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„Ist sie irgendwann wieder bei Bewußtsein gewesen?“

„Nein, immer im Delirium. Ab und zu stammelt sie was — von der Königin, vom Nest, eben so dieses Zeug. Und ruft Kundalimons Namen. Die beiden waren ein Liebespaar, wußtest du das? Und sie wollten zusammen flüchten, Boldirinthe. Zu den Hjjks in ihr Land!“

„Armes Kind. Kein Wunder, daß sie davongelaufen ist.“ Aber dann grunzte die Opferfrau und schob das Ganze als jetzt völlig unwichtig beiseite. „Bringt mir mal den Tisch da drüben hierher, ja? Da stellt ihr dann meinen Sack drauf. Nein, auf dieser Seite, wo ich rankommen kann! Und dann holt mir was, worauf ich mich setzen kann. Am Bett. Ich kann mich nämlich nur grad so mühsam auf den Beinen halten, wißt ihr.“

Dann nahm sie Niallis Arm hoch und strich mit den Fingern über die ganze Länge hin, um die Lebensströme zu ertasten. Sie waren sehr schwach. Das Mädchen war warm, doch ihr Lebensstrom floß stockend wie erstarrendes Quecksilber. Boldirinthe drehte den Kopf von Taniane fort, weil sie nicht wollte, daß der Häuptling ihr die tiefe Besorgnis am Gesicht abläse. Einige Stunden länger in diesem Sumpf, und wir hätten hier ein totes Mädchen. Und es war immer noch möglich, daß sie nicht zu retten sein würde.

Nein, das werde ich nicht zulassen, dachte Boldirinthe.

Sie zog aus ihrem Sack die zwei großen Heilstäbe und legte sie Nialli an beide Seiten. Die bewegte sich kaum. Dann zog sie ihre Kräuter und Salben hervor und stellte sie säuberlich in einer Reihe auf dem Tisch auf. Den Talisman des Heiler Friit und den von Mueri-Trostspenderin plazierte sie an Niallis Kopf, beziehungsweise an den Füßen.

Zu Sipulakinain sprach sie: „Schaff mir das Kohlebecken da näher. Wir werden das Laub Friits darin brennen, und sieh zu, daß du selber auch von dem Rauch einatmest. Er wird auch dir zuträglich sein.“

„Ich bin bereits Rekonvaleszentin, Boldirinthe“, sagte Sipulakinain.

Die Opferfrau bedachte die Lebenspartnerin des Kornhändlers mit einem skeptischen Blick. „Na, dafür sei Yissou aber Dank“, sagte sie, mit geringer Überzeugung. Gemeinsam mühten sie sich ab, die aromatischen Kräuter zu entzünden. Taniane schaute schweigend und reglos zu. Gegenüber in der Ecke murmelte die uralte Fashinatanda tonlose Gebete blind vor sich hin. Bläulichroter Rauch wölkte auf.

„Mehr!“ sagte Boldirinthe. „Noch fünf Stengelchen.“

Sipulakinains Hände zitterten, doch sie legte die Kräuterzweiglein auf die Glut. Boldirinthe ergriff Nialli an den Knöcheln und hielt sie fest. Sie spürte die Stauung in der Lunge des Mädchens, das erschöpfte Herz. Der Seelenkern war unterkühlt und geschwächt. Doch Nialli war stark. Man würde diese Schwachheiten aus ihr heraustreiben können.

Der Rauch im Raum verdichtete sich.

Und jetzt zeigten sich auch die Götter sichtbar.

Schon lange, lange besaß Boldirinthe die Gabe (und die Technik), die Himmlische Fünffalt deutlich sehen zu können. Sie sprach darüber nie zu anderen, denn sie wußte, daß die Götter, so real existent sie waren, bisher niemals sich anderen handgreiflich gestalthaft manifestiert hatten, sondern ausschließlich als mächtige abstrakte Präsenzen. Aber bei ihr war das anders. Ihr zeigten sie sich in deutlicher Gestalt und mit deutlichem Gesicht, und in beidem urvertraut. Mueri, die Trostspenderin, sah für Boldirinthe ziemlich deutlich so aus wie Torlyri, eine hochgewachsene, kräftige und beeindruckend schöne Frau, deren dunkler Pelz eine weiße Zeichnung aufweist. Dawinno-der-Zerstörer sah aus wie Harrueclass="underline" ein wildwütiger rotbärtiger Riese. Yissou war weise und abweisend-fern, dünnpelzig und fast so etwas wie ein Menschlicher. Der Ernährer, Emakkis, sah feist aus und fröhlich. Friit-Heiland blickte enorm ernst drein, war zierlich, fast schwach, beinahe ein bißchen so wie Hresh. Aber jetzt standen sie neben ihr und standen ihr zur Seite. Sie zeigte auf das schlafende Mädchen, und die Götter nickten, und Friit erklärte ihr, was getan werden müsse, und Boldirinthe — obwohl sie einen kurzen Stich von Bedenklichkeit verspürte — schickte sich ohne Zögern an, es zu tun.

„Du mußt jetzt das Zimmer verlassen“, sagte sie zu Taniane.

„Ich.“

„In dir ist zu große Kraft. Wir können hier drin jetzt nur die Kranken und die Alten und die Fetten brauchen!“

Tanianes Mund öffnete sich und klappte wieder zu. Sie warf Boldirinthe einen Blick zu, der Erstaunen, vielleicht sogar Verärgerung enthielt, aber sie verließ wortlos den Raum.

Und nun applizierte Boldirinthe die heiligen Salbungen. Ein Tupfer auf die Lippen der Nialli Apuilana, und einer auf ihre Brüste, und ein dritter an den Ort zwischen ihren Schenkeln. Nialli bewegte sich und begann zu murmeln, als die starke Wärme der Kräutersalben die Haut zu durchdringen begann.

„Bring die Alte rüber“, sagte sie zu Sipulakinain. „Ich will, daß sie sich aufs Bett hockt und mit ihren Händen die Beine des Mädchens festhält. Und du, du setzt dich hier rauf und drückst ihren Kopf an deine Brust. Ich werde mit ihr tvinnern.“

Sipulakinain nickte. So schwach sie sich fühlte und so unsicher sie selber auf den Beinen war, sie legte der bebenden uralten Großmutter den Arm um und schleppte sie ans Bett, wo sie sie in die von Boldirinthe vorgeschriebene Position brachte. Dann legte sie sich nieder und barg Niallis Kopf mit den Armen an ihrer Brust.

Unter heftigem Stöhnen wuchtete Boldirinthe ihre Körpermassen so herum, daß ihr Sensor-Organ in Reichweite dessen von Nialli kam. Es kam natürlich nicht in Frage, daß sie sie sich in der sonst gebräuchlichen Position neben das Mädchen legte, aber schließlich mußte man ja auch auf andere Weise tvinnern können. Sie blickte auf und sah, daß Mueri ihr zulächelte, und sie sah, daß Friit zustimmend seine Hand hoch erhoben hatte. Und Yissou höchstpersönlich half ihr dabei, die rechte Position einzunehmen.

Und nun ergab sich ein Moment der Unsicherheit und des Unbehagens.

Boldirinthe war zwar eigentlich schon viel zu alt, als daß sie noch Furcht gekannt hätte, aber über eine gewisse vernünftige Bersorgnis war sie noch nicht erhaben. Sie hatte mit Nialli einmal getvinnert, vor vielen Jahren, am Tvinnr-Tag des Mädchens — ja, wie sich herausstellen sollte, am Vorabend ihrer Entführung durch die Hjjks. Nialli war damals zu Boldirinthe gekommen, um sich traditionsgemäß in die Kunst einweisen zu lassen. Aber Boldirinthe hatte nicht vergessen, von welcher Art diese Tvinnr-Initiation gewesen war.

Sie hatte damals mit nichts weiter gerechnet als dem gewöhnlichen pubertären Chaos einer Erst-Tvinnerung, bei der die weiche, noch ungeformte, sehr verletzliche junge Seele qualvoll kämpft, sich in der Peinlichkeit einer derartigen neuen ungewohnten Intimität zurechtzufinden und sich zu konzentrieren. Aber Nialli Apuilana hatte sich nach der endlich erreichten Vereinigung ihrer beider Seelen als stark und als wild erwiesen, als so hart und kantig wie eine Maschine aus schimmerndem Metall und voll einer nicht zu bremsenden Antriebskraft. Es ist immer bestürzend, einer derartigen zielstrebigen Kraft in einem sehr jungen Wesen zu begegnen. Und diese Tvinnr-Erfahrung hatte Boldirinthe vollkommen erschöpft. So sehr, daß sie die Erfahrung niemals zu wiederholen wünschte.

Doch die Fünf hatten es befohlen. Boldirinthe legte ihren Sensor an den des bewußtlosen Mädchens und leitete die Kommunion ein.

Niallis Seele war verschlossen und entzog sich. Es gab Momente, in denen Boldirinthe das Gefühl bekam, sie würde sie niemals erreichen; es gab Momente, wo Niallis Geist sich völlig vom Körper löste und davonglitt. Doch Boldirinthe und Sipulakinain fungierten als Bollwerke und hinderten die Seele am Davonfliegen, Sie grenzten sie em. Und nach und nach gelang es Boldirinthe, sie zu umhüllen und in ihre umfassende Umarmung zu schließen.

Und dann öffnete sich Niallis schlafendes Selbst ihr bereitwillig.

Ihre Seele war unendlich viel tiefer, fremdartiger und reicher als beim erstenmal vor vier Jahren. Damals war Nialli ein kleines Mädchen, jetzt war sie eine Frau, mit allem, was darin an Bedeutungstiefe enthalten ist. Sie hatte kopuliert; sie hatte getvinnert; sie hatte geliebt.