»Los!«, drängte Tung. »Wenn Arde sich nicht an den Zeitplan hält, dann lenkt er Aufmerksamkeit auf sich.«
Sie marschierten hintereinander in den Frachtraum, wo Mayhew das Steuerkabel einer Schwebepalette hielt, auf der ein paar Packkisten aus Plastik standen. »Dein Freund kann als ein Soldat der Flotte durchgehen«, sagte Tung zu Miles. »Für dich habe ich eine Kiste gefunden. Es hätte mehr Klasse, dich in einen Teppich zu rollen, aber da der Kapitän des Frachters ein Mann ist, fürchte ich, daß die historische Anspielung verschwendet wäre.«
Mißtrauisch betrachtete Miles die Kiste. Sie schien keine Luftlöcher zu haben. »Wohin bringst du mich?«
»Wir haben eine reguläre irreguläre Abmachung, um Offiziere des Nachrichtendienstes der Flotte heimlich herein- und hinauszubringen. Ich habe den Kapitän eines Frachters für Innersystemverkehr engagiert, einen unabhängigen Eigner — er ist ein Vervani, aber wir haben ihn früher schon dreimal engagiert. Er bringt euch rüber und durch den Zoll der Vervani. Danach seid ihr auf euch allein gestellt.«
»Wieviel Gefahr bedeutet dieses Arrangement für euch alle?«, fragte Miles besorgt.
»Nicht viel«, sagte Tung, »wenn man alles in Betracht zieht. Er denkt, daß er noch mehr Söldneragenten transportieren wird, zu einem guten Preis, und so wird er natürlich den Mund halten. Es wird Tage dauern, bevor er zurückkommt und überhaupt befragt werden kann. Ich habe es alles selbst arrangiert. Elena und Arde sind nicht in Erscheinung getreten, also kann er sie nicht verraten.«
»Danke«, sagte Miles leise.
Tung nickte und seufzte. »Wenn du nur bei uns geblieben wärst. Was für einen Soldaten hätte ich in diesen letzten drei Jahren aus dir machen können.«
»Wenn ihr euch ohne Job wiederfindet, als Folge eurer Hilfe für uns«, fügte Gregor hinzu, »dann wird Elena wissen, wie ihr Kontakt mit uns aufnehmen könnt.«
Tung verzog das Gesicht. »Kontakt mit wem, hm?«
»Es ist besser, das nicht zu wissen«, sagte Elena, die Miles half, sich in der Packkiste einzurichten.
»In Ordnung«, brummte Tung, »aber … in Ordnung.«
Miles fand sich Auge in Auge mit Elena, zum letztenmal bis — wann? Sie umarmte ihn, aber dann schenkte sie Gregor die gleiche schwesterliche Umarmung. »Grüß deine Mutter von mir«, sagte sie zu Miles. »Ich denke oft an sie.«
»In Ordnung. Hm … grüße Baz von mir. Sag ihm, es ist alles in Ordnung. Eure persönliche Sicherheit kommt zuerst, deine und seine. Die Dendarii sind … waren …«, er konnte sich nicht ganz dazu bringen zu sagen nicht wichtig oder ein naiver Traum oder eine Illusion, obwohl das letzte am nächsten kam, »ein guter Versuch«, schloß er lahm.
Der Blick, mit dem sie ihn ansah, war kühl, schneidend, nicht zu entziffern — nein, leicht zu entschlüsseln, fürchtete er. Idiot, oder schlimmere Wörter der gleichen Bedeutung. Er setzte sich nieder, senkte den Kopf auf die Knie und ließ Mayhew den Dekkel befestigen; dabei kam er sich vor wie ein zoologisches Musterexemplar, das für den Transport ins Labor verpackt wurde. Der Transport ging glatt. Miles und Gregor fanden sich in einer kleinen, aber annehmbaren Kabine einquartiert, die für den gelegentlichen Frachtaufseher des Frachters bestimmt war. Etwa drei Stunden, nachdem sie an Bord gekommen waren, legte das Schiff ab, weg von der Aslund-Station und der Gefahr der Entdeckung. Keine Suchtrupps der Oserer, keine Tumulte … Tung machte immer noch gute Arbeit, das mußte Miles zugeben.
Miles war außerordentlich dankbar für die Möglichkeit, sich zu waschen, für die Gelegenheit, seine restlichen Kleider zu reinigen, für eine echte Mahlzeit und Schlaf in Sicherheit. Die kleine Mannschaft des Schiffes schien gegen ihren Korridor allergisch zu sein, er und Gregor wurden strikt allein gelassen. Sicherheit für drei Tage, während er wieder quer durch die Hegen-Nabe flog, wieder mit einer neuen Identität. Der nächste Halt war das Konsulat von Barrayar auf der Vervain-Station.
O Gott, er würde einen Bericht über all das schreiben müssen, wenn sie dort ankamen. Wahre Bekenntnisse, in dem bewährten offiziellen Stil des Kaiserlichen Sicherheitsdienstes (trocken wie Staub, nach den Beispielen zu urteilen, die er bisher gelesen hatte).
Wenn Ungari nun die gleiche Fahrt gemacht hätte, dann würde er ganze Tabellen mit konkreten, objektiven Daten produziert haben, alles fix und fertig, um auf sechs verschiedene Weisen analysiert zu werden. Was hatte Miles gezählt? Nichts, ich war in einer Kiste.
Er hatte wenig anzubieten außer intuitiven Schlüssen, die auf den begrenzten Eindrücken beruhten, die er aufgeschnappt hatte, während er anscheinend vor jedem Sicherheitsbullen im System davonlief. Vielleicht sollte er in den Mittelpunkt seines Berichts die Sicherheitskräfte stellen, oder?
Die Stellungnahme eines Fähnrichs. Der Generalstab wäre so beeindruckt. Also, worin bestand jetzt seine Stellungnahme? Nun gut, Pol schien nicht die Quelle der Schwierigkeiten in der Hegen-Nabe zu sein, Pol reagierte nur, agierte nicht. Das Konsortium schien höchst desinteressiert an militärischen Abenteuern zu sein, und die einzige Partei, die schwach genug war, daß die eklektischen Jacksonier sich mit ihr in einen Kampf eingelassen und sie geschlagen hätten, war Aslund, und Aslund zu erobern, eine kaum terraformte agrikulturelle Welt, würde wenig Profit abwerfen. Aslund war paranoid genug, um gefährlich zu sein, aber nur halb vorbereitet und von einer Söldnerstreitmacht abgeschirmt, die nur auf den richtigen Funken wartete, um sich selbst in einander bekämpfende Gruppen aufzuspalten.
Keine andauernde Bedrohung von dieser Seite. Die Aktion, die Energie für die Destabilisierung mußte also von oder über Vervain kommen. Wie konnte man das herausfinden … nein. Er hatte der Tätigkeit eines Geheimagenten abgeschworen. Vervain war das Problem von jemand anderem.
Miles fragte sich matt, ob er wohl Gregor überreden könnte, ihn mit einem kaiserlichen Pardon vom Abfassen des Berichts zu befreien, und ob Illyan das akzeptieren würde. Wahrscheinlich nicht.
Gregor war sehr ruhig. Miles, der ausgestreckt auf seinem Bett lag, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und lächelte, um seine innere Unruhe zu verbergen, während Gregor seine gestohlene Dendarii-Uniform beiseite legte — mit ein bißchen Bedauern, wie es Miles schien — und zivile Kleidung anzog, die Arde Mayhew beigesteuert hatte. Hose, Hemd und Jacke, alle drei schäbig, hingen etwas kurz und locker an seiner mageren Figur, in dieser Kleidung wirkte er wie vom Glück verlassener Herumtreiber mit tiefliegenden Augen. Miles entschloß sich insgeheim, ihn von hohen Plätzen fernzuhalten.
Gregor erwiderte seinen Blick. »Du warst unheimlich als Admiral Naismith, weißt du das? Fast wie eine ganz andere Person.«
Miles zuckte die Achseln und stützte sich auf einem Ellbogen hoch. »Ich nehme an, Naismith — das bin ich ohne Bremsen. Ohne Beschränkungen. Er muß nicht ein guter kleiner Vor sein, oder überhaupt keine Art von Vor. Er hat keine Probleme mit der Unterordnung, er ist niemandem untergeordnet.«
»Das habe ich bemerkt.« Gregor legte die Dendarii-Uniform ordentlich zusammen, wie es der barrayaranischen Armeeordnung entsprach. »Tut es dir leid, daß du von den Dendarii abhauen mußt?«
»Ja … nein … ich weiß es nicht.« Zutiefst. Die Befehlskette, so schien es, zog nach beiden Seiten an einem mittleren Glied. Wenn man hart genug zog, dann mußte dieses Glied sich verdrehen und zerspringen … »Ich hoffe, es tut dir nicht leid, daß du der Kontraktsklaverei entkommen bist.«
»Nein … es war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Allerdings, dieser Kampf an der Luftschleuse war sonderbar. Völlig Fremde wollten mich töten, ohne überhaupt zu wissen, wer ich war. Wenn völlig Fremde den Kaiser von Barrayar zu töten versuchten, so kann ich das verstehen. Aber das … ich werde darüber nachdenken müssen.«