»Bis zu einem gewissen Punkt beabsichtige ich genau das zu tun«, sagte Miles. »Wenn ich nur wüßte, was Gregor denkt.« Er machte eine Pause.
»Wenn wir sowohl Gregor als auch den Kampf ums Wurmloch verlieren, dann werden die Cetagandaner just in dem Augenblick vor unserer Tür erscheinen, wo bei uns die größte innere Unordnung herrscht. Was für eine Versuchung für sie, was für eine Verlockung! — Sie wollten schon immer Komarr haben. Wir könnten einer zweiten cetagandanischen Invasion in den Rachen blicken, was für sie eine fast so große Überraschung wäre wie für uns. Sie mögen schlau angelegte Pläne bevorzugen, aber sie sind nicht erhaben über einen kleinen Opportunismus — nicht über eine Gelegenheit, die sich so überwältigend anbietet …«
Angetrieben von dieser Schreckensvision, wandten sie sich entschlossen den technischen Einzelheiten zu, wobei sich Miles an den alten Spruch über die Notwendigkeit eines Nagels erinnerte.
Sie hatten den Überblick fast abgeschlossen, als der diensthabende Kommunikationsoffizier Miles über seine Komkonsole anrief. »Admiral Naismith, Sir?« Der Offizier blickte interessiert Miles ins Gesicht und fuhr dann fort: »Da ist ein Mann in der Andockbucht der Sie zu sprechen wünscht. Er behauptet, wichtige Informationen zu haben.«
Miles erinnerte sich an den theoretischen Ersatzattentäter. »Was wissen Sie über seine Identität?«
»Er will, man solle Ihnen sagen, sein Name sei Ungari. Das ist alles, was aus ihm herauszubekommen ist.«
Miles hielt den Atem an. Endlich kam die Kavallerie! Oder war das ein schlauer Trick, um Zugang zu bekommen? »Können Sie mich einen Blick auf ihn werfen lassen, ohne daß er es merkt?«
»In Ordnung, Sir.« Das Gesicht des Offiziers wurde auf dem Vid durch eine Ansicht der Andockbucht der Triumph abgelöst. Das Vid zoomte auf zwei Männer in Aslunder Technikeroveralls. Miles sank erleichtert zusammen. Hauptmann Ungari. Und der liebe Sergeant Overholt.
»Danke sehr. Lassen Sie ein Kommando die beiden Männer zu meiner Kabine begleiten.« Er blickte schnell auf Baz. »In … hm … etwa zehn Minuten.«
Er schaltete aus und erklärte: »Das ist mein Chef vom Sicherheitsdienst. Gott sei Dank! Aber — ich bin nicht sicher, ob ich in der Lage wäre, ihm den besonderen Status deiner Anklage wegen Desertion zu erklären. Ich meine, er gehört zum kaiserlichen Sicherheitsdienst, nicht zur Sicherheitsabteilung der Streitkräfte, und ich kann mir nicht vorstellen, daß der alte Haftbefehl für dich gerade jetzt auf der Liste seiner Anliegen obenan steht, aber es wäre vielleicht … einfacher, wenn du ihm aus dem Weg gehst, oder?«
»Mm.« Baz verzog das Gesicht zum Zeichen der Zustimmung. »Ich nehme an, ich habe Pflichten, um die ich mich kümmern muß?«
»Das ist nicht gelogen. Baz …« Einen Moment lang sehnte sich Miles danach, Baz zu sagen, er solle Elena nehmen und fliehen, weit weg in Sicherheit gehen vor der drohenden Gefahr. »Es wird bald echt verrückt zugehen.«
»Wenn Miles der Verrückte wieder die Leitung hat, wie könnte es da anders sein?« Baz zuckte die Achseln und lächelte. Er ging zur Tür.
»Ich bin nicht so verrückt wie Tung — guter Gott, niemand nennt mich so, nicht wahr?«
»Ach — das ist ein alter Scherz. Nur unter ein paar, alten Dendarii.« Baz beschleunigte seinen Schritt.
Und es gibt sehr wenige alte Dendarii. Das war unglücklicherweise nicht witzig. Die Tür schloß sich zischend hinter dem Ingenieur.
Ungari. Ungari. Endlich jemand, der die Verantwortung übernahm. Wenn ich nur Gregor bei mir hätte, dann wäre ich genau jetzt fertig. Aber zumindest kann ich herausfinden, was unsere Seite die ganze Zeit über im Schilde geführt hat. Erschöpft legte er den Kopf auf die Arme über Osers Komkonsolenpult und lächelte. Hilfe kam. Endlich.
Ein Traum schlich sich zwischen seine Gedanken und verwirrte sie, als der Summer an der Kabinentür erneut ertönte, schreckte Miles aus zu lang aufgeschobenem Schlaf hoch. Er rieb sich benommen das Gesicht und drückte den Türöffner auf dem Tisch. »Herein.«
Er blickte schnell auf sein Chrono: nur vier Minuten hatte er mit diesem Abgleiten des Bewußtseins verloren. Es war endgültig Zeit für eine Pause.
Chodak und zwei Dendarii-Wachen eskortierten Hauptmann Ungari und Sergeant Overholt in den Raum. Ungari und Overholt waren beide in die gelbbraunen Overalls Aslunder Aufseher gekleidet, zweifellos mit dazu passenden Ausweisen. Miles lächelte ihnen glücklich zu.
»Sergeant Chodak, Sie und Ihre Männer warten draußen.«
Chodak wirkte arg enttäuscht über diesen Ausschluß. »Und bitten Sie Oberstleutnant Elena Bothari-Jesek, daß sie hierherkommt, wenn sie mit ihrer gegenwärtigen Aufgabe fertig ist. Danke.«
Ungari wartete ungeduldig, bis sich die Tür hinter Chodak geschlossen hatte, und trat dann vor. Miles stand auf und salutierte schneidig.
»Froh, Sie zu sehen.«
Zu Miles’ Überraschung erwiderte Ungari den Gruß nicht, statt dessen packten seine Hände Miles’ Uniformjacke und hoben ihn hoch. Miles spürte, daß Ungari nur unter größter Zurückhaltung nach seinen Jackenaufschlägen statt nach seinem Hals gegriffen hatte. »Vorkosigan, Sie Idiot! Was für ein Spiel haben Sie, zum Teufel noch mal, getrieben?«
»Ich habe Gregor gefunden, Sir. Ich …« — sag nicht, habe ihn verloren. »Ich rüste gerade eine Expedition aus, um ihn zu retten. Ich bin so froh, daß Sie Kontakt mit mir aufgenommen haben, eine Stunde später, und Sie hätten das Boot verpaßt. Wenn wir unsere Informationen und Ressourcen zusammentun …«
Weder lockerte sich Ungaris Griff noch entspannten sich seine verzerrten Lippen. »Wir wissen, daß Sie den Kaiser gefunden haben, wir sind euch beiden von der Haftabteilung des Konsortiums bis hierher gefolgt. Dann seid ihr beide plötzlich verschwunden.«
»Haben Sie nicht Elena gefragt? Ich dachte, Sie würden das tun — hören Sie, Sir, setzen Sie sich, bitte«, und lassen Sie mich herunter, verdammt — Ungari schien nicht zu bemerken, daß Miles’ Zehen nach dem Boden tasteten, »und erzählen Sie mir, wie das alles von Ihrem Standpunkt aus ausgesehen hat. Das ist sehr wichtig.«
Ungari atmete heftig, ließ Miles los und setzte sich auf den angewiesenen Dienststuhl, oder zumindest auf dessen Rand. Auf ein Handzeichen hin bezog Overholt hinter ihm Position. Miles blickte mit einer gewissen Erleichterung auf Overholt, den er zuletzt mit dem Gesicht nach unten bewußtlos auf dem Boden der Halle der Konsortium-Station hatte liegen sehen. Der Sergeant schien völlig erholt zu sein, wenn auch müde und gestresst.
Ungari sagte: »Als Sergeant Overholt endlich zu sich kam, folgte er Ihnen zur Haftabteilung des Konsortiums, aber da waren Sie schon verschwunden. Er dachte, die hätten das bewerkstelligt, die dachten, er hätte das eingefädelt. Er warf mit Bestechungsgeldern um sich, und schließlich erfuhr er die Geschichte von dem Kontraktsklaven, den Sie zusammengeschlagen hatten — einen Tag später, als der Mann endlich reden konnte …«
»Er hat also überlebt«, sagte Miles. »Gut, Gre… — wir hatten uns deshalb Sorgen gemacht.«
»Ja, aber Overholt erkannte anfangs den Kaiser in den Berichten des Kontraktsklaven nicht — der Sergeant war nicht auf der Liste derer gewesen, die man über sein Verschwinden informiert hatte.«