Er verfluchte sein schlechtes Urteilsvermögen. Du dachtest, du könntest die Leute durchschauen. Dein einziges vorführbares Talent. Richtig. Sicher. Hätte sollen, hätte sollen, hätte sollen, spottete sein Geist, wie das Krächzen eines üblen aasfressenden Vogels, der an einem Kadaver überrascht worden ist.
Als sie durch eine große Andockbucht und eine kleine Personalluke geschleppt wurden, wußte er sofort, wo sie waren. Die Triumph, das kleine Schlachtschiff, das gelegentlich als Flaggschiff der Flotte gedient hatte, erfüllte jetzt wieder diesen Dienst.
Tung, dessen Status jetzt zweifelhaft war, war einst vor dem Krieg von Tau Verde Kapitän-Eigner der Triumph gewesen. Oser hatte gewöhnlich seine Peregrine als Flaggschiff vorgezogen — war dies eine bewußte politische Aussage? Die Korridore des Schiffes waren von einer seltsamen, schmerzlichen, mächtigen Vertrautheit. Die Gerüche von Menschen, Metall und Maschinerie. Dieser verbogene Durchgang, Auswirkung des verrückten Kampfes, mit dem das Schiff bei der ersten Begegnung mit Miles erobert worden war, war immer noch nicht ganz in Ordnung gebracht … Ich dachte, ich hätte mehr vergessen.
Sie wurden schnell und geheim vorangebracht, zwei Männer aus dem Kommando gingen voran, um den Korridor vor ihnen von Zeugen freizuhalten. Dies wäre dann also eine sehr private Unterhaltung. Schön, das paßte Miles. Er hätte es vorgezogen, Oser überhaupt aus dem Weg zu gehen, aber wenn sie sich wieder begegnen mußten, dann würde er einfach eine Methode finden müssen, um daraus Nutzen zu ziehen.
Er überprüfte seine Rolle, als zöge er seine Manschetten zurecht — Miles Naismith, Weltraumsöldner und geheimnisvoller Unternehmer, in die Hegen-Nabe gekommen, um … um was? Und sein deprimierter, wenn auch treuer Kumpan Greg, natürlich — er würde sich eine besonders vorteilhafte Erklärung für Gregor ausdenken müssen.
Sie trampelten den Korridor entlang, vorbei am Taktikraum, dem Nervenzentrum der Triumph im Kampf, und kamen schließlich auf der gegenüberliegenden Seite im kleineren der beiden Besprechungsräume an. Die Holovidscheibe in der Mitte des glänzenden Konferenztisches war dunkel und still. Admiral Oser saß ebenso dunkel und still am Kopfende des Tisches, flankiert von einem bleichen blonden Mann, der, wie Miles annahm, ein Oser loyaler Leutnant war, er war Miles von früher nicht bekannt. Miles und Gregor wurden mit Gewalt auf zwei Stühle gesetzt, die etwas abseits vom Tisch standen, damit ihre Hände und Füße offen sichtbar waren. Oser schickte alle Wachen bis auf einen Mann hinaus auf den Korridor.
Osers Erscheinung hatte sich in den vier Jahren nicht viel verändert, stellte Miles fest. Immer noch hager und mit einem Falkengesicht, das dunkle Haar an den Schläfen vielleicht ein bißchen grauer. Miles hatte ihn größer in Erinnerung, aber er war in Wirklichkeit kleiner als Metzov. Oser erinnerte Miles irgendwie an den General. War es das Alter, der Körperbau? Der feindlich düstere Blick, die mörderischen Nadelspitzen roten Lichts in den Augen?
»Miles«, murmelte Gregor mit dem Mundwinkel, »was hast du dem Kerl angetan, daß er so stocksauer ist?«
»Nichts!« protestierte Miles leise. »Nichts absichtlich jedenfalls.«
Gregor sah keineswegs beruhigt drein. Oser legte seine Hände flach auf den Tisch vor sich, beugte sich vor und blickte Miles mit der Intensität eines Raubtiers an. Wenn Oser ein Tiger wäre, dann würde seine Schwanzspitze jetzt vor- und zurückzucken, stellte sich Miles vor.
»Was tun Sie hier?«, begann Oser unverblümt, ohne irgendeine Einleitung.
Sie haben mich hierher gebracht, wissen Sie das nicht? Es war nicht der richtige Zeitpunkt, den Schlaumeier zu spielen, nein. Miles war sich in hohem Maß der Tatsache bewußt, daß er nicht besonders gut aussah. Aber Admiral Naismith würde das nichts ausmachen, er war zu sehr auf sein Ziel fixiert. Naismith würde auch weitermachen, wenn er blau angemalt wäre, wenn er weitermachen müßte. Er antwortete ebenso unverblümt: »Ich wurde engagiert, um eine militärische Einschätzung der Hegen-Nabe zu erstellen, und zwar für einen interessierten Nichtkombattanten, der Transporte durch die Nabe durchführt.«
Das war die Wahrheit, und hier würde man sie sicher nicht glauben.
»Da meine Auftraggeber keine Lust haben, Bergungsexpeditionen auszurüsten, wollten sie rechtzeitig gewarnt werden, um ihre Bürger aus der Nabe abzuziehen, bevor die Feindseligkeiten ausbrechen. Nebenbei handle ich ein bißchen mit Waffen. Eine Tarnung, die sich selbst bezahlt macht.«
Osers Augen verengten sich. »Nicht Barrayar …«
»Barrayar hat seine eigenen Agenten.«
»So auch Cetaganda … Aslund fürchtet die Ambitionen von Cetaganda.«
»Das ist gut so.«
»Barrayar ist gleich weit entfernt.«
»Nach meiner fachlichen Meinung«, mit dem Wirrnetzfeld kämpfend verneigte Miles sich leicht in Richtung auf Oser und setzte sich dann wieder hin — Oser war fast daran, zurückzunikken, unterdrückte dann aber die Geste —, »ist Barrayar in dieser Generation keine Bedrohung für Aslund. Um die Hegen-Nabe zu kontrollieren, müßte Barrayar Pol kontrollieren. Mit der Terraformung seines eigenen zweiten Kontinents und der Erschließung des Planeten Sergyar hat Barrayar gegenwärtig eher zuviel Neuland. Und dann gibt es da noch das Problem, das widerspenstige Komarr im Zaum zu halten. Ein militärisches Abenteuer gegen Pol wäre gerade jetzt eine ernsthafte Überbeanspruchung von Barrayars menschlichen Ressourcen. Es ist billiger, befreundet zu sein, oder zumindest neutral.«
»Aslund fürchtet auch Pol.«
»Es ist unwahrscheinlich, daß die Polianer kämpfen, wenn sie nicht zuvor angegriffen wurden. Mit Pol Frieden zu halten, ist billig und leicht. Man braucht einfach nichts zu tun.«
»Und Vervain?«
»Ich habe noch keine Einschätzung von Vervain vorgenommen. Es ist der nächste Punkt auf meiner Liste.«
»So?« Oser lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Arme. Es war keine entspannte Geste. »Als Spion könnte ich Sie hinrichten lassen.«
»Aber ich bin kein feindlicher Spion«, antwortete Miles und simulierte Ungezwungenheit. »Ein freundlicher Neutraler oder — wer weiß? — ein potentieller Verbündeter.«
»Und Was für ein Interesse haben Sie an meiner Flotte?«
»Mein Interesse für die Denda… für die Söldner ist rein akademisch, das versichere ich Ihnen. Sie sind einfach ein Teil der Szenerie. Sagen Sie mir, wie sieht Ihr Vertrag mit Aslund aus?« Miles hob herausfordernd den Kopf, als wollte er fachsimpeln.
Beinahe hätte Oser ihm geantwortet, dann preßte er verärgert die Lippen zusammen. Wenn Miles eine Zeitbombe gewesen wäre, hätte er die Aufmerksamkeit des Söldners nicht totaler bannen können als jetzt.
»Ach, kommen Sie schon«, sagte Miles spöttisch in das länger werdende Schweigen. »Was könnte ich tun, ich allein mit einem Mann?«
»Ich erinnere mich an das letzte Mal. Sie kamen in den Lokalraum von Tau Verde mit einem Stab von vier Leuten. Vier Monate später diktierten Sie die Bedingungen. Also, was planen Sie jetzt?«
»Sie überschätzen meinen Einfluß. Ich habe nur Leuten weitergeholfen in die Richtung, in die sie sowieso gehen wollten. Ein Beschleuniger sozusagen.«
»Nicht für mich. Ich habe drei Jahre gebraucht, um den Boden wieder zu gewinnen, den ich verloren hatte. In meiner eigenen Flotte.«
»Es ist schwer, jedermann zu gefallen.« Miles fing Gregors Blick stummen Schreckens auf und dämpfte sich etwas. Wenn er es sich recht überlegte, so war Gregor nie Admiral Naismith begegnet, oder? »Selbst Sie hatten keinen ernsthaften Schaden.«
Oser preßte seine Kiefer noch heftiger aufeinander. »Und wer ist der da?« Er zeigte mit dem Daumen auf Gregor.
»Greg? Der ist nur mein Offiziersbursche«, sagte Miles, bevor Gregor den Mund auftun konnte.
»Er schaut nicht wie ein Bursche aus. Er sieht aus wie ein Offizier.«