Ich bin es, wenn ich Gregor nicht zurückbringe. Miles schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Ich kann darüber nicht sprechen. Ich muß nach …«
Pol war ihm versperrt, die Station des Konsortiums blockiert und Aslund jetzt noch gefährlicher geworden, »Vervain.« Er blickte zu Elena. »Bringt uns beide nach Vervain.«
»Arbeitest du für die Vervani?«, fragte Tung.
»Nein.«
»Für wen dann?« Tungs Hände zuckten, so angespannt ob seiner Neugierde, daß es schien, als wollten sie mit roher Gewalt Informationen aus Miles herausquetschen.
Auch Elena bemerkte die unbewußte Geste. »Ky, laß das«, sagte sie scharf. »Wenn Miles Vervain haben will, dann soll er Vervain bekommen.«
Tung blickte auf Elena, auf Mayhew. »Unterstützt ihr ihn oder mich?«
Elena hob ihr Kinn. »Wir sind beide durch Eid an Miles gebunden. Auch Baz.«
»Und du fragst mich, warum ich dich brauche?«, sagte Tung erregt zu Miles und zeigte auf das Paar. »Was ist dieses größere Spiel, über das ihr alle alles zu wissen scheint und ich nichts?«
»Ich weiß überhaupt nichts«, piepste Mayhew, »ich halte mich einfach an Elena.«
»Ist das eine Befehlskette oder eine Kette der Leichtgläubigkeit?«
»Gibt es da einen Unterschied?«, erwiderte Miles grinsend.
»Du hast uns enttarnt, indem du hierhergekommen bist«, argumentierte Tung. »Denk mal nach! Wir helfen dir, du haust ab, und wir bleiben zurück, Osers Wut ausgeliefert. Es gibt schon zu viele Zeugen. Mit einem Sieg kann man Sicherheit gewinnen, aber nicht mit halben Sachen.«
Miles schaute voller Schmerz auf Elena und stellte sich ganz lebhaft im Licht seiner jüngsten Erfahrungen vor, wie sie von gemeinen, hirnlosen Schlägern aus einer Luftschleuse gestoßen wurde. Tung bemerkte mit Befriedigung, welche Wirkung sein Appell auf Miles hatte, und lehnte sich selbstgefällig zurück, Elena starrte Tung zornig an.
Gregor meldete sich verlegen. »Ich meine … solltet ihr um Unseretwillen zu Flüchtlingen werden«, (Elena, das konnte Miles sehen, erkannte, daß Gregor im Pluralis majestatis sprach, während Tung und Mayhew es natürlich nicht mitbekamen), »so werden wir dafür sorgen, daß ihr nicht zu leiden habt. Zumindest nicht finanziell.«
Elena nickte, zum Zeichen, daß sie verstanden und akzeptiert hatte.
Tung lehnte sich zu Elena und wies mit seinem Daumen auf Gregor.
»Na schön, und wer ist der Kerl?« Elena schüttelte stumm den Kopf.
Tung gab ein leises Zischen von sich. »Du hast keinerlei Mittel zu deiner Unterstützung dabei, die für mich sichtbar wären, mein Sohn. Was ist, wenn wir um deinetwillen zu Leichen werden?«
Elena bemerkte: »Zu Leichen zu werden haben wir schon für viel weniger riskiert.«
»Weniger als was?«, versetzte Tung.
Mayhew, dessen Blick kurz in die Ferne ging, berührte den Kommunikationsstöpsel in seinem Ohr. »Zeit zur Entscheidung, Leute.«
»Kann dieses Schiff das System durchqueren?«, fragte Miles.
»Nein. Hat nicht genug Treibstoff dafür«, Mayhew zuckte entschuldigend die Achseln.
»Ist nicht schnell genug und auch nicht gut genug gepanzert«, sagte Tung.
»Ihr werdet uns auf einen kommerziellen Transporter hinausschmuggeln müssen, vorbei an den Sicherheitsbehörden der Aslunder«, sagte Miles unglücklich.
Tung blickte sich in seinem widerspenstigen kleinen Komitee um und seufzte: »Die Sicherheitsüberprüfungen sind strenger beim Ankommen als beim Starten. Ich glaube, wir können es schaffen. Bring uns hin, Arde!«
Nachdem Mayhew das Frachtshuttle in seiner zugewiesenen Ladenische an der Transitstation der Aslunder angedockt hatte, hielten sich Miles, Gregor und Elena in der Pilotenkabine eingeschlossen versteckt. Tung und Mayhew gingen weg, ›um zu sehen, was wir tun können‹, wie Tung es ausdrückte, ziemlich vage für Miles’ Vorstellungen.
Miles saß da, knabberte nervös an seinen Fingerknöcheln und bemühte sich, nicht bei jedem Stampfen, Klirren oder Zischen aufzufahren, das von den Laderobotern kam, die auf der anderen Seite des Schotts Nachschub für die Söldner stapelten. Elenas ruhiges Profil zuckte nicht bei jedem kleinen Geräusch, bemerkte Miles neidisch. Ich habe sie einmal geliebt. Wer ist sie jetzt?
Hatte man die Wahl, sich nicht wieder total in diese neue Person zu verlieben? Eine Chance der Wahl? Elena erschien jetzt robuster, mehr gewillt, ihre Meinung frei zu äußern — das war gut —, jedoch hatten ihre Worte einen bitteren Beiklang. Und das war nicht gut. Diese Bitterkeit schmerzte ihn.
»Ist es dir gut gegangen?«, fragte er sie zögernd. »Abgesehen von diesem Zeug mit der Befehlsstruktur, meine ich. Behandelt dich Tung ordentlich? Er sollte dein Mentor sein. Das Training, das ich im Unterrichtszimmer bekam, dir in der Praxis geben …«
»Oh, er ist ein guter Mentor. Er stopft mich voll mit militärischen Informationen, mit Taktik und Geschichte … Ich kann jetzt jede Phase eines Kampf-Stoßtruppeinsatzes leiten, mit Logistik, Kartographie, Angriff, Rückzug, sogar Notstart und Notlandung mit einem Shuttle, wenn man ein paar Beulen ignoriert. Ich bin schon fast in der Lage, wirklich mit meinem fiktiven Rang fertigzuwerden, zumindest bei der Ausrüstung der Flotte. Er unterrichtet gern.«
»Mir schien es, als gäbe es da ein bißchen … Spannung, zwischen dir und ihm.«
Sie warf den Kopf zurück. »Im Augenblick steht alles unter Spannung. Es ist nicht möglich, von diesem Zeug mit der Befehlsstruktur ›abzusehen‹. Obwohl … ich nehme an, ich habe Tung noch nicht ganz dafür vergeben, daß er in dieser Hinsicht nicht unfehlbar war. Ich dachte nämlich zuerst, er wäre es.«
»Naja, es kursiert eine Menge Fehlbarkeit in diesen Zeiten«, sagte Miles voller Unbehagen. »Hm … wie geht es Baz?« Behandelt dein Mann dich gut? wollte er fragen, aber er tat es nicht.
»Er ist wohlauf«, erwiderte sie und sah dabei nicht glücklich aus, »aber entmutigt. Dieser Kampf um die Macht war für ihn fremd, abstoßend, glaube ich. Er ist im tiefsten Herzen ein Techniker; wenn er eine Aufgabe sieht, die getan werden muß, dann tut er sie … Tung deutet an, wenn Baz sich nicht in seine Ingenieurarbeit vergraben hätte, dann hätte er die Übernahme voraussehen — verhindern — bekämpfen können, aber ich glaube, es war umgekehrt. Er konnte sich nicht dazu erniedrigen, auf Osers Dolchstoßniveau zu kämpfen, also zog er sich dahin zurück, wo er seine eigenen Maßstäbe der Ehrlichkeit … noch ein bißchen länger erfüllen konnte. Diese Spaltung hat die Moral auf allen Ebenen beeinträchtigt.«
»Das tut mir leid«, sagte Miles.
»Das sollte es dir auch tun.« Ihre Stimme schnappte über, festigte sich wieder, wurde scharf. »Baz empfand, er hätte dich enttäuscht, aber du hast uns zuerst enttäuscht, als du nicht mehr zurückkamst. Du konntest von uns nicht erwarten, die Illusion für immer aufrechtzuerhalten.«
»Illusion?«, sagte Miles. »Ich wußte … es würde schwierig sein, aber ich dachte, ihr könntet … in eure Rollen hineinwachsen. Die Söldner euch zu eigen machen.«
»Die Söldner mögen genug sein für Tung. Ich dachte, sie könnten es auch für mich sein, bis es zum Töten kam … Ich hasse Barrayar, aber es ist besser, Barrayar zu dienen als niemandem, oder dem eigenen Ego.«
»Wem dient Oser?«, fragte Gregor neugierig, der bei dieser gemischten Tirade auf ihre Heimatwelt die Stirn gerunzelt hatte.
»Oser dient Oser. ›Der Flotte‹, sagt er, aber die Flotte dient Oser, so ist es einfach ein Zirkelschluß«, sagte Elena. »Die Flotte ist kein Heimatland. Kein Gebäude, keine Kinder … steril. Es macht mir jedoch nichts aus, den Aslundern auszuhelfen, sie brauchen es. Ein armer Planet, und voller Angst.«
»Du und Baz — und Arde —, ihr hättet die Flotte verlassen können, auf eigene Faust weggehen«, begann Miles.