Tage von Vengiboneeza entstand und bei dem sich Grüppchen von Leuten aus dem einfacheren Volk heimlich trafen und um die Statue eines Menschlichen tanzten, die man irgendwo in der alten Stadt gefunden hatte und vor der sie dann Gebete und Opfer vollzogen. Aber zur Zeit der Zweiten Wanderung war dieser Aberglaube bereits wieder ausgestorben.

Andererseits hatte man die Verehrung des fremdstämmigen Gottes Nakhaba nach der Vereinigung mit den Bengs in das kultische Leben des Stammes einbezogen — und dies immerhin schien von Dauer zu sein. Und immer wieder waren andere neue Glaubensvorstellungen aufgetaucht und modisch geworden, solche, in deren Mittelpunkt die Gestirne standen, die Sonne, der große Ozean oder gar noch unwahrscheinlichere Sachen. Boldirinthe hatte sogar gerüchteweise flüstern hören, daß Nialli Apuilana eine Hjjk-Gläubige sein sollte und angeblich in ihrem Privatgemach im Hause Nakhaba irgendeinen heiligen Talisman der Hjjks aufbewahrte.

Na, und wenn schon, dachte Boldirinthe. Sie war zwar Priesterin, aber immerhin doch fromm und gläubig genug, um zu begreifen, daß Göttlichkeit in allen Dingen steckt. Die Himmlische Fünffaltigkeit war nicht unbedingt und zwangsläufig die einzige Form, in der sich ‚das Heilige‘ ausprägen mußte. Sie war nichts weiter als der Götter-Clan, dem zu dienen sie nun eben geschworen hatte. Und sie waren auch nicht etwa die ‚wahren‘ Götter und die anderen die falschen, sondern für sie waren sie eben die brauchbarsten und wirksamsten und mit einem Höchstmaß an Heiligkeit ausgestatteten Götter. Wenn darum also diese Kinder an einer Gedenkstätte für Kundalimon Gaben darbringen wollten, warum nicht? Gottesehrfurcht ist löblich, gleich in welcher Form.

„Beeil dich!“ sagte sie zu ihrem Fahrer. „Kannst du das verdammte Xlendi da nicht zu etwas mehr Tempo bringen? Nialli Apuilana ist sehr geschwächt, weißt du. Sie braucht mich dringend.“

„Aber grade vorhin hast du doch gesagt.“

„Wenn du die Peitsche nicht benutzen willst, dann her damit. Glaubst du, ich traue mich nicht, sie zu benutzen? Schneller, Junge! Schneller!“

Nialli Apuilana lag auf einer Matratze in einem der oberen Gemächer der Häuptlingsresidenz. Sie lag mit geschlossenen Augen, und ihr Atem ging flach und langsam. Ihr Fell war stumpf und feucht-verklebt. Ab und zu murmelte sie unverständlich in sich hinein. Sie schien in einer Region jenseits des Bewußtseins umherzuirren, tiefer fort als im Schlaf, aber noch diesseits der Schwelle zum Tode. Boldirinthe erinnerte der Anblick an ein Erlebnis aus ihrer fernen frühen Jugend: Dieses merkwürdige Geschöpf — Hresh sagte, das sei ein Menschlicher gewesen —, den der Stamm den ‚Träume-Träumer‘ genannt hatte, das jahrelang in tiefem endlosen Schlaf lag, nur um genau an dem Tag zu erwachen und zu sterben, als dem VOLK die Omina der Götter zuteil wurden, daß die Zeit des Auszugs gekommen war. Auch der Träumer hatte so schlafend gelegen, als befinde er sich mehr in einer jenseitigen als in dieser Welt.

Um die Lagerstatt Niallis geschart stand eine Gruppe bedrückter ernster Leute. Taniane war da, selbstverständlich, und sie sah so übermäßig angespannt und kraftlos aus, als müsse sie gleich zerbrechen. Auch Hresh, er schien in wenigen Tagen um Jahre gealtert zu sein. Und Husathirn Mueri und Tramassilu, der Juwelier, und Fashinatanda, die blinde, greisenhafte wackelige Mutter Tanianes; und der Baumeister Tisthali und der Getreidehändler Sturnak Khatilifon nebst seiner Gefährtin Sipulakinain, die krank war und nur noch ein ausgeglühtes Stück Schlacke ihres früheren Selbst — man konnte beinahe schon die Hand des Todes auf ihrer Schulter liegen sehen. Und noch andre Leute waren da, von denen die Opferfrau einige ganz und gar nicht unterbringen konnte.

Was eine solche Herde von Leuten in einem Krankenzimmer zu suchen haben sollte, überstieg Boldirinthes Begriffsvermögen. Zweifellos wollten sie allesamt helfen. Aber sie drängten sich alle viel zu dicht an das arme Kind heran, überhitzten die Luft und entzogen dem Raum Lebenskraft. Boldirinthe fuchtelte ungeduldig mit den Händen und verscheuchte die ganze Gesellschaft, bis auf Taniane und Sipulakinain, deren Anwesenheit gewissermaßen sinnvoll war. Auch die alte Fashinatanda duldete sie still in einem Winkel, denn sie schien sowieso nicht mehr zu begreifen, was geschah.

„Wo hat man sie gefunden?“ fragte Boldirinthe.

„Im Seengebiet“, antwortete Taniane. „Bäuchlings, mit dem Gesicht im Schlick an einem kleinen Tümpel, sagt Sipirod, und um sie herum ein ganzer Haufen Tiere, die sie beobachteten, ein paar Caviandis und Stinchitole, eine kleine Schar von Scantrinen, ein, zwei Gabools. Sipirod sagt, sie hätte noch nie etwas dermaßen Verblüffendes gesehen wie diese ganzen Tiere, die sich um sie geschart haben. Fast als würden sie sie beschützen wollen. Da muß sie dann so etwa zwei Tage lang gelegen haben. Mit brennendem Fieber, sagt Sipirod. Sie muß Wasser aus den Tümpeln getrunken haben, sagt Sipirod. Und natürlich hatte sie nichts zu essen.“