Miles ging Overholt voran durch das Andockrohr und nach Pol Sechs hinein. Die Speiche, an der sie angedockt hatten, schleuste die Ankommenden zu einem Zollbereich, wo Miles’ Musterkoffer und Person sorgfältig überprüft wurden und Overholt einen Waffenschein für seinen Betäuber vorlegen mußte.
Von dort aus hatten sie freien Zugang zu den Einrichtungen der Transitstation, abgesehen von bestimmten bewachten Korridoren, die natürlich zu den militärischen Zonen führten. Diese Bereiche, das hatte Ungari klargemacht, waren seine Angelegenheit, nicht Miles’.
Miles, der noch reichlich Zeit hatte bis zu seinem ersten Termin, schlenderte gemächlich dahin und genoß die Empfindung, auf einer Raumstation zu sein. Hier ging es zwar nicht so frei und ungebunden zu wie auf Kolonie Beta, aber ohne Frage war dieser Ort von der maßgebenden galaktischen Technokultur geprägt. Ganz anders als das arme, halb rückständige Barrayar. Die fragile künstliche Umgebung atmete ihren eigenen Hauch von Gefahr, einen Hauch, der sich im Falle eines plötzlichen Druckabfalls sofort zu einem klaustrophobischen Schrecken aufblähen konnte. Eine zentrale Halle, die mit Läden, Gastquartieren und Speiselokalen gesäumt war, bildete die Begegnungszone.
Ein merkwürdiges Trio lungerte genau gegenüber Miles in der belebten Halle herum. Ein großer Mann in lockerer Kleidung, die ideal zum Verbergen von Waffen war, suchte das ganze Gebiet unruhig mit den Augen ab. Ein professionelles Gegenstück zu Sergeant Overkill, ohne Zweifel. Er und Overholt entdeckten sich gegenseitig, tauschten grimmige Blicke aus und ignorierten einander danach sorgfältig. Der langweilige Mann, den der andere beschützte, verblaßte fast zur Unsichtbarkeit neben seiner Begleiterin.
Sie war klein, aber erstaunlich energisch. Ihre schmächtige Figur und ihr sehr kurz geschnittenes weißblondes Haar gaben ihr ein seltsames, elfenhaftes Aussehen. Ihr schwarzer Overall schien mit elektrischen Funken zu changieren und floß über ihre Haut wie Wasser — Abendkleidung während des Tageszyklus. Schwarze Schuhe mit dünnen Absätzen machten sie ein paar unbedeutende Zentimeter größer. Ihre Lippen waren blutrot karmin gefärbt, passend zu dem schimmernden Tuch, das um den alabasterfarbenen Hals geschlungen war und so von beiden Schultern herabfiel, daß es die nackte weiße Haut ihres Rückens einrahmte. Sie sah … kostspielig aus. Sie fing Miles’ faszinierten Blick auf, hob ihr Kinn und blickte kühl zurück.
»Victor Roma?« Die Stimme neben ihm ließ Miles aufschrekken.
»Ah … Mr. Liga?« Miles wandte sich schnell um. Kaninchenhafte, bleiche Gesichtszüge, eine vorstehende Lippe, schwarzes Haar: dies war der Mann, der behauptete, er wolle die Bewaffnung seiner Sicherheitswachen auf seiner Asteroidenbergwerksanlage verbessern. Gewiß.
Wie — und wo — hatte Ungari Liga aufgegabelt? Miles war sich nicht sicher, ob er das überhaupt wissen wollte.
»Ich habe einen privaten Raum für unser Gespräch reserviert«, sagte Liga lächelnd und wies mit dem Kopf auf den Eingang eines Gastquartiers in der Nähe. »Nicht wahr«, fügte Liga hinzu, »es sieht aus, als würde alle Welt heute vormittag Geschäfte machen.«
Er nickte in Richtung auf das Trio auf der anderen Seite der Halle, das jetzt zu einem Quartett geworden war und sich entfernte. Die Enden des Halstuches flatterten wie Fahnen hinter der schnell davonschreitenden Blondine her.
»Wer war diese Frau?«, fragte Miles.
»Ich weiß es nicht«, sagte Liga. »Aber der Mann, hinter dem die drei hergehen, ist Ihr Hauptkonkurrent hier. Der Agent des Hauses Fell, der jacksonischen Rüstungsspezialisten.«
Er sah mehr wie der Typ eines Geschäftsmannes in mittleren Jahren aus, zumindest von hinten. »Pol läßt die Jacksonier hier operieren?«, fragte Miles. »Ich dachte, es gäbe zwischen ihnen starke Spannungen.«
»Zwischen Pol, Aslund und Vervain, ja«, sagte Liga. »Das Konsortium von Jackson’s Whole beteuert laut seine Neutralität. Sie hoffen, von allen Seiten profitieren zu können. Aber hier ist nicht der beste Ort, um über Politik zu reden. Gehen wir hinein, oder?«
Wie Miles erwartet hatte, etablierte Liga sie in einem ansonsten nicht belegten Zimmer des Quartiers, das er speziell für diesen Zweck gemietet hatte. Miles begann sein auswendig gelerntes Verkaufsgespräch, handelte die Handwaffen ab und quasselte etwas über verfügbare Vorräte und über Liefertermine daher.
»Ich hatte gehofft«, sagte Liga, »etwas … Maßgeblicheres zu sehen.«
»Ich habe eine andere Auswahl von Mustern an Bord meines Schiffes«, erklärte Miles. »Ich wollte den polianischen Zoll nicht damit belästigen. Aber ich kann Ihnen einen Überblick per Vid geben.«
Miles führte das Handbuch über schwere Waffen vor. »Dieses Vid dient natürlich nur zur Information, denn der Besitz dieser Waffen durch Privatpersonen ist im polianischen Lokalraum illegal.«
»Im Raum von Pol, ja«, stimmte Liga zu. »Aber die Gesetze von Pol gelten nicht in der Hegen-Nabe. Noch nicht. Alles, was Sie tun müssen, ist, von Pol Sechs abzulegen und einen kleinen Flug über die Zehntausend-Kilometer-Grenze für Handelskontrolle hinaus zu unternehmen, wo Sie vollkommen legal jede Art von Geschäft machen können, die Sie wollen. Das Problem entsteht dann, wenn Sie die Fracht zurück in den lokalen Raum von Pol liefern wollen.«
»Schwierige Lieferungen sind eine meiner Spezialitäten«, versicherte ihm Miles. »Für einen kleinen Aufschlag, natürlich.«
»Wie? — Na gut …« Liga blätterte den Vidkatalog schnell durch. »Diese Hochleistungsplasmabögen, nun … wie sind die im Vergleich zu den Nervendisruptoren der Geschützstufe?«
Miles hob die Schultern. »Das hängt ganz davon ab, ob Sie nur Menschen wegpusten wollen, oder Menschen und Hab und Gut. Ich kann Ihnen einen sehr guten Preis für die Nervendisruptoren machen.«
Er nannte eine Zahl in polianischen Credits.
»Ich habe schon ein besseres Angebot bekommen, kürzlich, für ein Gerät mit der gleichen Kilowatt-Leistung«, erwähnte Liga desinteressiert.
»Aber sicher!«, lächelte Miles. »Das Gift kostet ein Credit, das Gegengift einhundert Credits.«
»Was soll das bedeuten, hä?«, fragte Liga mißtrauisch. Miles entrollte sein Jackenrevers, fuhr mit dem Daumen an der Unterseite entlang und zog eine winzige Viddiskette hervor.
»Schauen Sie sich das mal an.« Er legte die Diskette in den Vidprojektor ein. Eine Figur wurde lebendig und drehte eine Pirouette. Sie war vom Kopf bis zu den Finger- und Zehenspitzen in etwas gekleidet, was wie ein glitzerndes, hautenges Netz erschien.
»Ein bißchen zugig für lange Unterwäsche, was?«, sagte Liga skeptisch.
Miles lächelte gequält. »Was Sie hier sehen, würde jede bewaffnete Macht in der Galaxis gern in die Finger bekommen. Das perfekte Schutznetz für Einzelpersonen gegen Nervendisruptoren. Der neueste technologische Trumpf von Kolonie Beta.«
Ligas Augen weiteten sich. »Ich höre zum erstenmal, daß so etwas auf dem Markt ist.«
»Nicht auf dem offenen Markt. Diese hier sind gewissermaßen private Vorverkäufe.« Kolonie Beta machte nur für seine zweit- oder drittneuesten Errungenschaften Reklame, allen anderen immer ein paar Schritte in Forschung und Entwicklung vorauszusein war schon seit einigen Generationen die besondere Masche dieses rauhen Planeten. Zu gegebener Zeit würde Kolonie Beta sein neues Produkt in der ganzen Galaxis vermarkten. In der Zwischenzeit jedoch …
Liga leckte seine aufgeworfene Unterlippe. »Wir verwenden Nervendisruptoren sehr viel.«
Für Sicherheitswachen? Ganz recht, sicherlich. »Ich habe einen begrenzten Vorrat an Schutznetzen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.«