Chhia Kreun, die dem ganzen Gezweig am nächsten war, geriet praktisch in eine Trance. Sie begann lallend zu singen und stieß unbekannte klobige und grobe Worte aus. Vielleicht waren es hjjkische Laute oder Wörter. Wer hätte das sagen können? Aber es waren die Laute, die Kundalimon sie gelehrt hatte. Ihre Bedeutung kannte keiner.
Jedoch sie klangen sehr heilig.
„Und alle!“ schrie Tikharein Tourb. „Na, macht schon! Alle sprechen jetzt die Worte! Also sprecht! Sprecht! Es ist die Anrufung der Königin!“
Die Verhandlungen — soweit man davon sprechen konnte — traten auf der Stelle. Seit ihn die Nachricht von den zwei Morden in Dawinno erreicht hatte, war Thu-Kimnibol in ein tiefes schwärzlich brütendes Nachdenken versunken. Salaman beobachtete ihn mit Erstaunen und wachsender Beunruhigung. Den ganzen Tag lang stapfte er wie ein riesenhaftes Tier durch die Gänge des Palastes, und bei den abendlichen Königsgelagen blieb er nahezu stumm.
Ihn beunruhige, sagte er jedenfalls, die Verspätung der Herbstkarawane aus Dawinno. Ihre Ankunft hatte sich schon um neun Tage verzögert. „Wo sind sie denn?“ fragte Thu-Kimnibol immer wieder. „Wo bleiben sie denn?“ Er schien an gar nichts mehr denken zu können als an das verspätete Erscheinen der Kaufleute. Aber dahinter mußte mehr stecken. Ein paar Tage Verspätung, das reichte nicht als Erklärung für soviel ärgerliche Besorgnis.
„Gewiß herrscht drunten im Süden irgendwo übles Wetter“, versuchte Salaman den Gast zu besänftigen. Wenn der in einem solchen Zustand der Unruhe war, wurde er einfach zu unberechenbar, zu aufbrausend. „Schwere Stürme vielleicht, unterwegs, Überschwemmungen auf den Landstraßen, irgend sowas.“
„Stürme? Wir hatten doch einen goldenen Herbsttag nach dem anderen!“
„Aber vielleicht da drunten im Süden.“
„Nein. Die Karawane verspätet sich, weil es in Dawinno einigen Ärger gibt. Wenn Mord und Totschlag erst einmal beginnen, wohin kann das führen? Nein, bei mir zuhaus herrscht irgendwie Unruhe und Aufstand.“
Aha, das bekümmert ihn also, dachte Salaman. Er glaubt immer noch, er hätte sofort heimreisen müssen, sobald er von den Morden erfuhr. Er plagt sich mit Schuldgefühlen herum, weil er hier oben bei uns herumsitzt und nichts tut, während Dawinno vielleicht in Aufruhr ist. Aber falls Taniane gewollt hätte, daß er heimkommt, dann hätte sie ihn bestimmt abberufen. Und da sie das nicht getan hat, darf man ja wohl den vorsichtigen Schluß ziehen, daß es keinerlei Probleme gibt da drunten.
„Ich werde in meinen Gebeten deiner gedenken, mein Cousin“, sagte Salaman salbungsvoll. „Geb’s Yissou, daß alles zum Guten stehe in deiner Stadt!“
Doch die Tage verstrichen, inzwischen waren es fünf oder sechs, oder gar sieben, und es kam keine Karawane. Und inzwischen begann auch Salaman ein wenig beunruhigt zu sein. Die Kaufleute waren mit ihrem Treck eigentlich immer pünktlich. Winters und im Frühling entsandte Yissou Kaufmannskarawanen gen Süden, und im Sommer und Herbst kamen sie aus Dawinno in den Norden heraufgezogen. Sie spielten eine wesentliche Rolle im Wirtschaftsleben beider Städte. Doch inzwischen sah Salaman selbst sich dem nörgelnden Gemaule der unzufriedenen Kaufleute und Fabrikanten seiner Stadt ausgesetzt, deren Warenlager überquollen von Handelsgütern, die keinen Absatz fanden. Wem sollen wir denn verkaufen, fragten sie den König, wenn die Karawane nicht kommt? Und die Tandler und Verkäufer auf dem öffentlichen Markt, die mit den Produkten aus Dawinno handelten, hatten die entgegengesetzten Probleme: Sie brauchten dringend Nachschub an Waren. Aber wo blieb die Karawane? „Sie kommt bald“, erklärte Salaman ihnen allen. „Sie ist unterwegs!“ Aber — Yissou! — wo blieb sie denn? Er wurde allmählich ebenso reizbar wie Thu-Kimnibol!
Stimmte da drunten im Süden wirklich was nicht? Selbstverständlich hatte er ein paar Agenten in Dawinno sitzen. Aber von denen hatte er seit Wochen nichts mehr gehört. Die Entfernung zwischen den Städten war so groß, die Nachrichtentransmission dauerte so lange. Wir brauchen dringend ein funktionstüchtigeres Nachrichtenübermittlungssystem, dachte der König. Irgendwas Schnelleres, ohne daß Eilkuriere Hunderte von Meilen reisen müssen. Vielleicht — etwas, bei dem man das Zweite Gesicht einsetzen könnte... Und er machte sich eine Notiz, daß er sich gelegentlich mit der Sache noch nachdrücklicher befassen wollte.
Aber Thu-Kimnibol stapfte weiter düster und grübelnd durch den Palast. Und Salaman entdeckte zu seiner Verblüffung, daß auch er selbst das inzwischen tat.
Ihr Götter! Wo blieb nur diese Karawane?
Husathirn Mueri sagte: „Ich bin sicher, die Genesung deiner Tochter, Edle, macht gute Fortschritte.“
„Na ja, soweit damit zu rechnen war“, antwortete Taniane in dumpfbedrücktem Ton.
Es verblüffte ihn, wie müde sie aussah. Sie hockte mit hängenden Schultern und schlaff im Schoß liegenden Händen da. Ihr Fell war stumpf und sah struppig aus. Früher war sie ihm eher als eine ältere Schwester von Nialli Apuilana erschienen. Aber heute gewiß nicht mehr.
Möglicherweise war es ja auch ein Fehler gewesen, das Gespräch mit einem Verweis auf Niallis Gesundheitszustand zu beginnen. Er stieg beflissen und rasch auf ein anderes Thema um.
„Wie du es verlangtest, Edle, hab ich hier die neuesten Berichte über die Suche nach dem Mörder von Curabayn Bangkea. Leider haben wir bisher diesbezüglich noch keine Fortschritte gemacht.“
Taniane starrte ihn trübsinnig an. „Es wird da ja wohl kaum jemals Ermittlungsfortschritte geben, Husathirn Mueri. Oder?“
„Ich fürchte, Edle, nein. Wie es aussieht, war es ein dermaßen zufälliges, beiläufiges Verbrechen.“
„Beiläufig? Ein Mord?“
Und plötzlich sprühte aus ihren Augen ein eisiges Feuer.
„Ich wollte damit nur sagen, daß es sich wohl um einen plötzlich ausgebrochenen Streit gehandelt haben muß, etwas ganz ohne Motiv, vielleicht gar ohne Anlaß. Natürlich werden wir die Ermittlungen in jeder nur denkbaren Weise fortsetzen, aber.“
„Laßt diese Nachforschungen. Sie können zu nichts führen!“
Ihre Schroffheit war bestürzend. „Wenn du es so wünschst, Edle.“
„Ich wünsche, daß deine Polizisten und du über diese neue Religion nachdenken, mit der wir es zu tun haben. Diesen neuen Kult. Diese Sekte. Das scheint sich ja wie eine Seuche in der ganzen Stadt zu verbreiten.“
„Chevkija Aim hat bereits ein massives Eindämmungsprogramm in die Wege geleitet, Edle. Schon letzte Woche allein ist es uns gelungen, drei von diesen neuen Kapellen aufzuspüren, und wir haben.“
„Aber nein! Mit Unterdrückung ist da nichts zu gewinnen.“
„Edle?“
„Mir kommen beunruhigende Dinge zu Ohren. Männer wie Kartafrain, Si-Belimnion, Maliton Diveri — Männer von Substanz und Besitz und Status, die herumgekommen sind und sich auskennen, sie erklären mir, daß für einen von diesen Sektierertempeln, den wir schließen, zwei andere neu eröffnet werden. Das ganze Volk da drunten spricht nur noch von Kundalimon. Sie nennen ihn einen Märtyrer. Einen Heiligen und Propheten! Diese Ideologie der Königin-Liebe breitet sich in der Arbeiterklasse noch rasanter aus als irgendeine neue Softdrink-Mode. Es zeigt sich doch sehr schnell, daß wir mit einer restriktiven Politik weit mehr Schaden heraufbeschwören, als uns die Sache nutzt. Ich wünsche, daß du Chevkija Aim anweist, seine Unterdrückungskampagne abzubrechen.“
„Aber, Edle, wir müssen sowas doch unterdrücken! Es handelt sich immerhin um ausgesprochene Ketzerei und Götterlästerung! Wir können doch nicht einfach zulassen, daß so etwas sich ungestraft ausbreitet, oder?“
Tanianes Augen wurden schmal. „Seit wann bist du denn dermaßen fromm und gottesgläubig, Husathirn Mueri?“
„Nun, ich erkenne Gefahren, wenn sie vor mir auftauchen.“