»Diesmal nicht«, antwortete Miles grimmig. »Du hast vielleicht bemerkt, daß ich ein Thema nicht zur Sprache gebracht habe, drunten in der Krankenstation.«
»Gregor.«
»Genau. Cavilo hält ihn zu diesem Zeitpunkt als Geisel an Bord ihres Flaggschiffes.«
Elena beugte verzweifelt den Hals. »Hat sie denn vor, ihn den Cetagandanern gegen einen Bonus zu verkaufen?«
»Nein. Schlimmer. Sie hat vor, ihn zu heiraten.«
Elena verzog überrascht die Lippen. »Was? Miles, es ist doch nicht möglich, daß sie auf einen solch unmöglichen Gedanken gekommen ist, wenn nicht …«
»Wenn nicht Gregor ihn ihr eingegeben hat. Was er meiner Meinung nach getan hat. Hat ihn auch gewässert und gedüngt. Was ich nicht weiß, ist, ob es ihm ernst damit war oder ob er auf Zeit spielt. Sie hat sehr darauf geachtet, uns getrennt zu halten. Du kanntest Gregor fast so gut wie ich selbst. Was glaubst du?«
»Es ist schwer, sich vorzustellen, daß Gregor so verknallt ist, daß er darüber den Verstand verloren hat. Er war immer … ziemlich ruhig. Fast, nun ja, sexuell unterentwickelt. Verglichen mit Ivan zum Beispiel.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob das ein fairer Vergleich ist.«
»Nein, du hast recht. Nun gut, dann verglichen mit dir.«
Miles fragte sich, wie er das wohl auffassen sollte.
»Gregor hatte nie viele Gelegenheiten, als wir jünger waren. Ich meine, kein Privatleben. Immer den Sicherheitsdienst im Nacken. Das … kann einen Mann hemmen, wenn er nicht gerade ein Exhibitionist ist.«
Ihre Hand bewegte sich, als wollte sie Gregors glatte, grifflose Oberfläche abmessen. »Das war er nicht.«
»Sicher muß Cavilo achtgeben, daß sie nur ihre attraktivste Seite zeigt.«
Elena fuhr sich nachdenklich mit der Zunge über die Lippen. »Ist sie hübsch?«
»Ja, wenn man zufällig machtgierige, mörderische blonde Irre mag, dann könnt sie ganz überwältigend sein, nehme ich an.«
Er ballte die Faust: die Erinnerung daran, wie sich Cavilos pelziges Haar angefühlt hatte, war wie ein Jucken auf seiner Handfläche. Er rieb sie an seiner Hosennaht.
Elenas Gesicht hellte sich etwas auf. »Aha, du magst sie nicht.«
Miles blickte zu ihr auf. »Sie ist für meinen Geschmack zu klein.«
Elena grinste. »Das glaube ich dir.«
Sie führte den schlurfenden Oser zu einem Stuhl und setzte ihn hin. »Wir müssen ihn bald festbinden oder so.«
Der Kommunikator summte. Miles ging zu Osers Tischkonsole, um zu antworten. »Ja?«, sagte er mit seiner ruhigsten, gelangweiltesten Stimme.
»Hier Korporal Meddis, Sir. Wir haben den vervanischen Agenten in Zelle Neun gesteckt.«
»Danke, Korporal. Ach …« Es war einen Versuch wert: »Wir haben noch etwas Schnell-Penta übrig. Würden Sie beide bitte Kapitän Tung hier heraufbringen zu einer Vernehmung?«
Außer Reichweite der Vidkamera hob Elena hoffnungsvoll ihre dunklen Augenbrauen.
»Tung, Sir?« In der Stimme des Wächters klang Zweifel an. »Hm, soll ich dann mein Kommando noch mit ein paar Leuten verstärken?«
»Sicher … schauen Sie mal, ob Sergeant Chodak in der Nähe ist, er hat vielleicht ein paar Leute bereit für Extradienst. In der Tat, steht er nicht selber auf dem Dienstplan für Sondereinsatz?« Er blickte auf und sah, wie Elena Daumen und Zeigefinger zu einem O zusammengelegt hochhielt.
»Ich glaube schon, Sir.«
»Schön, wie auch immer. Machen Sie weiter. Naismith Ende.« Er schaltete den Kommunikator aus und starrte ihn an, als hätte er sich in Aladins Lampe verwandelt.
»Ich glaube nicht, daß es mir bestimmt ist, heute zu sterben. Ich muß wohl bis übermorgen noch verschont bleiben.«
»Meinst du?«
»O ja. Ich werde dann eine viel größere, öffentlichere und spektakulärere Chance haben, alles hinwegzufegen. In der Lage sein, Tausende weiterer Leben mit mir hinabzureißen.«
»Bekomm jetzt bloß nicht deinen törichten Bammel, du hast dafür keine Zeit.« Sie klopfte ihm mit dem Hypospray empfindlich auf seine Fingerknöchel. »Du mußt dir etwas ausdenken, um uns aus diesem Loch herauszubringen.«
»Ja, Madame«, sagte Miles sanft und rieb sich die Hand. Was ist denn mit dem ›Mylord‹ geschehen? Kein Respekt, niemand … Aber er war auf seltsame Weise getröstet.
»Übrigens, als Oser Tung verhaften ließ, weil er meine Flucht arrangiert hatte, warum machte er nicht weiter und nahm dich und Arde und Chodak und die übrigen von eurem Kader nicht auch fest?«
»Er hat Tung nicht deshalb verhaftet. Zumindest glaube ich das nicht. Er piesackte Tung, was seine Gewohnheit war, sie waren beide zur gleichen Zeit auf der Brücke — das war ungewöhnlich —, und Tung verlor schließlich die Beherrschung und versuchte, ihn niederzuschlagen. Schlug ihn sogar zu Boden, hörte ich, und war drauf und dran, ihn zu erwürgen, als die Sicherheitsleute ihn wegzogen.«
»Es hatte also nichts mit uns zu tun?«
Das war eine Erleichterung.
»Ich bin … nicht sicher. Ich war nicht an Ort und Stelle. Es könnte ein Ablenkungsmanöver gewesen sein, damit genau diese Verbindung Osers Aufmerksamkeit entging.«
Elena nickte in Richtung auf den immer noch sanft lächelnden Oser. »Und jetzt?«
»Wir lassen ihn ungebunden, bis Tung gebracht wird. Wir alle sind hier einfach glückliche Verbündete.« Miles verzog das Gesicht. »Aber laß um Gottes willen niemanden versuchen, mit ihm zu reden.«
Das Türsignal summte. Elena stellte sich hinter Osers Stuhl, legte eine Hand auf seine Schulter und bemühte sich so verbündet wie möglich auszusehen. Miles ging zur Tür und aktivierte das Schloß. Die Tür glitt zur Seite.
Ein Kommando aus sechs nervösen Männern umringte einen feindselig dreinblickenden Ky Tung. Tung trug den hellgelben Pyjama eines Gefangenen und strahlte Groll aus wie eine kleine Sonne, die demnächst zu einer Nova explodieren wird. Er biß die Zähne völlig verwirrt aufeinander, als er Miles sah.
»Ah, danke, Korporal«, sagte Miles. »Wir werden eine kleine informelle Stabsbesprechung nach diesem Verhör abhalten. Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Sie und Ihr Kommando dort draußen Wache hielten. Und für den Fall, daß Kapitän Tung wieder gewalttätig wird, sollten wir lieber — o ja, Sergeant Chodak und ein paar von Ihren Leuten hier drinnen haben.«
Er betonte das ›Ihre‹ ohne Veränderung in der Stimme, aber mit einem direkten Blick in Chodaks Augen.
Chodak verstand den Wink. »Jawohl, Sir. Gefreiter, kommen Sie mit mir.«
Ich befördere Sie zum Leutnant, dachte Miles, trat zur Seite und ließ den Sergeanten und den Mann seiner Wahl Tung hineinführen. Oser, der fröhlich aussah, war einen Augenblick lang für das Kommando deutlich sichtbar, bevor sich die Tür wieder zischend schloß.
Oser war auch für Tung deutlich sichtbar. Tung schüttelte seine Bewacher ab und trat vor den Admiral. »Was jetzt, du Scheißkerl, denkst du, du …?« Tung hielt inne, als Oser ihn auch weiterhin bekloppt anlächelte. »Was ist denn mit ihm los?«
»Nichts«, Elena zuckte die Achseln. »Ich glaube, diese Dosis Schnell-Penta hat seine Persönlichkeit wirklich verbessert. Zu schade, daß das nur vorübergehend ist.«
Tung warf den Kopf zurück, lachte bellend und wirbelte herum, um Miles an den Schultern zu packen und zu schütteln. »Du hast es geschafft, du kleiner … du bist zurückgekommen. Wir sind im Geschäft!«
Chodaks Mann zuckte, als sei er unsicher, in welche Richtung oder auf wen er losstürmen sollte. Chodak packte ihn am Arm, schüttelte schweigend den Kopf und zeigte auf die Wand neben der Tür. Er steckte seinen Betäuber in das Halfter und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen, nach einem Moment der Verwirrung folgte sein Mann seinem Beispiel und flankierte die andere Seite der Tür.