»Tja nun«, sagte Metzov und verzog dabei den Mund, »was für eine Wendung des Schicksals.«
»Ich dachte, Sie würden mit dem Kaiser dinieren«, sagte Miles.
»Komrnandantin Cavilo kann unter Stress ein bißchen konfus werden. Wenn sie sich wieder beruhigt, wird sie einsehen, wie notwendig meine Sachkenntnis in barrayaranischen Angelegenheiten ist«, sagte Metzov in gemessenem Ton.
Mit anderen Worten: Sie waren nicht eingeladen. »Sie haben den Kaiser mit ihr allein gelassen?« Gregor, paß auf, was du da tust!
»Gregor ist keine Gefahr. Ich fürchte, seine Erziehung hat aus ihm einen Schwächling gemacht.«
Miles schnürte es die Kehle zu.
Metzov lehnte sich zurück und trommelte mit den Fingern auf sein Knie. »Also sagen Sie mir, Fähnrich Vorkosigan — wenn Sie noch Fähnrich Vorkosigan sind. Da es in dieser Welt keine Gerechtigkeit gibt, nehme ich an, daß Sie Ihren Rang und Ihren Sold behalten haben. Was tun Sie hier? Mit ihm?«
Miles war versucht, sich auf Name, Rang und Personenkennziffer zu beschränken; allerdings kannte Metzov die ja schon. War Metzov eigentlich ein Feind? Das heißt; ein Feind von Barrayar, nicht von Miles persönlich. Hielt Metzov dies in seinem Denken auseinander?
»Der Kaiser wurde von seinem Sicherheitsteam getrennt. Wir hofften, mit ihnen über das hiesige Konsulat von Barrayar wieder Kontakt aufzunehmen.« Seine Aussage enthielt nichts, was nicht völlig offensichtlich war.
»Und von woher seid ihr gekommen?«
»Von Aslund.«
»Machen Sie sich nicht die Mühe, den Idioten zu spielen, Vorkosigan. Ich kenne Aslund. Wer hat Sie überhaupt dorthin geschickt? Und machen Sie sich auch nicht die Mühe zu lügen, ich kann den Frachterkapitän ins Kreuzverhör nehmen.«
»Nein, können Sie nicht. Cavilo hat ihn getötet.«
»Oh?« Überraschung zeigte sich auf seinem Gesicht, wurde aber sofort unterdrückt. »Schlau von ihr. Er war der einzige Zeuge, der wußte, wohin ihr gegangen seid.«
War das ein Teil von Cavilos Überlegung gewesen, als sie ihren Nervendisruptor gezückt hatte? Wahrscheinlich. Und doch … der Frachterkapitän war auch der einzige Zeuge gewesen, der wußte, woher sie gekommen waren. Vielleicht war Cavilo doch nicht so formidabel, wie sie auf den ersten Blick schien.
»Noch einmal«, sagte Metzov geduldig — Miles konnte sehen, daß er sich vorkam, als hätte er alle Zeit der Welt — »wie ist es dazu gekommen, daß Sie mit dem Kaiser zusammen sind?«
»Was meinen Sie?«, erwiderte Miles, um Zeit zu gewinnen.
»Irgendein Komplott, natürlich.« Metzov zuckte die Achseln.
Miles stöhnte. »Oh, natürlich!« Er richtete sich in seiner Empörung auf. »Und welche vernünftige — oder meinetwegen auch verrückte — Kette von Verschwörungen ist in Ihrer Vorstellung verantwortlich dafür, daß wir hierherkamen, allein, von Aslund aus? Ich will damit sagen, ich weiß, was wirklich los war, ich habe es ja erlebt, aber wonach sieht es Ihrer Meinung nach aus?« Das heißt, nach Meinung eines professionellen Paranoikers. »Ich würde es einfach gern hören.«
»Nun ja …« Metzov wurde unwillkürlich aus seiner Reserve gelockt. »Sie haben den Kaiser irgendwie von seinem Sicherheitsteam getrennt. Entweder fädeln Sie ein wohldurchdachtes Attentat ein, oder Sie planen, in irgendeiner Form seine Persönlichkeit unter Ihre Kontrolle zu bringen.«
»Das ist es also, was einem einfach so in den Sinn kommt, wie?« Miles stieß seinen Rücken mit einem frustrierten Knurren gegen die Wand und ließ sich zusammensinken.
»Oder vielleicht seid ihr auf einer geheimen — und deshalb unehrenhaften — diplomatischen Mission. Irgendein Verrat.«
»Wenn dem so ist, wo ist dann Gregors Sicherheitsteam?«, sagte Miles. »Dann sollten Sie lieber aufpassen.«
»Also trifft meine erste Hypothese zu.«
»In diesem Fall, wo ist dann mein Sicherheitsteam?«, knurrte Miles. Ja wirklich, wo war es?
»Ein Vorkosigan-Komplott — nein, vielleicht keines des Admirals. Er beherrscht Gregor zu Hause …«
»Danke, darauf wollte ich auch schon hinweisen.«
»Ein verdrehtes Komplott eines verdrehten Kopfes. Träumen Sie davon, sich selber zum Kaiser von Barrayar zu machen, Sie Mutant?«
»Das wäre mir ein Alptraum, das versichere ich Ihnen. Fragen Sie Gregor.«
»Darauf kommt es kaum an. Unsere Mediziner werden eure Geheimnisse aus euch herausquetschen, sobald Cavilo das Startzeichen gibt. In gewisser Weise ist es schade, daß Schnell-Penta überhaupt erfunden wurde. Ich würde es genießen, jeden Knochen in Ihrem Körper zu brechen, bis Sie reden. Oder schreien. Sie werden sich hier nicht hinter Ihres Vaters …« — er grinste kurz — »Röcken verstecken können, Vorkosigan.« Er wurde nachdenklich. »Vielleicht werde ich es sowieso tun. Einen Knochen pro Tag, so lange sie reichen.«
206 Knochen im menschlichen Körper. 206 Tage. Illyan sollte in der Lage sein, uns in 206 Tagen einzuholen. Miles lächelte düster.
Metzov schien allerdings im Augenblick nicht daran zu denken, aufzustehen und diesen Plan sofort in die Tat umzusetzen. Dieses eher spekulative Gespräch stellte kaum ein ernsthaftes Verhör dar. Aber wenn er kein Verhör anstellen oder Miles aus Rache foltern wollte, warum war der Mann dann hier?
Seine Geliebte hat ihn rausgeworfen, er fühlte sich einsam und fremd und wollte mit jemand Bekanntem reden. Sogar mit einem bekannten Feind. Es war auf seltsame Weise verständlich. Abgesehen von der Invasion in Komarr hatte Metzov wahrscheinlich Barrayar nie verlassen, sein Leben zum größten Teil in der begrenzten, geordneten, vorhersehbaren Sekundärwelt des kaiserlichen Militärs zugebracht. Jetzt war der rigide Mann wurzellos und mit mehr freien Willensentscheidungen konfrontiert, als er sich je vorgestellt hatte. Gott! Der Verrückte hat Heimweh. Eine Einsicht, die frösteln machte.
»Ich glaube allmählich, daß ich Ihnen zufälligerweise etwas Gutes getan habe«, begann Miles. Wenn Metzov schon in einer gesprächigen Stimmung war, warum ihn nicht noch weiter ermuntern? »Cavilo sieht sicher besser aus als Ihr letzter Befehlshaber.«
»Ja, das stimmt.«
»Ist auch die Bezahlung besser?«
»Jeder zahlt besser als die Kaiserlichen Streitkräfte«, schnaubte Metzov.
»Und es ist auch nicht langweilig. Auf Kyril glich ein Tag dem anderen. Hier weiß man nicht, was als nächstes geschieht. Oder zieht Cavilo Sie in ihr Vertrauen?«
»Ich bin für ihre Pläne wesentlich.« Metzov grinste affektiert.
»Als Schlafzimmerkrieger? Ich dachte, Sie gehörten zur Infanterie. In Ihrem Alter noch das Spezialgebiet zu wechseln?«
Metzov lächelte nur. »Jetzt werden Sie durchsichtig, Vorkosigan.«
Miles zuckte die Achseln. Wenn dem so ist, dann bin ich hier das einzige, was durchsichtig ist. »Wie ich mich erinnere, hielten Sie nicht viel von weiblichen Soldaten. Cavilo hat Sie anscheinend Ihre Meinung ändern lassen.«
»Überhaupt nicht.« Metzov lehnte sich selbstgefällig zurück. »Ich erwarte, binnen sechs Monaten das Kommando der Randall’s Rangers zu übernehmen.«
»Wird diese Zelle nicht abgehört?«, fragte Miles verblüfft. Nicht, daß es ihm etwas ausmachte, wieviel Schwierigkeiten Metzov sich mit seinem Mund einhandelte … »Im Augenblick nicht.«
»Plant Cavilo etwa, sich zur Ruhe zu setzen?«
»Es gibt eine Reihe von Methoden, mit denen ihr Rücktritt beschleunigt werden könnte. Den tödlichen Unfall, den Cavilo für Randall arrangierte, könnte man leicht wiederholen. Oder ich könnte sogar einen Weg finden, sie damit anzuklagen, da sie dumm genug war, im Bett mit dem Mord zu prahlen.«
Sie hat nicht geprahlt, sie hat dich gewarnt, Dummkopf. Miles Augen gerieten fast ins Schielen, als er sich das Bettgeflüster zwischen Metzov und Cavilo vorstellte. »Sie beide müssen viel gemeinsam haben. Kein Wunder, daß Sie so gut miteinander auskommen.«