Leise sagte Husathirn Mueri: „Du weißt doch, daß ich sie liebe.“
Boldirinthe tat das achselzuckend ab. „Wir alle lieben sie.“
„Ich meinte aber, auf eine besondere Weise.“
„Ja. Sicher ist das so.“
Seine Torheit machte sie traurig. Sie hatte kein Verlangen danach, zuzuschauen, wie einer sich bei sowas weh tat. War denn diesem Husathirn Mueri nicht klar, wie anders sie war, diese Mädchenfrau, die zu lieben er behauptete? Es mußte ihm doch inzwischen wenigstens der Verdacht gekommen sein, daß Nialli sich Kundalimon als Geliebten erwählt hatte. Und dies, nachdem sie die feinsten Jungmänner abgewiesen hatte, welche die Stadt zu bieten hatte. Nun, Kundalimon war tot; vielleicht fand Husathirn Mueri ihn deshalb nicht weiter wichtig. Was aber würde er sagen, wenn er wüßte, daß er es mit einem anderen, einem viel größeren Rivalen zu tun hatte, nämlich niemand Geringerem als der Königin der Hjjks? Mit welchem Abscheu er sich abwenden würde! Allerdings würde er mit Nialli tvinnern müssen, um das ganz genau herauszufinden, und Boldirinthe bezweifelte, daß er in der Hinsicht die geringste Chance hatte.
Sie schob sich langsam weiter auf die Tür ins Freie zu.
„Dürfte ich noch um ein paar Worte unter vier Ohren bitten?“ sagte Husathirn Mueri.
„Wenn du mit mir gehst. Seit ich so riesenhaft geworden bin, ist es mir nicht mehr angenehm, so herumzustehen.“
„Laß mich deinen Sack tragen.“
„Diese Tasche ist die heilige Bürde meines Berufs. Was hast du mir zu sagen, Husathirn Mueri?“
Wahrscheinlich noch mehr Zeug über Nialli, dachte sie. Aber er sprach: „Ist es zu deiner Kenntnis gelangt, Boldirinthe, daß sich um die Person des ermordeten Hjjk-Gesandten sowas wie ein religiöser Kult herauszubilden beginnt?“
„Ja, ich weiß, es gibt da einen Altar, irgendwie zu seinem Gedächtnis.“
„Es ist mehr als eine bloße Gedenkstätte!“ Er fuhr sich nervös über die Lippen. Jch habe Berichte der Wachmiliz vorliegen. Die Kinder beten zu ihm. Und nicht bloß die Kinder. Aber mit denen hat es angefangen. Jetzt haben sie kleine Fetzchen seiner Kleidung in die Finger bekommen, auch Sachen aus seinem Zimmer, Hjjk-Zeug, das nach seinem Tod irgendwie verschwunden ist. Boldirinthe, die machen ihn zu einem Gott!“
„Ach ja?“ antwortete sie gleichgültig. „Nun, derlei ereignet sich eben immer wieder mal von Zeit zu Zeit. Wie es den Leutchen gefällt. Für mich ändert sich dadurch nichts. Für meine Bedürfnisse genügt die Himmlische Fünffaltigkeit durchaus.“
Mit einiger Bissigkeit antwortete er: „Ich hatte ja auch nicht erwartet, daß du zum Kundalimon-Glauben konvertierst. Aber beunruhigt dich denn sowas ganz und gar nicht?“
„Warum sollte es? Beunruhigt es dich?“
„Ja, aber verstehst du denn nicht, Boldirinthe? Die bauen da einen Jungen, der seinem Denken nach ein halber Hjjk war oder sogar mehr als halb, zu einem Machtpotential in unserem Staat auf, zu einer Leitfigur! Sie erbitten sich seine Gunst und Gnade. Sie beten um seine Führung. Und sie bieten ihm als Gegenleistung ihre Hingebung und Liebe. Willst du wirklich zuschauen, wie hier eine neue Religion aufgebaut wird? Wie eine ganz neue Priesterkaste entsteht, neue Tempel und vor allem, wie neue Ideen Auftrieb finden? Aus sowas kann sich doch alles entwickeln. Alles. Als Kundalimon lebte, zog er herum und predigte den Leuten Nest-Zeugs und forderte sie auf, ihm nachzufolgen — in das Nest! Und die Kinder fallen darauf herein und lieben diese Botschaft. Sie haben sie ihm direkt von den Lippen gesaugt, dafür habe ich unumstößliche Beweise. Was wird aber, wenn diese — dieser neue Kult — jemandem in die Hände gerät, der genug Macht und Kontrolle ausüben kann, um auf dem aufzubauen, was Kundalimon da begonnen hat? Werden wir alle schließlich die Hjjks innig lieben und sie anflehen, daß sie uns doch bitte-bitte auch lieben möchten? Soll Nakhaba, soll die Himmlische Fünffaltigkeit einfach von der Tagesordnung weggewischt werden? Du gehst zu leichtfertig an die Sache heran, Boldirinthe. Es wird nämlich nur noch viel schlimmer werden, und zwar sehr schnell, wie ein Feuer, das sich über das trockene Buschland ausbreitet. Ich spüre es kommen. Und du weiß ja, ich bin in derlei Sachen nicht gänzlich ohne kluge Klarsicht.“
Sein Gesicht hatte sich gerötet, und die Muskeln zuckten. Die Bernsteinaugen funkelten in fieberhafter Erregtheit. Sie sahen aus wie glatte Glaskuller. Es arbeitete in ihm, ganz zweifellos. Boldirinthe konnte sich nicht erinnern, ihn je dermaßen aufgeregt erlebt zu haben. Und es paßte überhaupt nicht zu ihm, irgendwelche Emotionen so ungehemmt zu zeigen.
Aber dieser hektische Ausbruch war das Letzte, was ihr gerade jetzt noch gefehlt hätte. Sie war noch immer ganz verwirrt von dem Schock, den ihr der Kontakt mit Niallis Seele bereitet hatte. Nein, was sie jetzt nötig brauchte, das war die Rückkehr in ihre Klosterzelle und Ruhe. Dann ein gemütliches Abendmahl mit dem lieben alten Staip, ein paar Schalen Wein — und dann — ja, dann, ins Bett...
Ach, soll doch kommen, was mag, dachte sie. Neue Kulte, Religionen, Götter — und was ihr sonst noch wollt. Ich hab heute Schwerstarbeit geleistet. Ich bin müde. Und ich sehne mich nach meinem Bett!
Kühl sagte sie also: „Vielleicht machst du ja einen Zinnobärhaufen aus einem Mückenschiß. Die Kleinen haben Kundalimon geliebt, gewiß. Er hat sie unterhalten — und bezaubert. Hat ihnen interessante Sachen erzählt. Und nun trauern sie um ihn. Bringen seinem Geist Opfergaben. Ich hab sie dabei gesehen, als ich heute hier herüberkam. Harmlose Liebesgesten, weiter nichts, eine Gedenkdemonstration. Und in einigen Tagen ist das alles vom Wind verweht. Der Junge wird zu einem Teilchen der Geschichte werden, einer Episode, die Hresh in seiner Chronik erwähnt, und das war es dann auch schon.“
„Und wenn du dich irrst? Wenn es statt dessen zu einer Revolution käme? Was dann, Boldirinthe?“ Er fuchtelte erregt mit den Händen herum.
Aber sie hatte jetzt wirklich genug.
Sie sagte: „Sprich mit Taniane, Husathirn Mueri, wenn dich derartige Probleme plagen. Ich bin eine fette alte Frau, und wohlgemerkt, sehr fett und sehr alt, und wenn sich da irgendwann Veränderungen ergeben sollten, sofern es Veränderungen sein werden, dann höchstwahrscheinlich erst, wenn ich nicht mehr da bin und sie nicht zu sehen brauche. Aber falls ich noch da bin, weißt du, ich hab in meinem Leben bereits mehr und größere Veränderungen erlebt, als du dir vorstellen kannst. Und ich verkrafte durchaus noch ein paar mehr. Und jetzt laß mich endlich gehen. Und Mueri schenke dir Frieden, ja? Oder auch Nakhaba, wenn du das lieber hast. Mir sind alle Götter gleich.“
„Was? Aber du bist doch den Fünfen eidverschworen!“
„Die Fünf sind meine Götter. Aber alle Götter sind göttlich.“ Sie schlug das Mueri-Zeichen gegen ihn, schob sich langsam an ihm vorbei und watschelte die Stufen hinab zu dem wartenden Wagen.
Der Junge trug den Namen Tikharein Tourb. Und er war neun Jahre alt. Er trug das schwarzgelbe Amulett des Nest-Wächters auf der Brust.
Das Mädchen hieß Chhia Kreun. Sie trug ihr Amulett am Handgelenk.
Sie standen vor einer Gruppe aus elf Kindern und drei Erwachsenen. In dem Kellerraum waren aromatisch duftende Zweige hochaufgetürmt, und der starke stechende Geruch des Sippariu-Safts mischte sich mit der Süße der Dilifar-Nadeln, so daß die Luft beinahe berauschend schwer war.
„Faßt euch an den Händen“, sagte Tikharein Tourb. „Alle! Berührt euch! Schließt die Augen!“