»Nein«, sagte Miles schwach, als jeder von den beiden ihn bei einem Arm nahm. Ja! Er ließ seine Füße schleifen und achtete darauf, daß er nicht soviel Widerstand leistete, daß er seine Knochen gefährdete. »Ihre werdet mich nicht in den Raum hinauswerfen …!« Die Ariel, mein Gott …
»Oh, die Aslunder-Söldner werden Sie auffischen«, sagte der Kapitän. »Vielleicht. Falls sie nicht zu dem Schluß kommen, Sie seien eine Bombe, und dann versuchen. Sie im Raum detonieren zu lassen, mit Plasmafeuer von ihrem Schiff aus oder sowas.«
Bei dieser Vorstellung grinste er, dann drehte er sich wieder zur Kommunikationsanlage und begann einen gelangweilten Singsang für die Flugsicherung: »Ariel … ah … hier ist die C6WG. Wir haben entschieden … äh … unseren registrierten Flugplan zu ändern und zur Vervain-Station zurückzukehren. Wir haben deshalb keinen Bedarf für eine Inspektion vor dem Andocken. Wir lassen Ihnen jedoch ein … äh … kleines Abschiedsgeschenk zurück. Sehr klein. Was Sie damit machen wollen, ist Ihr Problem …«
Die Tür des Navigationsraums schloß sich hinter ihnen. Ein paar Meter Korridor und eine scharfe Wendung brachten Miles und seine Betreuer zu einer Personalluke. Der Korporal hielt Miles, der sich wehrte; der Leutnant öffnete einen Spind und holte ein Bodpod heraus.
Das Bodpod war eine billige aufblasbare LebenserhaltungsEinheit, die dafür konstruiert war, daß gefährdete Passagiere sie binnen Sekunden betreten konnten, entweder bei Notfällen mit dem Luftdruck oder zum Verlassen des Schiffes. Das Bodpod wurde auch Idiotenballon genannt. Bedienungskenntnisse waren dafür nicht erforderlich, da es keine Steuereinrichtungen besaß, nur eine Luftaufbereitungsanlage, die ein paar Stunden durchhielt, und einen Ortungspiepser. Passiv, idiotensicher und nicht für Klaustrophobe empfohlen, war das Bodpod sehr kosteneffektiv beim Retten von Menschenleben — wenn geeignete Rettungsschiffe rechtzeitig eintrafen.
Miles ließ einen echt klingenden Schrei los, als er in das dumpfige, nach Plastik riechende Innere des Bodpods gesteckt wurde. Ein Ruck an der Reißleine, und es schloß sich automatisch und wurde ebenso automatisch aufgeblasen. Miles erlebte eine kurze, schreckliche Rückerinnerung an das im Schlamm versunkene Blasenzelt auf der Insel Kyril und würgte einen echten Aufschrei zurück. Er wurde herumgeschleudert, als die Ranger das Bodpod in die Luftschleuse rollten. Ein Zischen, ein dumpfer Schlag, ein Ruck — und er befand sich schon im freien Fall in pechschwarzer Dunkelheit.
Das kugelförmige Bodpod hatte einen Durchmesser von wenig mehr als einem Meter. Miles saß zusammengekrümmt und tastete um sich, wobei sein Magen und sein Innenohr gegen den Drall protestierten, den die Kugel durch den Stoß nach draußen mitbekommen hatte, bis seine zitternden Finger etwas fanden, das, wie er hoffte, ein Kaltlichtrohr war. Er drückte es und wurde mit einem ekelhaft grünlichen Leuchten belohnt.
Tiefes Schweigen herrschte, abgesehen von dem leisen Zischen des Luftrecyclers und Miles’ stoßweisem Atem. Nun ja … es ist besser als beim letzten Mal, als jemand versuchte, mich zu einer Luftschleuse hinauszustoßen. Er hatte einige Minuten Zeit, um sich all die möglichen Aktionen auszumalen, die die Ariel unternehmen könnte, anstatt ihn aufzulesen. Er hatte sich gerade mit Gänsehaut vorgestellt, wie das Schiff das Feuer auf ihn eröffnete, und ging über zum Erstickungstod in kalter Dunkelheit, als er und sein Bodpod von einem Traktorstrahl angezogen wurden.
Der Bediener des Traktor-Strahls war offensichtlich ein Tolpatsch und litt an Schüttellähmung, aber nach ein paar Minuten des Herumjonglierens zeigte die Rückkehr von Schwerkraft und Außengeräuschen Miles an, daß er sicher in eine funktionierende Luftschleuse verfrachtet worden war. Das Zischen der Innentür; verzerrte menschliche Stimmen. Ein weiterer Augenblick, und der Idiotenballon begann zu rollen. Er schrie laut auf und kauerte sich kugelförmig zusammen, um mit seiner Hülle zu rollen, bis die Bewegung aufhörte. Er setzte sich auf, holte tief Atem und versuchte seine Uniform zu ordnen.
Gedämpfte Schläge gegen die Außenwand des Bodpods.
»Ist da drin jemand?«
»Ja!«, rief Miles zurück.
»Eine Minute noch …«
Quietschen, Klirren, dann ein reißendes Knirschen, als der Verschluß aufgebrochen wurde. Das Bodpod begann zusammenzusinken, als die Luft daraus entwich. Miles bahnte sich seinen Weg aus den Falten des Bodpods und stand wackelig da, mit all der Unbeholfenheit und Würdelosigkeit eines frisch ausgebrüteten Kükens.
Er befand sich in einem kleinen Frachtraum. Drei grauweiß uniformierte Soldaten standen in einem Kreis um ihn herum und zielten mit Betäubern und Nervendisruptoren auf seinen Kopf. Ein schlanker Offizier mit Kapitänsabzeichen, einen Fuß auf einen Kanister gestützt, beobachtete, wie Miles aus dem Bodpod hervorkam.
Die schmucke Uniform und das weiche braune Haar des Offiziers gaben keinen Hinweis, ob man auf einen grazilen Mann oder eine ungewöhnlich entschlossene Frau blickte. Diese Zweideutigkeit war bewußt kultiviert: Bei Thorne war ein betanischer Hermaphrodit, Angehöriger einer Minderheit und Nachkomme eines sozio-genetischen Experiments, das vor einem Jahrhundert stattgefunden, sich aber nicht durchgesetzt hatte. Thornes Gesichtsausdruck wandelte sich von Skepsis zu Erstaunen, als Miles zum Vorschein kam.
Miles grinste zurück. »Hallo, Pandora. Die Götter haben euch ein Geschenk geschickt. Aber da ist ein Haken dabei.«
»Ist nicht immer einer dabei?« Thornes Gesicht leuchtete freudig auf, er trat vor und faßte Miles mit übersprudelnder Begeisterung um die Taille. »Miles!«
Thorne ließ Miles wieder los und blickte wißbegierig auf sein Gesicht herab. »Was tust du hier?«
»Irgendwie habe ich mir gedacht, daß dies deine erste Frage sein würde«, seufzte Miles.
»… und was tust du in der Ranger-Kleidung?«
»Meine Güte, bin ich froh, daß du nicht zu den Typen gehörst, die zuerst schießen und dann fragen.« Miles befreite seine pantoffelgekleideten Füße aus dem zusammengesunkenen Bodpod. Die Soldaten zielten, etwas unsicher, immer noch auf ihn.
»Ach …«, Miles zeigte auf sie.
»Zieht euch zurück, Leute«, befahl Thorne. »Es ist alles in Ordnung.«
»Ich wünsche, das wäre wahr«, sagte Miles. »Bei, wir müssen miteinander reden.«
In Thornes Kabine an Bord der Ariel erlebte Miles die gleiche schmerzliche Mischung von Vertrautheit und Wandel, die ihm in allen Söldnerdingen begegnet war. Das Aussehen, die Geräusche, die Gerüche des Innern der Ariel lösten Sturzfluten von Erinnerungen aus.
Die Kapitänskabine war jetzt mit Beis persönlichen Habseligkeiten angefüllt: Vid-Bibliothek, Waffen, Erinnerungsstücke an Kampfeinsätze (darunter der halbgeschmolzene Helm einer Raumrüstung, der zu Schlacke geworden war, als er Thornes Leben gerettet hatte, und jetzt als Lampe diente), ein kleiner Käfig, der ein exotisches Haustier von der Erde beherbergte, das Thorne einen Hamster nannte.
Thorne bereitete Miles eine Tasse aus seinem privaten Vorrat an nichtsynthetischem Tee. Zwischen den einzelnen Schlucken erzählte Miles Thorne die Admiral-Naismith-Version der Realität, sehr ähnlich derjenigen, die er Oser und Tung erzählt hatte: der Auftrag der Einschätzung der Hegen-Nabe, der mysteriöse Auftraggeber usw.
Gregor wurde darin natürlich verschwiegen, ebenso jeder Hinweis auf Barrayar. Miles Naismith sprach mit einem rein betanischen Akzent.
Andrerseits hielt sich Miles so nahe, wie er konnte, an die Fakten seines Aufenthalts bei Randall’s Rangers.
»Also ist Leutnant Lake von unseren eigenen Konkurrenten geschnappt worden«, sagte Thorne nachdenklich nach Miles’ Beschreibung des blonden Leutnants, dem er im Schiffsgefängnis auf der Kurins Hand begegnet war. »Könnte keinem netteren Burschen passieren, aber — wir sollten besser wieder unsere Codes ändern.«