Die Streitkräfte der Aslunder wurden in höchsten Alarmzustand versetzt. Da der plötzliche Abzug ihrer treulosen Söldner sie ihrer mutmaßlichen Verteidigung entblößt hatte, wurden Verstärkungen angefordert, mobile Streitkräfte in die Nabe verlegt, Reserven aktiviert. Miles atmete erleichtert auf, als die letzten Schiffe der Dendarii-Flotte die Region der Aslunder geräumt hatten und dem offenen Raum zustrebten. Da die Aslunder durch die Verwirrung aufgehalten worden waren, konnte jetzt keine Aslunder Verfolgertruppe die Dendarii noch einholen, bis sie in der Nähe des Wurmlochs von Vervain die Geschwindigkeit verlangsamten. Und dort dürfte es mit der Ankunft der Cetagandaner nicht allzu schwer sein, die Aslunder dazu zu überreden, sich selbst als Reserven der Dendarii einzustufen.
Das Timing war, wenn schon nicht alles, so doch sehr viel.
Angenommen, Cavilo hatte noch nicht ihren Startcode an die Cetagandaner gesendet. Die plötzliche Bewegung der DendariiFlotte könnte ihr durchaus einen solchen Schreck einjagen, daß sie ihr Komplott fallenließ.
Schön, dachte Miles. In diesem Fall hätte er die cetagandanische Invasion gestoppt, ohne daß ein Schuß abgefeuert worden wäre. Ein perfekter Krieg der Manöver, nach Admiral Aral Vorkosigans eigener Definition. Natürlich würde ich da politisch dumm aus der Wäsche schauen, und von drei Seiten wäre ein Lynchmob hinter mir her, aber Papa würde mich verstehen — hoffe ich.
Das würde das Überleben und Gregors Befreiung als seine einzigen taktischen Ziele übriglassen, was im Kontrast zur gegenwärtigen Lage absurder- und erfreulicherweise leicht erschien. Es sei denn natürlich, Gregor wollte nicht befreit werden …
Weitere, feinere Zweige des Strategiebaums mußten auf die Ereignisse warten, entschied Miles völlig erschöpft. Er wankte in Osers Kabine, fiel dort ins Bett und schlief zwölf ganze, volle Stunden.
Die Kommunikationsoffizierin der Triumph weckte Miles mit einem Anruf über Vid. Miles tappte in seiner Unterwäsche zur Komkonsole und sank auf den Stuhl. »Ja?«
»Sie wünschten über Botschaften von der Vervain-Station informiert zu werden, Sir.«
»Ja, danke.« Miles rieb sich den Schlaf aus den Augen und blickte nach der Uhr. Es blieben noch zwölf Stunden Flugzeit bis zu ihrer Ankunft am Ziel. »Schon irgendwelche Anzeichen für ungewöhnliche Aktivitäten auf der Vervain-Station oder an ihrem Wurmloch?«
»Noch nicht, Sir.«
»In Ordnung. Fahren Sie fort, allen nach draußen gehenden Verkehr zu überwachen, aufzuzeichnen und zu verfolgen. Wieviel beträgt gegenwärtig die Zeitverzögerung bei der Übertragung von uns zu ihnen?«
»Sechsunddreißig Minuten, Sir.«
»Mm. Sehr schön. Übertragen Sie mir die Botschaft hierher.« Gähnend lehnte er seine Ellbogen auf Osers Komkonsole und betrachtete das Vid. Ein hochrangiger Offizier der Vervani erschien auf dem Schirm und wünschte eine Erklärung für die Bewegungen der Oser-/Dendarii-Flotte. Es klang sehr ähnlich wie bei den Aslundern. Kein Zeichen von Cavilo.
Miles wählte die Kommunikationsoffizierin an. »Senden Sie als Antwort, daß ihre wichtige Botschaft durch statische Störungen und eine Fehlfunktion in unserem Decodiersystem hoffnungslos verzerrt war. Bitten Sie dringend um eine Wiederholung mit Verstärkung.«
»Jawohl, Sir.«
In den folgenden siebzig Minuten nahm Miles in aller Ruhe ein Bad, zog eine passende Uniform (samt Stiefeln) an, die man besorgt hatte, während er schlief, und aß ein reichhaltiges Frühstück. Rechtzeitig für die zweite Übertragung kam er in den Navigationsraum der Triumph spaziert.
Diesmal stand Kommandantin Cavilo mit überkreuzten Armen hinter dem vervanischen Offizier. Der Vervani wiederholte seinen Text von vorher, buchstäblich mit Verstärkung: diesmal war seine Stimme lauter und schärfer. Cavilo fügte hinzu: »Erklären Sie sich sofort, oder wir werden Sie als feindliche Streitmacht betrachten und entsprechend reagieren.«
Das war die Verstärkung, die er gewollt hatte. Miles ließ sich auf dem Stuhl an der Kommunikationsstation nieder und brachte seine Dendarii-Uniform so gut wie möglich in Ordnung. Er gab acht, daß die Admiralsabzeichen auf dem Vid deutlich sichtbar waren. »Bereit zum Senden«, nickte er der Kommunikationsoffizierin zu. Er glättete seine Gesichtszüge zu einem so unbewegten und todernsten Ausdruck, wie er nur konnte.
»Hier spricht Admiral Miles Naismith, Kommandant der Freien Dendarii Söldnerflotte. An Kommandantin Cavilo, Randall’s Rangers, vertraulich. Madame. Ich habe meine Mission erfüllt, genau wie Sie befohlen haben. Ich erinnere Sie an die Belohnung, die Sie mir für meinen Erfolg versprochen haben. Was sind Ihre nächsten Instruktionen? Naismith Ende.«
Die Offizierin schickte die Aufzeichnung in den DichtstrahlZerhacker.
»Sir«, sagte sie unsicher, »wenn das nur für die Augen von Kommandantin Cavilo bestimmt ist, sollten wir es dann auf dem Befehlskanal von Vervain senden? Die Vervani werden es erst entschlüsseln müssen, bevor sie es weitergeben. Es wird von einer Menge anderer Augen außer den ihren gesehen werden.«
»Ganz recht, Leutnant«, sagte Miles. »Machen Sie weiter und senden Sie!«
»Oh. Und wenn — falls — sie antworten, was soll ich dann Ihrem Wunsch gemäß tun?«
Miles blickte auf sein Chrono. »Um die Zeit ihrer nächsten Antwort dürfte unsere Flugroute uns hinter die störende Corona der Zwillingssonne führen. Wir dürften dann gute … oh … drei Stunden unerreichbar sein.«
»Ich kann die Verstärkung noch erhöhen, Sir, und durch …«
»Nein, nein, Leutnant. Die Störung wird schrecklich sein. Wenn Sie das auf vier Stunden ausdehnen können, so ist es genaugenommen noch viel besser. Aber lassen Sie es echt erscheinen. Ich möchte, daß Sie sich als Nichtkommunikationsoffizierin betrachten, bis wir in einem Bereich für eine DichtstrahlKonferenz zwischen mir und Cavilo in Fastechtzeit sind.«
»Jawohl, Sir«, grinste sie. »Jetzt verstehe ich.«
»Machen Sie weiter. Erinnern Sie sich daran: ich wünsche ein Maximum an Ineffizienz, Inkompetenz und Fehlern. Das heißt, auf den Kanälen der Vervani. Sie haben sicher schon mit Rekruten gearbeitet. Seien Sie kreativ.«
»Jawohl, Sir.«
Miles ging fort, um Tung zu suchen.
Als sich die Kommunikationsoffizierin erneut meldete, waren er und Tung im Taktikzentrum der Triumph völlig in das Display des Taktikcomputers vertieft, wo sie projizierte Wurmlochszenarien ablaufen ließen. »Veränderungen auf der VervainStation, Sir. Der gesamte abgehende kommerzielle Schiffsverkehr wurde angehalten. Ankommenden Schiffen wird die Erlaubnis zum Andocken verweigert. Codierte Sendungen auf allen militärischen Kanälen haben sich just verdreifacht. Und vier große Kriegsschiffe sind gerade gesprungen.«
»In die Nabe oder hinaus nach Vervain?«
»Hinaus nach Vervain, Sir.«
Tung lehnte sich vor. »Übertragen Sie die bestätigten Daten in das Taktikdisplay, Leutnant.«
»Jawohl, Sir.«
»Danke«, sagte Miles. »Halten Sie uns auf dem laufenden. Und hören Sie auch die zivilen nichtcodierten Nachrichten ab, alle, die Sie aufschnappen können. Ich möchte, daß wir die Gerüchte beobachten, sobald sie auszuschwirren beginnen.«