Einen hübschen Aphorismus über Strategie hatte sie da von sich gegeben; den würde er sich merken müssen. »Lassen Sie mich dann meinen Marschbefehl von meinem eigenen Oberbefehlshaber hören. Lassen Sie mich mit Gregor sprechen.«
»Ach, das wird Ihre Belohnung sein, wenn Sie Erfolg haben.«
»Der letzte Kerl, der diesen Satz geglaubt hat, wurde für seine Leichtgläubigkeit in den Hinterkopf geschossen. Was halten Sie davon, wenn wir uns weitere Schritte sparen und Sie mich einfach jetzt auf der Stelle erschießen?« Er blinzelte und schniefte, an der Innenseite seiner Nase liefen jetzt Tränen herab.
»Ich will Sie nicht erschießen.« Sie zwinkerte ihm doch tatsächlich zu.
Dann richtete sie sich auf und runzelte die Stirn. »Wirklich, Lord Vorkosigan, ich hatte kaum erwartet, daß Sie sich in Tränen auflösen.«
Er atmete tief ein, seine Hände machten eine hilflose, flehentliche Geste. Bestürzt warf sie ihm ein Taschentuch aus ihrer Brusttasche zu. Ein Taschentuch mit dem frischen Duft. Da er nichts anderes zur Hand hatte, preßte er das Tuch gegen sein Gesicht.
»Hören Sie auf zu weinen, Sie Feig…« Ihr scharfer Befehl wurde von seinem ersten gewaltigen Niesen unterbrochen, gefolgt von einer Salve schneller Wiederholungen.
»Ich weine nicht, Sie Miststück, ich bin allergisch gegen Ihr gottverdammtes Parfüm!«, konnte Miles zwischen den Anfällen hervorstoßen.
Sie hielt ihre Hand an die Stirn und brach in Gekicher aus, zur Abwechslung war es echtes Gekicher, keine gekünstelte Masche.
Endlich die echte, spontane Cavilo, er hatte recht gehabt, ihr Sinn für Humor war übel. »Oh, mein Lieber«, keuchte sie, »das bringt mich auf die großartigste Idee für eine Gasgranate. Schade, daß ich nie … na ja, gut.«
Seine Nebenhöhlen pochten wie Kesselpauken. Sie schüttelte hilflos den Kopf und tippte etwas an ihrer Komkonsole ein.
»Ich denke, ich sollte Sie möglichst schnell auf die Reise schicken, bevor Sie explodieren«, sagte sie.
Als er sich auf seinem Stuhl niesend nach vorn beugte, fiel sein wässeriger Blick auf seine braunen Filzpantoffeln. »Kann ich wenigstens ein Paar Stiefel für diese Reise haben?«
Sie schürzte die Lippen für einen Augenblick des Nachdenkens.
»Nein«, entschied sie dann. »Es wird interessanter sein zu sehen, wie Sie genau so weiterkommen, wie Sie jetzt sind.«
»In dieser Uniform werde ich auf Aslund auffallen wie ein bunter Hund«, protestierte er. »Ohne Warnung aus Versehen niedergeschossen.«
»Aus Versehen … mit Absicht … du meine Güte, Sie werden eine interessante Zeit haben.« Sie tippte den Code zum Öffnen des Türschlosses ein.
Er nieste und keuchte immer noch, als Wachen kamen, um ihn wegzubringen. Cavilo lachte hinter ihm drein.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Wirkungen ihres giftigen Parfüms nachließen, zu diesem Zeitpunkt war er eingesperrt in einer winzigen Kabine an Bord eines Schiffs für Innersystemverkehr. Sie waren über eine Schleuse der Kurins Hand an Bord gegangen, er hatte nicht einmal mehr den Fuß auf die VervainStation gesetzt. Keine Chance für einen Fluchtversuch.
Er untersuchte die Kabine. Ihr Bett und ihre Toiletteneinrichtung erinnerten sehr an seine letzte Zelle. Dienst im Weltraum, ha! Die unermeßlichen Perspektiven des riesigen Universums, ha! Der Ruhm der Kaiserlichen Streitkräfte — nicht-ha! Er hatte Gregor verloren … Ich mag klein sein, aber ich vermassele alles in großen Dimensionen, weil ich auf den Schultern von RIESEN stehe.
Er versuchte es mit Schlägen gegen die Tür und Schreien in die Bordsprechanlage. Niemand kam.
Es ist eine Überraschung.
Er könnte sie alle überraschen, indem er sich aufhängte. Für kurze Zeit erschien ihm diese Vorstellung attraktiv. Aber es gab nichts, was hoch genug war, daß er seinen Gürtel daran hätte befestigen können.
In Ordnung. Dieses Schiff vom Typ eines Kuriers war schneller als der schwerfällige Frachter, in dem er und Gregor letztes Mal drei Tage gebraucht hatten, um das System zu durchqueren, aber es würde nicht sofort dort ankommen. Er hatte wenigstens anderthalb Tage Zeit, um ernsthaft nachzudenken — er und Admiral Naismith.
Es ist eine Überraschung. Gott!
Ein Offizier und ein Wächter kamen ihn holen, und zwar ziemlich nahe dem Zeitpunkt, den Miles für ihre Ankunft an der Verteidigungsperipherie der Aslund-Station geschätzt hatte. Aber wir haben noch nicht angedockt. Das erscheint mir verfrüht.
Sein erschöpftes Nervensystem reagierte immer noch auf einen Adrenalinstoß, er atmete tief ein und versuchte, sein von Wahngedanken vernebeltes Hirn freizumachen, um wieder hellwach zu werden. Noch mehr von diesen Verwicklungen, dann würde allerdings keine Adrenalinmenge mehr ihm etwas Gutes tun. Der Offizier führte ihn durch die kurzen Korridore des kleinen Schiffs zum Navigationsraum.
Der Ranger-Kapitän war anwesend, er beugte sich über die Kommunikationskonsole, die mit seinem zweiten Offizier besetzt war.
Der Pilot und der Flugingenieur waren an ihren Plätzen beschäftigt.
»Wenn sie an Bord gehen, werden sie ihn verhaften, und damit wird er automatisch abgeliefert sein wie befohlen«, sagte der zweite Offizier.
»Wenn sie ihn verhaften, dann könnten sie auch uns verhaften. Sie hatte gesagt, wir sollten ihn einschleusen, und es war ihr egal, ob mit Kopf oder Füßen zuerst. Sie hat nicht befohlen, daß wir uns internieren lassen«, sagte der Kapitän.
Aus der Kommunikationsanlage ertönte eine Stimme: »Hier spricht Patrouillenschiff Ariel von den Vertragshilfstruppen von Aslund. Wir rufen C6-WG, unterwegs von der Naben-Station von Vervain. Stellen Sie Ihre Beschleunigung ein, und bereiten Sie Ihre Backbordschleuse vor, damit das Team für die Inspektion vor dem Andocken an Bord gehen kann.« Du Stimme nahm einen fröhlichen Ton an. »Ich behalte mir das Recht vor, das Feuer zu eröffnen, wenn Sie nicht binnen einer Minute Ihre Triebwerke abschalten und unsere Anweisungen befolgen. Ihr habt uns lange genug hingehalten, Jungs.«
Als die Stimme ironisch wurde, kam sie Miles auf einmal höchst bekannt vor. Bei?
»Stoppt die Beschleunigung«, befahl der Kapitän und gab dem zweiten Offizier ein Zeichen, den Kommunikationskanal abzuschalten. »Hallo Sie, Rotha«, rief er zu Miles. »Kommen Sie hier herüber.«
Also bin ich wieder ›Rotha‹. Miles setzte ein öliges Lächeln auf und rückte näher heran. Er faßte den Projektor ins Auge und bemühte sich, sein gieriges Interesse zu verbergen. Die Ariel? Ja, da war er auf dem Vid-Display, der elegante Kreuzer, auf Illyrica gebaut …
Kommandierte ihn noch Bei Thorne? Wie kann ich auf dieses Schiff gelangen?
»Schmeißen Sie mich nicht hier raus!«, protestierte Miles eindringlich. »Die Oserer wollen mir an den Kragen. Ich schwöre, ich wußte nicht, daß die Plasmabögen defekt waren!«
»Was für Plasmabögen?«, fragte der Kapitän.
»Ich bin Waffenhändler. Ich habe ihnen ein paar Plasmabögen verkauft. Billig. Es stellte sich heraus, daß sie eine Tendenz zum Blockieren bei Überbelastung haben und dann die Hand ihres Benutzers wegpusten. Ich wußte das nicht, ich hatte sie en gros eingekauft.«
Die rechte Hand des Ranger-Kapitäns öffnete und schloß sich in einer Geste des Nachempfindens. Unbewußt rieb er seine Handfläche an den Hosen ab, hinter seinem Plasmabogenhalfter. Er musterte Miles und blickte säuerlich drein.
»Also mit dem Kopf zuerst«, sagte er nach einem Augenblick. »Leutnant, Sie und der Korporal nehmen diesen kleinen Mutanten zur Personalschleuse auf Backbord, packen ihn in ein Bodpod und werfen ihn hinaus. Wir fahren heim.«