»Als Pirat«, Oser zuckte die Achseln.
»Nein — als Sündenbock.«
»Was?«
»Dieser Mann wurde — das wissen Sie anscheinend nicht — aus den Kaiserlich Barrayaranischen Streitkräften wegen Brutalität unehrenhaft entlassen.«
Oser blinzelte. »Aus den Barrayaranischen Streitkräften? Da muß er schon was angestellt haben.«
Miles schluckte einen Anflug von Befangenheit hinunter. »Nun ja. Er, hm … hatte sich das falsche Opfer ausgesucht. Aber wie dem auch sei, sehen Sie es nicht?
Die cetagandanische Invasionsflotte springt auf Cavilos Einladung hin in den Lokalraum von Vervain — vermutlich auf Cavilos Signal hin. Die Cetagandaner ›retten‹ in ihrer Herzensgüte den Plan vor den verräterischen Söldnern. Die Rangers hauen ab. Metzov wird als Sündenbock zurückgelassen — genau wie der Kerl, der aus der Troika den Wölfen zur Ablenkung hingeworfen wird…« — hoppla, das war keine sehr betanische Metapher —, »um von den Cetagandanern öffentlich gehängt zu werden, damit sie ihre ›redlichen Absichten‹ demonstrieren können. Schaut, dieser üble Barrayaraner hat euch das angetan, ihr braucht den Schutz unseres Imperiums gegen die Bedrohung durch das Kaiserreich von Barrayar, und hier sind wir.
Und Cavilo wird dreimal bezahlt. Einmal von den Vervani, einmal von den Cetagandanern, und das drittemal von Jackson’s Whole, wenn sie ihre Beute auf dem Weg nach draußen an die Hehler verkauft. Alle profitieren davon. Ausgenommen die Vervani natürlich.« Er machte eine Pause, um Atem zu holen.
Oser blickte überzeugt drein — und besorgt. »Glauben Sie, daß die Cetagandaner planen, in die Nabe vorzustoßen? Oder werden sie auf Vervain haltmachen?«
»Natürlich werden sie durchstoßen. Die Nabe ist das strategische Ziel, Vervain ist nur ein Sprungbrett auf dem Weg dorthin. Daher die abgekartete Sache mit den ›bösen Söldnern‹. Die Cetagandaner wollen so wenig Energie wie möglich aufwenden, um die Vervani zu befrieden. Sie werden Vervain vermutlich das Etikett einer ›verbündeten Satrapie‹ verpassen, die Raumfahrtrouten besetzen und kaum auf dem Planeten landen. Ihn dann über eine Generation hinweg ökonomisch aufsaugen.
Die Frage ist, werden die Cetagandaner auf Pol haltmachen? Werden sie versuchen, es mit diesem einen Zug zu nehmen, oder als einen Puffer zwischen sich und Barrayar lassen? Eroberung oder Werbung? Wenn sie die Barrayaraner ködern könnten, ohne Erlaubnis durch Pol hindurch anzugreifen, so könnte das sogar die Polianer in ein Bündnis mit den Cetagandanern treiben — uff!« Er ging wieder auf und ab.
Oser blickte drein, als hätte er in etwas Ekliges gebissen. Noch mit einem halben Wurm drin. »Ich wurde nicht angeheuert, um mich mit dem Imperium von Cetaganda in einen Kampf einzulassen. Ich erwartete höchstens, gegen die Söldner der Vervani zu kämpfen, wenn die ganze Geschichte nicht einfach im Sand verliefe. Wenn die Cetagandaner hier in der Nabe ankommen, mit großer Zahl, dann werden wir … in der Falle sitzen. Eingepfercht mit einer Sackgasse im Rücken.« Und dann fügte er gemurmelt hinzu: »Vielleicht sollten wir uns überlegen, hier herauszukommen, solange das noch geht …«
»Aber Admiral Oser, erkennen Sie nicht«, Miles zeigte auf Metzov, »sie hätte ihn nie aus ihrer Sichtweite gelassen mit all dem Zeug in seinem Kopf, wenn dies noch ein aktiver Plan wäre. Sie mag beabsichtigt haben, daß er bei dem Versuch, mich umzubringen, umkommt, aber da gab es immer die Möglichkeit, daß er überlebte — daß genau diese Art von Verhör herauskäme. All dies ist der alte Plan. Es muß noch einen neuen Plan geben.« Und ich glaube, ich weiß, worin er besteht.
»Da ist … ein anderer Faktor. Eine neue Unbekannte in der Gleichung.« Gregor. »Wenn ich mich nicht ganz täusche, dann bringt die cetagandanische Invasion Cavilo jetzt in beträchtliche Verlegenheit.«
»Admiral Naismith, ich wäre bereit zu glauben, daß Cavilo mit jedem, den Sie nennen mögen, falsches Spiel treiben würde — außer mit den Cetagandanern. Die würden eine ganze Generation darauf verwenden, Rache zu nehmen. Sie könnte nicht weit genug davonlaufen. Sie würde nicht überleben, um ihren Profit auszugeben. Nebenbei bemerkt, welcher vorstellbare Profit wiegt dreifache Bezahlung auf?«
Aber wenn sie erwartet, das Barrayaranische Kaiserreich zu haben, um sich vor Vergeltung zu schützen — all unsere Sicherheitsressourcen … »Ich sehe einen Weg, auf dem sie erwarten könnte davonzukommen«, sagte Miles. »Wenn das funktioniert, wie sie es will, dann wird sie allen Schutz haben, den sie wünscht. Und den ganzen Profit.«
Es könnte funktionieren, es könnte wirklich funktionieren. Wenn Gregor tatsächlich in ihrem Bann stünde. Und wenn zwei unangenehm feindlich gesinnte Leumundszeugen, Miles und General Metzov, sich praktischerweise gegenseitig umbrächten. Sie könnte ihre Flotte verlassen, Gregor nehmen, vor den ankommenden Cetagandanern fliehen und sich dann den Barrayaranern als die Frau präsentieren, die unter großen persönlichen Opfern Gregor ›gerettet‹ hätte.
Wenn dann obendrein noch ein in sie verknallter Gregor sie drängte, seine Frau zu werden, würdige Mutter für einen zukünftigen Sprößling der Kriegerkaste — die romantische Wirkung des Dramas könnte genügend öffentliche Unterstützung einbringen, um das Urteilsvermögen kühlerer Berater zu überwältigen. Miles’ Mutter hatte weiß Gott das Fundament für ein solches Szenario gelegt. Sie könnte das wirklich fertigbringen.
Kaiserin Cavilo von Barrayar. Klingt sogar gut. Und sie könnte ihre Karriere damit krönen, daß sie absolut jeden verriete, sogar ihre eigenen Streitkräfte …
»Miles, der Blick in deinem Gesicht …«, sagte Elena besorgt.
»Wann?«, sagte Oser. »Wann werden die Cetagandaner angreifen?« Er lenkte Metzovs herumschweifende Aufmerksamkeit auf sich und wiederholte die Frage.
»Nur Cavie weiß es.« Metzov kicherte. »Cavie weiß alles.«
»Es muß unmittelbar bevorstehen«, argumentierte Miles. »Es mag vielleicht sogar gerade beginnen. Das schließe ich aus Cavilos Timing für meine Rückkehr hierher. Es war ihre Absicht, die De… die Flotte mit unseren inneren Kämpfen gerade jetzt zu lähmen.«
»Wenn das wahr ist«, murmelte Oser, »was ist dann zu tun …?«
»Wir sind zu weit weg. Anderthalb Tage weg vom Schauplatz. Der wird am Wurmloch der Vervain-Station sein. Und jenseits davon, im Lokalraum der Vervani. Wir müssen näher herankommen. Wir müssen die Flotte zur anderen Seite des Systems bewegen — Cavilo gegen die Cetagandaner festnageln. Sie blokkieren.«
»Brr! Ich fange doch nicht Hals über Kopf einen Angriff auf das cetagandanische Imperium an!«, unterbrach ihn Oser scharf.
»Sie müssen. Sie werden früher oder später gegen sie kämpfen müssen. Entweder wählen Sie den Zeitpunkt, oder die Cetagandaner werden es tun. Die einzige Chance, sie zu stoppen, ist am Wurmloch. Wenn sie einmal hindurch sind, dann ist es unmöglich.«
»Wenn ich meine Flotte von Aslund fortbewegte, dann würden die Vervani denken, daß wir sie angreifen wollen.«
»Und sie würden mobilmachen, sich in Alarmbereitschaft versetzen. Gut. Aber sie würden in die falsche Richtung schauen — nicht gut. Und wir würden am Ende ein Ablenkungsmanöver für Cavilo darstellen. Verdammt! Das ist zweifellos ein anderer Zweig ihres Strategiebaums.«
»Nehmen wir mal an — wenn die Cetagandaner nun Cavilo in solche Verlegenheit bringen, wie Sie behaupten —, daß sie ihnen nicht das Stichwort gibt?«
»Oh, sie braucht sie noch. Aber für einen anderen Zweck. Sie braucht sie, um vor ihnen zu fliehen. Und dafür, daß die Cetagandaner alle Zeugen für Cavilos Verrat en masse umbringen. Aber sie braucht sie nicht, um Erfolg zu haben. Tatsächlich ist es für Cavilo jetzt notwendig, daß die cetagandanische Invasion steckenbleibt. Falls sie wirklich in ihrem neuen Plan so langfristig denkt, wie sie sollte.«