Miles erlaubte sich ein knappes, schiefes Lächeln. »Es ist, wie wenn du um deiner selbst willen geliebt wirst, nur anders.«
Gregor warf ihm einen scharfen Blick zu. »Es war auch seltsam, Elena wiederzusehen. Botharis pflichtbewußte Tochter … sie hat sich verändert.«
»Das hatte ich beabsichtigt«, bekannte Miles.
»Sie scheint sehr an ihrem Mann, diesem Deserteur, zu hängen.«
»Ja«, sagte Miles knapp.
»Hattest du das auch beabsichtigt?«
»Das hatte ich nicht zu entscheiden. Es … folgt logisch aus der Integrität ihres Charakters. Ich hätte es vorhersehen können. Da ihre Überzeugungen über Loyalität gerade unser beider Leben gerettet haben, kann ich diese Überzeugungen wohl kaum … kaum bedauern, oder?«
Gregors Augenbrauen hoben sich, ein indirekter Kommentar. Miles unterdrückte seine Irritation. »Auf jeden Fall hoffe ich, daß es ihr gut geht. Oser hat sich als gefährlich erwiesen. Sie und Baz scheinen nur durch Tungs zugegebenermaßen bröckelnde Machtbasis geschützt zu werden.«
»Ich bin überrascht, daß du Tungs Angebot nicht angenommen hast.« Gregor grinste so kurz, wie Miles es getan hatte. »Auf der Stelle Admiral zu werden. All die lästigen Zwischenstufen zu überspringen, die es da auf Barrayar gibt.«
»Tungs Angebot?« Miles schnaubte. »Hast du ihm nicht genau zugehört? Ich dachte, du sagtest, daß mein Vater dich all diese Verträge lesen läßt. Tung hat mir nicht ein Kommando angeboten, sondern einen Kampf, mit den Chancen fünf zu eins dagegen. Er hat einen Verbündeten gesucht, einen Strohmann oder Kanonenfutter, keinen Boss.«
»Oh. Hm.« Gregor ließ sich wieder auf sein Bett nieder. »So ist das also. Aber ich fragte mich trotzdem, ob du nicht etwas anderes gewählt hättest als diesen klugen Rückzug, wenn ich nicht dabeigewesen wäre.« Seine Augen waren zu einem scharfen Blick zusammengekniffen.
Miles wurde von Visionen überflutet. Eine genügend freizügige Auslegung von Illyans vager Anweisung »Benutzen Sie Fähnrich Vorkosigan, um die Dendarii Söldner aus der Nabe zu entfernen« hätte dahingehend ausgelegt werden können, daß sie auch unter anderem … nein.
»Nein. Wenn ich nicht auf dich gestoßen wäre, dann wäre ich jetzt unterwegs nach Escobar, zusammen mit meinem Kindermädchen Sergeant Overholt. Und du, nehme ich an, würdest immer noch Beleuchtungskörper installieren.« Natürlich abhängig davon, was der mysteriöse Cavilo — Kommandant Cavilo? — mit Miles machen wollte, sobald er ihn aus der Haftabteilung der Konsortium-Station abgeholt hätte.
Wo war Overholt also jetzt? Hatte er sich beim Hauptquartier gemeldet oder versucht, mit Ungari Kontakt aufzunehmen? War er von Cavilo aufgegriffen worden? Oder war er Miles gefolgt? Zu schade, daß Miles Sergeant Overholt nicht hatte zu Ungari folgen können — nein, hier biß sich die Katze in den Schwanz. Es war alles sehr sonderbar, und sie hatten es glücklich hinter sich.
»Wir haben es glücklich hinter uns«, meinte Miles zu Gregor.
Gregor rieb den grau-bleichen Fleck auf seinem Gesicht, das nachlassende Zeichen seiner Begegnung mit dem Schockstab. »Ja, wahrscheinlich. Ich war allerdings gerade dabei, recht geschickt bei der Montage der Beleuchtung zu werden.«
Fast vorbei, dachte Miles, als er und Gregor dem Frachterkapitän durch die Lukenröhre in die Andockbucht der Vervain-Station folgten. Nun ja, vielleicht nicht ganz. Der vervanische Kapitän war nervös, unterwürfig, deutlich verkrampft. Allerdings, wenn der Mann diesen Transport von Spionen schon dreimal zuvor geschafft hatte, dann sollte er jetzt wissen, was er tat.
Die Andockbucht mit ihren grellen Lichtern war die übliche kalte, widerhallende Höhle, dem rigiden Geschmack der Roboter für Gittermuster angepaßt, nicht menschlichen Kurven. Sie war in der Tat menschenleer, und die Maschinerie stand still. Der Weg vor ihnen war freigeräumt worden, nahm Miles an, obwohl er, wenn er diese Flucht eingefädelt hätte, die arbeitsreichste chaotische Periode des Ladens oder Entladens gewählt hätte, um jemanden durchzuschleusen.
Die Augen des Kapitäns wanderten hin und her. Miles mußte einfach seinen Blicken folgen. Sie stoppten in der Nähe einer nicht besetzten Steuerkabine.
»Wir warten hier«, sagte der Frachterkapitän. »Es werden einige Männer kommen, die euch den Rest den Weges mitnehmen.« Er lehnte sich gegen die Wand der Zelle und stieß sanft mit einem Stiefelabsatz in einem müßigen, zwanghaften Rhythmus dagegen, einige Minuten lang, dann hörte er damit auf, straffte sich und wandte den Kopf.
Schritte. Ein halbes Dutzend Männer kam aus einem nahen Korridor.
Miles erstarrte. Uniformierte Männer, mit einem Offizier, nach ihrer Haltung zu schließen, aber sie trugen nicht die Kleidung des vervanischen Sicherheitsdienstes, weder des zivilen noch des militärischen, sondern fremde, kurzärmelige, sehr gepflegte, gelbbraune Uniformen, mit schwarzen Abzeichen, dazu kurze schwarze Stiefel. Sie trugen Betäuber, gezogen und einsatzbereit. Aber wenn sie wie ein Festnahmekommando gehen und wie ein Festnahmekommando reden und wie ein Festnahmekommando antreten …
»Miles«, murmelte Gregor zweifelnd, als er die gleichen Details erfaßte, »gehört das zum Drehbuch?« Die Betäuber zeigten auf sie.
»Er hat das schon dreimal gemacht«, erklärte Miles, ohne daß ihn das beruhigte. »Warum nicht noch ein viertes Mal?«
Der Frachterkapitän lächelte dünn und trat von der Wand zurück, aus der Schußlinie. »Ich habe das zweimal gemacht«, informierte er sie.
»Beim dritten Mal wurde ich erwischt.«
Miles’ Hände zuckten. Er hielt sie sorgfältig von sich weg und schluckte einige Flüche hinunter. Langsam hob auch Gregor die Hände, wobei sein Gesicht wunderbar ausdruckslos war. Eins zu Null für Gregors Selbstbeherrschung, wie immer, für die einzige Tugend, die sein eingeengtes Leben ihm sicher eingeprägt hatte.
Tung hatte diese Flucht eingefädelt. Er allein. Hatte Tung hiervon gewußt? Verraten und verkauft von Tung? Nein! — »Tung sagte, Sie seien zuverlässig«, krächzte Miles zu dem Frachterkapitän.
»Was bedeutet mir Tung?«, knurrte der Mann zurück. »Ich habe eine Familie.«
Während die Betäuber auf sie zielten, traten zwei Soldaten vor — Gott, schon wieder Schläger! —, lehnten Miles und Gregor mit den Händen gegen die Wand, durchsuchten sie und nahmen ihnen ihre schwer gewonnenen oserischen Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Ausweise ab. Der Offizier überprüfte die Beute.
»Jawohl, das sind Männer von Oser, in Ordnung.« Er sprach in seinen Kommunikator am Handgelenk. »Wir haben sie.«
»Macht weiter!«, erwiderte eine dünne Stimme. »Wir kommen gleich runter. Cavilo Ende.«
Randall’s Rangers, offensichtlich, daher die unbekannten Uniformen. Aber warum waren keine Vervani in Sicht?
»Verzeihung«, sagte Miles sanft zu dem Offizier, »aber handeln Sie unter der irrigen Annahme, daß wir Agenten der Aslunder sind?«
Der Offizier blickte auf ihn herab und schnaubte bloß.
»Ich frage mich, ob es nicht Zeit wäre, unsere wirkliche Identität anzunehmen«, murmelte Gregor vorsichtig Miles zu.
»Interessantes Dilemma«, erwiderte Miles aus dem Mundwinkel. »Wir sollten besser herausfinden, ob sie Spione erschießen.«
Energische Stiefelschritte kündeten einen neuen Ankömmling an. Die Männer des Kommandos strafften sich, als die Geräusche um die Ecke kamen. Auch Gregor nahm Haltung an, in einer automatischen militärischen Höflichkeit, wobei seine gerade Figur mit den an ihm hängenden Kleidern von Arde Mayhew sehr seltsam aussah. Miles sah zweifellos von allen am wenigsten militärisch aus, mit seinem Mund, der vor Schock offenstand. Er schloß ihn schnell, um nicht aus Versehen etwas Törichtes zu sagen.
Einen Meter zweiundfünfzig groß, mit einem bißchen Zugabe durch unmilitärisch hohe Absätze. Auf dem gut modellierten Kopf kurzgeschnittenes blondes Haar wie eine Aureole aus Löwenzahnblüten. Eine schneidige, gelbbraun-schwarze Uniform mit goldenen Rangabzeichen, perfekt angepaßt zur Ergänzung ihrer Körpersprache. Livia Nu.