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Miles war jetzt ein Offizier des Kaiserlichen Sicherheitsdienstes, egal wie untergeordnet oder in Ungnade gefallen. Und die mit heiligen Eiden beschworene Pflicht des Sicherheitsdienstes war die Sicherheit des Kaisers. Der Kaiser, Barrayars Symbol der Einheit. Gregor, widerwilliges Fleisch, das in diese Form gepreßt wurde. Symbol, Fleisch, welches von beiden beanspruchte Miles’ Loyalität? Beide. Er gehört mir. Ein Gefangener auf der Flucht, von Gott weiß was für Feinden verfolgt, in selbstmörderischer Depression, und ganz mein. Miles würgte ein irres Gelächter hinunter.

KAPITEL 10

Als die Nachwirkungen der Schockstabbehandlung nachließen und Miles wieder nachdenken konnte, erkannte er bald, daß er sich verstecken mußte. Aufgrund seiner Stellung als Kontraktsklave hätte Gregor auf dem ganzen Weg bis zur Aslund-Station eine warme Unterkunft, Verpflegung und Sicherheit, wenn Miles ihn nicht gefährdete. Vielleicht. Miles erweiterte die Liste der Lektionen seines Lebens um Regel 27B: »Treffe niemals wesentliche taktische Entscheidungen, während du elektrokonvulsive Anfälle hast!«

Miles untersuchte die Kabine. Das Schiff war nicht für den Gefangenentransport gebaut, die Kabine war für billigen Transport entworfen worden, nicht als gesicherte Zelle. Die leeren Vorratsschrän ke unter den beiden Doppelstockkojen waren zu groß und als Versteck zu offensichtlich.

Eine Bodenplatte konnte hochgehoben werden, dann hatte man Zugang zu den zwischen den Decks befindlichen Steuer-, Kühlwasser- und Stromleitungen und zum Gravitationsgitter. Dieser Zwischenraum war lang, eng, flach … Rauhe Stimmen auf dem Korridor beschleunigten Miles’ Entschluß. Er drückte sich in das bißchen Platz, mit dem Gesicht nach oben und den Armen dicht an seinen Seiten, und atmete aus.

»Du warst immer gut beim Versteckspielen«, sagte Gregor bewundernd und drückte die Platte wieder an ihren Platz.

»Damals war ich kleiner«, murmelte Miles mit gequetschten Backen. Rohre und Schaltkästen drückten in seinen Rücken und sein Gesäß. Gregor machte die Halterungen wieder fest, und alles war ein paar Minuten lang dunkel und still. Wie in einem Sarg. Wie eine gepreßte Blume. Eine Art biologisches Musterexemplar jedenfalls. Konservierter Fähnrich.

Die Tür öffnete sich zischend. Schritte gingen über Miles’ Körper hinweg und drückten ihn noch weiter zusammen. Würde man merken, daß an diesem Teil des Bodens das Echo gedämpft war?

»Auf die Beine, Techie.« Die Stimme eines Wächters, an Gregor gerichtet. Bumsen und Knallen: die Matratzen wurden herumgeschleudert und die Schranktüren aufgerissen. Ja, er hatte recht gehabt: die Schränke waren nutzlos.

»Wo ist er, Techie?« Aus der Richtung der schleifenden Geräusche schloß Miles, daß Gregor jetzt an der Wand stand, mit einem Arm hinter seinen Rücken gedreht.

»Wo ist wer?«, sagte Gregor in einem undeutlichen Ton. Gesicht gegen die Wand, das erklärte alles.

»Dein kleiner Mutantenkumpel.«

»Der komische kleine Kerl, der mir hier herein gefolgt ist? Der ist kein Kumpel von mir. Er ist abgehauen.«

Mehr schleifende Geräusche — »Au!« Der Arm des Kaisers war soeben weitere fünf Zentimeter höher gedreht worden, schätzte Miles.

»Wohin ist er gegangen?«

»Ich weiß es nicht! Er sah nicht so gut aus. Irgend jemand hat ihn mit einem Schockstab behandelt. Kürzlich. Ich wollte da nicht hineingezogen werden. Er ist wieder abgezogen, ein paar Minuten, bevor wir abgelegt haben.«

Guter Gregor! Er war vielleicht deprimiert, aber nicht dumm. Miles’ Kopf war seitwärts gedreht, die eine Wange gegen den Boden über ihm gepreßt, die andere gegen etwas gedrückt, das sich wie eine Käsereibe anfühlte. Er versuchte zu grinsen.

Noch mehr dumpfe Schläge. »Ich sag’s euch doch! Er ist abgezogen! Schlagt mich nicht!«

Unverständliches Knurren der Wachen, das Knistern eines Schockstabes, ein vernehmliches Atemholen, ein Geräusch, als plumpste ein zusammengerollter Körper auf eine der unteren Bettstellen.

In der Stimme eines zweiten Wächters klang Unsicherheit an: »Er muß wieder kehrtgemacht haben, zurück zum Konsortium, bevor wir abgelegt haben.«

»Deren Problem, gut. Aber wir sollten besser das ganze Schiff durchsuchen, um sicher zu sein. Die Leute von der Haftabteilung haben so getan, als würden sie uns wegen dem eins auf den Dekkel geben.«

»Auf den Deckel geben oder auf den Deckel bekommen?«

»Ha. Ich geh da keine Wetten ein.«

Die Stiefelschritte — zwei Paar Stiefel, schätzte Miles — bewegten sich auf die Kabinentür zu. Die Tür schloß sich zischend. Schweigen.

Miles kam zu dem Schluß, er würde wirklich eine bemerkenswerte Sammlung von blauen Flecken auf seinem Hinterteil haben, sobald Gregor dazu käme, den Deckel hochzuheben. Da sein Brustkorb eingequetscht war, konnte er nur halbe Atemzüge tun. Er mußte pinkeln. Komm endlich, Gregor …

Sicherlich mußte er nach ihrer Ankunft auf der Aslund-Station Gregor so bald wie möglich aus seinem Sklavenarbeitskontrakt befreien.

Kontraktarbeiter dieser Ordnung wurden mit den schmutzigsten und gefährlichsten Arbeiten betraut, waren am meisten radioaktiver Strahlung ausgesetzt, zweifelhaften Life-SupportSystemen und langen, erschöpfenden, unfallträchtigen Arbeitsstunden. Allerdings war dies auch ein Inkognito, das kein Feind schnell durchschauen würde.

Sobald sie sich frei bewegen konnten, mußten sie Ungari finden, den Mann mit den Kreditkarten und den Kontakten, danach — nun gut, danach wäre Gregor Ungaris Problem, oder? Ja, alles einfach, richtig und genau. Kein Grund, in Panik auszubrechen.

Hatten sie Gregor mitgenommen? Sollte er es wagen, sich selbst zu befreien und zu riskieren …

Schlurfende Schritte. Der Lichtspalt weitete sich. Sein Deckel wurde hochgehoben. »Sie sind weg«, flüsterte Gregor. Miles erhob sich aus seiner Gußform, einen schmerzvollen Zentimeter nach dem anderen, und kletterte hinaus auf den Boden, wo er eine Verschnaufpause einlegen konnte. Noch eine kleine Weile, dann würde er versuchen aufzustehen.

Gregor hielt eine Hand auf ein rotes Mal auf seiner Wange gedrückt. Dann ließ er sie befangen sinken.

»Sie haben mich mit einem Schockstab geschlagen. Es … war nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte.« Womöglich war er ein bißchen stolz auf sich.

»Sie haben Schwachstrom benutzt«, knurrte Miles zu ihm hinauf.

Gregors Gesicht wurde maskenhafter. Er hielt Miles eine Hand hin, um ihn hochzuziehen. Miles nahm sie, kam grunzend auf die Füße und plumpste auf ein Bett. Er erzählte Gregor von seinem Plan, Ungari zu finden.

Gregor zuckte die Achseln, dumpf ergeben. »Sehr gut. Das wird schneller gehen als bei meinem Plan.«

»Dein Plan?«

»Ich wollte den Konsul von Barrayar auf Aslund kontaktieren.«

»Oh. Gut.« Miles sank zusammen. »Ich vermute, du … brauchtest meine Befreiung gar nicht wirklich,«

»Ich hätte es auch allein schaffen können. Ich bin schon so weit gekommen. Aber … da war dann noch mein anderer Plan.«

»Oh?«

»Nicht den Konsul von Barrayar zu kontaktieren … Vielleicht ist es doch gut, daß du gerade zu diesem Zeitpunkt aufgetaucht bist.« Gregor legte sich auf seinem Bett zurück und starrte blind nach oben. »Eins ist sicher, eine Gelegenheit wie diese wird nie wieder kommen.«

»Zu fliehen? Und wie viele würden zu Hause sterben, um deine Freiheit zu erkaufen?«

Gregor schürzte die Lippen. »Wenn man Vordarians Griff nach dem Thron als Maßstab für Palastrevolten nimmt — sagen wir mal, sieben- oder achttausend.«