»In Ordnung«, seufzte Miles. »Ist es schon angeschlossen?«
»Sollte gerade werden. Bei dem verdammten Ding hat der Abschlußtest für Druck nicht hingehauen.«
Nur Luft würde also ausgestoßen werden. Miles’ Stimmung hob sich leicht. Vielleicht war sein Glück gerade dabei, sich zu wenden.
Er schlüpfte hinein und bewegte sich auf der glatten, runden Oberfläche des Rohres zentimeterweise voran, lauschend und tastend.
Nach etwa sieben Metern fand er es: kalte Luft kam aus einem Riß unter seinen Händen, ganz deutlich. Er schüttelte den Kopf, versuchte sich in dem engen Zwischenraum umzudrehen und trat dabei mit dem Fuß durch die Verkleidung.
Erstaunt steckte er seinen Kopf zu dem Loch hinaus, das so entstanden war, und blickte den Korridor hinauf und hinab. Er riß ein Stückchen der Verkleidung vom Rand des Loches ab und starrte es an, während er es in seinen Händen drehte.
Zwei Männer, die mit funkensprühenden Werkzeugen Beleuchtungskörper anbrachten, wandten sich um und schauten auf ihn.
»Was, zum Teufel, machst du da?«, sagte einer in einem gelbbraunen Overall. Es klang empört.
»Inspektion zur Qualitätskontrolle«, sagte Miles schlagfertig, »und, mein Lieber, da habt ihr ein Problem.«
Miles überlegte, ob er das Loch vergrößern, durchkriechen und zu seinem Ausgangspunkt zurückgehen sollte, aber dann drehte er sich statt dessen um und robbte langsam auf dem Rohr zurück. Neben dem besorgt wartenden Aufseher kam er wieder heraus, »Ihr Leck ist in Abschnitt Sechs«, berichtete Miles. Dann überreichte er dem Mann das Stück von der Verkleidung. »Wenn diese Korridorpaneele aus brennbarem Faserstoff sein sollen anstatt aus gesponnenem Siliziumdioxid, und das auf einer militärischen Einrichtung, die feindlichem Feuer standhalten soll, dann hat irgend jemand einen wirklich jämmerlichen Konstrukteur engagiert. Wenn sie nicht aus Faserstoff sein sollen — dann schlage ich vor, daß Sie sich ein paar von den großen Schlägertypen mit dem Schockstäben nehmen und Ihrem Lieferanten einen Besuch abstatten.«
Der Aufseher fluchte. Mit zusammengepreßten Lippen griff er nach dem nächsten Rand der Verkleidung an der Wand und drehte kräftig.
Ein faustgroßes Stück knackte und riß ab. »Sauerei. Wieviel ist schon von diesem Zeug verbaut?«
»Jede Menge«, bemerkte Miles fröhlich. Er wandte sich ab, um zu entkommen, bevor der Aufseher, der Fragmente von der Verkleidung abriß und leise vor sich hin brummelte, an eine andere Arbeit für ihn dachte. Mit rotem Kopf und schwitzend rannte Miles los und entspannte sich erst, als er die übernächste Ecke umrundet hatte. Er kam an zwei bewaffneten Männern in grauweißen Uniformen vorbei. Einer drehte sich um und blickte ihm nach.
Miles lief einfach weiter, die Zähne auf die Unterlippe gepreßt, und schaute nicht zurück. Dendarii! oder: Oserer! Hier, an Bord dieser Station — wie viele, wo? Diese beiden waren die ersten, die er gesehen hatte. Sollten sie nicht irgendwo draußen auf Patrouille sein? Er wünschte sich, er wäre wieder zwischen den Wänden, wie eine Ratte in der Wandverkleidung. Aber wenn die meisten der Söldner hier eine Gefahr für ihn waren, so gab es doch jemanden — echte Dendarii, nicht Oserer —, der ihm helfen konnte. Falls er Kontakt herstellen konnte. Falls er es wagte, Kontakt herzustellen. Elena … er könnte Elena ausfindig machen … Seine Phantasie eilte ihm davon.
Miles hatte Elena vor vier Jahren als Ehefrau von Baz Jesek zurückgelassen, als Tungs militärische Schülerin, unter soviel Schutz, wie er ihr zu jener Zeit besorgen konnte. Aber er hatte keine Nachrichten mehr von Baz bekommen, seit Oser mit seinem Coup das Kommando an sich gebracht hatte — fing vielleicht Oser ihre Botschaften ab?
Baz war nun degradiert, Tung anscheinend in Ungnade gefallen — welche Stellung hatte Elena jetzt in der Söldnerflotte inne? Welche Stellung in seinem Herzen? Er hielt in schwerem Zweifel an. Er hatte sie einmal leidenschaftlich geliebt. Einmal hatte sie ihn besser gekannt als jeder andere Mensch. Aber ihr Bann über sein Gemüt war vergangen, wie seine Trauer über ihren toten Vater, Sergeant Bothari. Vergangen in den Aufregungen seines neuen Lebens. Außer einem gelegentlichen Schmerz, wie bei einem alten Knochenbruch. Er wollte — wollte nicht — sie wiedersehen. Wieder mit ihr sprechen. Sie wieder berühren …
Aber mehr ans Praktische gedacht: sie würde Gregor erkennen, sie waren in ihrer Kindheit alle Spielkameraden gewesen. Eine zweite Verteidigungslinie für den Kaiser? Wieder Kontakt mit Elena aufzunehmen mochte emotional unangenehm sein — nun ja, emotional verheerend. Aber es war besser als dieses erfolglose und gefährliche Herumwandern. Nachdem er nun die Lage ausgekundschaftet hatte, mußte er irgendwie seine Ressourcen in Position bringen. Wieviel menschliche Glaubwürdigkeit besaß Admiral Naismith noch? Eine interessante Frage.
Er mußte einen Platz finden, von dem aus er beobachten konnte, ohne gesehen zu werden. Es gab alle möglichen Methoden, in voller Sicht unsichtbar zu sein, wie sein blauer Kittel im Augenblick bewies. Aber seine ungewöhnliche Körpergröße — nun ja, Körperkürze — ließ ihn zögern, sich nur auf Kleider zu verlassen. Er brauchte — ha! — Werkzeuge, wie zum Beispiel den Kasten, den ein Mann in gelbbraunem Overall gerade im Korridor abgesetzt hatte, bevor er in einen Waschraum schlüpfte. Im Nu hatte Miles den Kasten in der Hand und war um die Ecke.
Ein paar Ebenen entfernt fand er einen Korridor, der zu einer Cafeteria führte. Hm. Jeder mußte essen, deshalb mußte jeder irgendwann einmal hier vorbeikommen. Die Gerüche der Speisen erregten seinen Magen, der mit Knurren gegen die halben Rationen (oder noch weniger) der letzten drei Tage protestierte.
Miles ignorierte das Knurren. Er zog ein Paneel von der Wand, legte eine Schutzbrille aus dem Werkzeugkasten als bescheidene Gesichtsverkleidung an, kletterte in die Wand hinein, um seine Körpergröße zur Hälfte zu verbergen und begann mit einer vorgeblichen Arbeit an einem Steuerkasten und einigen Rohren, wobei er dekorativ diagnostische Scanner angeordnet hatte. Er hatte den Korridor entlang eine ausgezeichnete Sicht.
Aus den herangewehten Düften schloß Miles, daß man in der Cafeteria ein ungewöhnlich gutes künstliches Rindfleisch servierte, obwohl man da dem Gemüse etwas Böses antat. Er bemühte sich, keinen Speichel in den Strahl des kleinen Laserlötgeräts tropfen zu lassen, mit dem er hantierte, während er die Vorübergehenden studierte.
Sehr wenige trugen Zivilkleidung, Rothas Outfit wäre viel auffälliger gewesen als der blaue Kittel. Eine Menge von verschiedenfarbigen Overalls, blaue Kittel, ein paar ähnliche Kittel in Grün, nicht wenige Aslunder in blauen Uniformen, meistens niedere Ränge. Aßen die Dendarii — die Oserer — die Söldner —, die auf der Station waren, woanders? Er überlegte, ob er seinen Vorposten aufgeben sollte — er hatte die Steuerkästen inzwischen fast zu Tode repariert —, als ein Duo in Grau und Weiß vorüberging. Da es keine Gesichter waren, die er kannte, ließ er sie vorbeigehen, ohne sie anzurufen.
Er erwog zögernd die Chancen. Von all den paar tausend Söldnern, die sich jetzt rund um den Wurmlochsprungpunkt der Aslunder aufhielten, mochte er vielleicht ein paar hundert vom Sehen kennen, noch weniger dem Namen nach. Nur einige der Schiffe der Söldnerflotte waren jetzt an dieser halbfertigen militärischen Station angedockt. Und von diesem Teil eines Teils, wie vielen Leuten konnte er absolut vertrauen? Fünf? Er ließ ein Quartett in Grau und Weiß passieren, obwohl er sicher war, daß die ältere blonde Frau eine Ingenieurin von der Triumph war, die einst loyal zu Tung gehalten hatte. Einst. Er bekam allmählich einen Bärenhunger.
Aber das lederfarbene Gesicht an der Spitze der nächsten Gruppe in Grau und Weiß, die den Korridor hinabging, ließ Miles seinen Magen vergessen. Es war Sergeant Chodak. Sein Glück hatte sich gewendet — vielleicht. Für sich selbst mußte er die Chance ergreifen, aber Gregor in Gefahr bringen …? Jetzt war es zu spät, noch lange Überlegungen anzustellen, denn jetzt hatte Chodak seinerseits Miles erspäht. Die Augen des Sergeanten weiteten sich vor Erstaunen, bevor sein Gesicht jäh ausdruckslos wurde.