»Da stimme ich zu. Und eine Reihe von Rechtssystemen auch. Was ist mit dem Unterschied zwischen Exekution und Mord? Vervain befindet sich nicht im Krieg. Seine Handlungen mögen illegal gewesen sein und Verhaftung, Prozeß und Gefängnisstrafe oder soziopathologische Therapie erforderlich gemacht haben — wo ist dabei der Prozeß geblieben?«
»Ein Barrayaraner, der sich um Legalität streitet? Wie seltsam.«
»Und was ist mit seiner Familie passiert?«
Sie hatte einen Augenblick Zeit zum Nachdenken gehabt, verdammt noch mal. »Die langweiligen Vervani haben ihre Freilassung verlangt. Natürlich wollte ich nicht, daß er erfuhr, daß sie nicht mehr in meinen Händen waren, sonst hätte ich ja meinen Zugriff auf sein Verhalten aus der Ferne verloren.«
Lüge oder Wahrheit? Es gab keine Methode, dies festzustellen. Aber sie macht einen Rückzieher von ihrem Fehler. Bevor sie sich auf sicherem Boden fühlte, ließ sie ihre Reaktionen davon bestimmen, daß sie ihre Dominanz durch Terror erreichte. Weil sie sich nicht auf sicherem Boden fühlte. Ich kenne den Ausdruck, der auf ihrem Gesicht war. Mörderische Paranoiker sind mir so vertraut wie das Frühstück, ich hatte einen siebzehn Jahre lang als Leibwächter. Für einen kurzen Moment erschien Cavilo vertraut und alltäglich, wenn auch nicht weniger gefährlich. Aber er sollte sich bemühen, überzeugt zu erscheinen und nicht bedrohlich, auch wenn es ihn dabei würgte.
»Es stimmt«, räumte er ein, »es ist krasse Feigheit, einen Befehl zu geben, den man selbst nicht auszuführen gewillt ist. Und Sie sind kein Feigling, Kommandantin, das gebe ich zu.« Das war jetzt der richtige Ton: Miles konnte überredet werden, änderte aber seine Haltung nicht zu verdächtig schnell.
Sie hob spöttisch die Augenbrauen, als wollte sie sagen: Wer bist du, um das zu beurteilen? Aber ihre Spannung ließ leicht nach. Sie warf einen Blick auf ihr Chrono und stand auf. »Ich werde Sie jetzt verlassen, damit Sie über die Vorteile der Zusammenarbeit nachdenken können. Sie sind in der Theorie vertraut mit der Mathematik des ›Dilemmas des Gefangenen‹, hoffe ich. Es wird ein interessanter Test für Ihre Intelligenz sein zu sehen, ob Sie Theorie mit Praxis verbinden können.«
Miles’ Erwiderung war ein seltsames Lächeln. Ihre Schönheit, ihre Energie, selbst ihr aufgeblasenes Ego übten eine wirkliche Faszination aus. War Gregor tatsächlich von Cavilo … aktiviert worden? Gregor hatte schließlich nicht gesehen, wie sie ihren Nervendisruptor zückte und …
Welche Waffe sollte ein guter Mann des Sicherheitsdienstes benutzen, angesichts dieses persönlichen Überfalls auf Gregor? Versuchen, sie ihrerseits zu verführen? Sich selbst für den Kaiser zu opfern, indem er sich auf Cavilo stürzte, war ebenso verlokkend, wie etwa sich auf eine gezündete Schallgranate zu werfen. Außerdem bezweifelte er, daß er das schaffte.
Die Tür schob sich vor ihr messerscharfes Lächeln. Zu spät hob er die Hand, um sie an ihr Versprechen zu erinnern, seine Verpflegung zu ändern. Aber sie hatte es nicht vergessen. Das Mittagessen kam auf einem Servierwagen, mit einem erfahrenen, wenn auch ausdruckslosen Offiziersburschen, der es in fünf eleganten Gängen servierte mit zwei Sorten Wein und mit Espresso als Gegenmittel. Miles glaubte auch nicht, daß Cavilos Truppen so speisten. Er stellte sich einen Zug von lächelnden, übersättigten und korpulenten Gourmets vor, die glücklich in die Schlacht schlenderten … die Hundekuchen waren viel wirksamer, um das Aggressionspotential zu verstärken.
Auf eine zufällige Bemerkung zu seinem Bediener hin brachte dieser mit der nächsten Mahlzeit auf dem Servierwagen ein Päckchen mit, das saubere Unterwäsche enthielt, eine abzeichenlose Arbeitsuniform der Rangers, auf seine Größe zugeschnitten, und ein Paar weiche Filzpantoffeln, dazu eine Tube Haarentferner und diverse Toilettenartikel.
Miles wurde dazu angeregt, sich im Waschbecken der ausklappbaren Toilette zu waschen, nach und nach den ganzen Körper, und zu rasieren, bevor er sich umzog. Er kam sich fast wie ein Mensch vor. Ach, die Vorzüge der Kooperation. Cavilo war nicht gerade schwierig. Gott, woher war sie gekommen? Als altgediente Söldnerin mußte sie schon seit geraumer Zeit dabeigewesen sein, um so hoch zu steigen, selbst mit Abkürzungen. Tung könnte es wissen. Ich glaube, sie muß schon wenigstens einmal eine schlimme Niederlage erlebt haben. Er wünschte sich, daß Tung jetzt hier wäre. Zum Teufel, er wünschte, daß jetzt Illyan hier wäre.
Ihre Extravaganz war, so empfand es Miles zunehmend, ein wirkungsvolles Theater, das wie eine Bühnendekoration aus einer gewissen Entfernung betrachtet werden sollte und das dazu bestimmt war, ihre Leute zu blenden. Aus dem richtigen Abstand mochte es ziemlich gut funktionieren, wie bei dem populären barrayaranischen General aus der Generation seines Großvaters, der auf seine Umwelt Eindruck gemacht hatte, indem er ein Plasmagewehr wie ein Offiziersstöckchen mit sich herumtrug. Gewöhnlich ungeladen, hatte Miles privat gehört — der Mann war ja nicht dumm.
Oder ein Vor-Fähnrich, der einen bestimmten alten Dolch bei jeder Gelegenheit getragen hatte. Ein Markenzeichen, eine Standarte. Ein bißchen kalkulierte Massenpsychologie. Cavilos öffentliche Persönlichkeit war sicherlich die Hülle für diese Strategie. War sie innerlich ängstlich, weil sie wußte, daß sie sich übernommen hatte? Das wünschst du dir. Ach! Nach einer Dosis Cavilo kam ein Gedanke an Cavilo, der die eigenen taktischen Berechnungen vernebelte. Klar denken, Fähnrich!
Hatte sie Victor Rotha vergessen? Hatte Gregor sich irgendeinen Scheiß ausgedacht, der ihre Begegnung auf der Pol-Station erklärte? Gregor schien Cavilo mit verdrehten Tatsachen zu füttern — oder waren sie wirklich verdreht? Vielleicht gab es da wirklich eine Braut, die man ihm vorgeschlagen hatte und die er nicht mochte, und vielleicht hatte Gregor Miles nur einfach nicht genug vertraut, um es zu erwähnen. Miles begann zu bereuen, daß er immer so bissig zu Gregor gewesen war.
Seine Gedanken rannten immer noch wie eine aufgeputschte Ratte in einem Laufrad, ständig ziellos rotierend, als das Türschloß wieder piepste. Ja, er würde Kooperation vortäuschen, alles mögliche versprechen, wenn sie ihm nur eine Gelegenheit gäbe, Gregor zu überprüfen.
Cavilo erschien mit einem Soldaten im Schlepptau. Der Mann sah irgendwie bekannt aus — einer der Schläger, die ihn verhaftet hatten? Nein …
Der Mann duckte den Kopf unter der Zellentür durch, starrte einen Augenblick nachdenklich auf Miles und wandte sich dann an Cavilo. »Ja, das ist er, ganz recht. Admiral Naismith, von dem Krieg um den Tau-Verde-Ring. Ich würde diesen Zwerg überall wiedererkennen.« Er fügte an Miles gerichtet hinzu: »Was tun Sie hier, Sir?« Miles übertrug in seiner Vorstellung die gelbbraunschwarze Uniform des Mannes in Grau und Weiß. Ja. Es waren einige tausend Söldner in den Tau-Verde-Krieg verwikkelt gewesen. Sie mußten jetzt alle irgendwohin gegangen sein.
»Danke, das ist alles, Sergeant.« Cavilo nahm den Mann am Arm und zog ihn entschlossen weg. Während sie weggingen, war noch der Rat des Unteroffiziers gedämpft aus dem Zellenflur zu hören: »Sie sollten versuchen und ihn engagieren, Madame, er ist ein militärisches Genie …«
Cavilo erschien einen Augenblick später und stand in der Öffnung, die Hände auf den Hüften und das Kinn in ungläubiger Entrüstung vorgereckt. »Wie viele Persönlichkeiten sind Sie denn überhaupt?«
Miles öffnete die Hände und lächelte schwach. So als wäre er gerade dabei gewesen, sich seinen Weg aus diesem Loch herauszuschwatzen …
»Uff.« Sie machte auf dem Absatz kehrt, die Tür schloß sich und ließ wieder Stille in der Kabine einkehren. Was jetzt? Am liebsten würde er frustriert die Faust gegen die Wand knallen, aber die Wand würde sicherlich mit größerem Schaden zurückschlagen.