»Du zählst nicht die auf Komarr mit.«
»Ach ja. Die von Komarr dazuzurechnen würde die Zahl vergrößern«, gestand Gregor zu. Sein Mund zuckte mit einer Ironie, der es völlig an Humor fehlte. »Mach dir keine Sorgen, ich meine das nicht ernst. Ich wollte es … nur wissen. Ich hätte es allein geschafft, glaubst du nicht?«
»Natürlich! Das ist nicht die Frage.«
»War es aber für mich.«
»Gregor«, Miles’ Finger trommelten frustriert auf sein Knie. »Du tust dir das selbst an. Du hast wirkliche Macht. Papa hat während der ganzen Regentschaft dafür gekämpft, sie dir zu bewahren. Bemühe dich nur um eine positivere Einstellung!«
»Und, Fähnrich, wenn ich, dein oberster Befehlshaber, dir befehlen würde, dieses Schiff auf der Aslund-Station zu verlassen und zu vergessen, daß du mich je gesehen hast, würdest du das tun?«
Miles schluckte. »Major Cecil sagte, ich hätte ein Problem mit der Unterordnung.«
Gregor grinste fast. »Guter alter Cecil. Ich erinnere mich an ihn.« Sein Grinsen verschwand. Er stützte sich auf einen Ellbogen hoch. »Aber wenn ich nicht einmal über einen ziemlich kleinen Fähnrich gebieten kann, um wieviel weniger dann über eine Armee oder eine Regierung?
Macht ist nicht die Frage. Ich habe alle Vorträge deines Vaters über Macht gehört, über ihre Illusionen und ihren Gebrauch. Sie wird mir mit der Zeit zukommen, ob ich sie will oder nicht. Aber habe ich die Stärke, um mit ihr umzugehen? Denk nur an die schlechte Figur, die ich vor vier Jahren während Vordrozdas und Hessmans Komplott abgegeben habe.«
»Wirst du diesen Fehler noch einmal begehen? Einem Schmeichler zu vertrauen?«
»Den nicht mehr, nein.«
»Also gut dann.«
»Aber ich muß es besser machen. Sonst wäre es für Barrayar genauso schlecht, wie wenn es überhaupt keinen Kaiser gäbe.«
Wie unabsichtlich war dieser Sturz vom Balkon denn wirklich gewesen? Miles knirschte mit den Zähnen. »Ich habe deine Frage — über Befehle — nicht als Fähnrich beantwortet. Ich habe sie als Lord Vorkosigan beantwortet. Und als Freund.«
»Aha.«
»Schau, du brauchst keine Befreiung durch mich. So wie die Dinge stehen. Durch Illyan vielleicht, durch mich nicht. Aber es gibt mir ein besseres Gefühl.«
»Es ist immer ein schönes Gefühl, nützlich zu sein«, stimmte Gregor zu. Sie lächelten sich unsicher an. Gregors Lächeln verlor seine Bitterkeit. »Und … es ist schön, Gesellschaft zu haben.«
Miles nickte. »Das ist wahr.«
Während der nächsten beiden Tage verbrachte Miles ziemlich viel Zeit zusammengequetscht unter dem Boden oder in einen Schrank gekauert, aber ihre Kabine wurde nur einmal durchsucht, und das sehr früh.
Zweimal kamen andere Gefangene herein, um mit Gregor zu plaudern, und einmal erwiderte Gregor, auf Miles’ Anregung hin, den Besuch.
Gregor verhielt sich wirklich ganz gut, dachte Miles. Er teilte seine Rationen automatisch mit Miles, ohne Beschwerde oder irgendeinen Kommentar, und wollte auch keine größere Portion annehmen, obwohl Miles sie ihm aufdrängte.
Sobald das Schiff an der Aslund-Station angedockt hatte, wurde Gregor mit dem Rest der Arbeitsmannschaft hinausgetrieben. Miles wartete nervös und versuchte, so lange wie möglich an Bord zu bleiben, bis das Schiff zur Ruhe kam und die Besatzung nicht mehr achtgab, aber doch nicht so lange, daß er riskierte, daß das Schiff wieder ablegte und mit ihm davonbrauste.
Als Miles seinen Kopf vorsichtig hinaus streckte, war der Korridor dunkel und verlassen. Die Andockluke war auf dieser Seite unbewacht.
Miles trug immer noch den blauen Kittel und die blauen Hosen über seinen anderen Kleidern, da er annahm, die Arbeitstrupps würden als Kalfakter behandelt, mit freiem Zugang zur Station, und er könnte sich so unter sie mischen, daß es zumindest aus der Entfernung gesehen nicht auffiel.
Er trat mit festem Schritt nach draußen und geriet fast in Panik, als er einen Mann in der goldenschwarzen Hauslivree vor dem Lukenausgang herumstehen sah. Der Mann hatte seinen Betäuber im Halfter, in den Händen hielt er einen dampfenden Plastikbecher. Seine schielenden roten Augen betrachteten Miles ohne Neugier. Miles schenkte ihm ein kurzes Lächeln und ging einfach weiter. Der Wächter antwortete mit einem sauren Gesicht. Offensichtlich war seine Aufgabe, Fremde vom Betreten des Schiffes abzuhalten, nicht vom Verlassen.
Jenseits der Luke, in der Ladebucht der Station, hielt sich ein halbes Dutzend in Overalls gekleidete Wartungstechniker auf, die ruhig an dem einen Ende arbeiteten. Miles holte tief Atem und spazierte beiläufig durch die Bucht, ohne sich umzuschauen, als wüßte er genau, wohin er ginge. Nur ein Laufbursche. Niemand grüßte ihn.
Sicherer geworden, ging er jetzt entschlossen aufs Geratewohl los. Eine breite Rampe führte in eine große Halle, wo mit viel Lärm noch gebaut wurde und Teams in verschiedener Kleidung geschäftig bei der Arbeit waren — an einer Bucht zum Auftanken und Reparieren von Kampfschiffen, nach der halb montierten Anlage zu schließen. Genau die Art von Objekt, die Ungari interessierte.
Miles vermutete, daß er nicht soviel Glück haben würde, um … nein. Es gab kein Anzeichen dafür, daß Ungari verkleidet bei einer dieser Mannschaften war. Miles sah auch eine Anzahl von Männern und Frauen in den dunkelblauen Militäruniformen der Aslunder, aber sie schienen überarbeitete und ganz in Anspruch genommene Ingenieure zu sein, keine mißtrauischen Wachen. Er ging trotzdem zügig weiter in einen anderen Korridor.
Er fand ein Aussichtsportal, dessen durchsichtiges Plexiglas auswärts gebaucht war, um den Vorübergehenden einen Weitwinkelausblick zu gewähren. Er setzte einen Fuß auf den unteren Rand und lehnte sich ganz beiläufig vor — und schluckte ein paar kräftige Flüche herunter. Einige Kilometer entfernt glitzerte die kommerzielle Transitstation. Als winziger funkelnder Lichtpunkt dockte gerade eben ein Schiff an. Die militärische Station war anscheinend als getrennte Einrichtung geplant, oder zumindest noch nicht mit der anderen Station verbunden. Kein Wunder, daß hier die Blaukittel nach Belieben herumwandern konnten. Miles starrte leicht frustriert über den Abgrund. Nun gut, zuerst würde er diese Station hier nach Ungari durchsuchen, die andere dann später. Irgendwie. Er wandte sich um und …
»He du! Kleiner Techie!«
Miles erstarrte und unterdrückte den Reflex loszusprinten — diese Taktik hatte ja schon beim letztenmal nicht funktioniert —, drehte sich um und versuchte, einen höflich fragenden Ausdruck auf seinem Gesicht zu zeigen. Der Mann, der ihm zugerufen hatte, war groß, aber unbewaffnet und trug den gelbbraunen Overall eines Aufsehers. Er schaute beunruhigt drein.
»Ja, Sir?« sagte Miles.
»Du bist genau der, den ich brauche.« Die Hand des Mannes fiel schwer auf Miles’ Schulter. »Komm mit mir!«
Miles folgte gezwungenermaßen und versuchte, dabei ruhig zu bleiben und vielleicht nur etwas gelangweilt und verdrossen auszusehen.
»Worauf bist du spezialisiert?« fragte der Mann.
»Kanalisation«, gab Miles an.
»Perfekt!«
Verzweifelt folgte Miles dem Mann zu einer Stelle, wo zwei halbfertige Korridore aufeinandertrafen. Da gähnte ein Torbogen, roh und ohne die Verkleidung mit Preßteilen. Allerdings lagen die Preßteile daneben, bereit zum Einbau.
Der Aufseher zeigte auf einen engen Zwischenraum zwischen zwei Wänden. »Siehst du das Rohr?«
Kanalisation, nach der grauen Farbgebung zu schließen, Luft und Gravitationsmittel wurden da durchgepumpt. Das Rohr verschwand in der Dunkelheit. »Ja?«
»Da ist irgendwo ein Leck, hinter dieser Korridorwand. Kriech rein und finde es, damit wir nicht wieder diese ganze Verkleidung runterreißen müssen, die wir gerade angebracht haben.«
»Haben Sie ein Licht?«
Der Mann fischte in seinen Overalltaschen und holte ein Handlicht heraus.