Verzögerung. »Lassen Sie mich meine Position klarstellen, Sie kleiner Barrayaraner. Ich habe Ihren Kaiser. Ich kontrolliere ihn absolut.«
»Schön, lassen Sie mich diese Befehle dann von ihm selbst hören.«
Verzögerung — um einen Bruchteil kürzer, ja. »Ich kann ihm vor Ihren Augen die Kehle durchschneiden lassen. Lassen Sie mich durch!«
»Nur zu!« Miles hob die Schultern. »Das wird allerdings eine schreckliche Schweinerei auf Ihrem Deck anrichten.«
Sie grinste säuerlich, nach der Verzögerung.
»Sie bluffen schlecht.«
»Ich bluffe überhaupt nicht. Gregor ist für Sie lebendig viel mehr wert als für mich. Dort, wohin Sie gehen, können Sie nichts machen, außer durch ihn. Er ist ihr Kapital. Aber hat Ihnen schon jemand gesagt, daß ich der nächste Kaiser von Barrayar werden könnte, falls Gregor stirbt?« Nun ja, darüber ließe sich streiten, aber jetzt war wohl kaum die Zeit, in die feineren Details der sechs rivalisierenden barrayaranischen Erbfolgetheorien einzusteigen.
Cavilos Gesicht erstarrte. »Er hat gesagt … er hätte keinen Erben. Das haben Sie auch gesagt.«
»Keinen ernannten Erben. Weil mein Vater es ablehnt, ernannt zu werden, nicht weil ihm die Abstammung fehlt. Aber wenn man die Abstammung auch ignoriert, so wird sie doch dadurch nicht ausradiert.
Und ich bin das einzige Kind meines Vaters. Und er kann nicht ewig leben. Ergo … Also, widerstehen Sie mit allen Mitteln meinen Prisenkommandos. Drohen Sie. Führen Sie Ihre Drohungen aus. Geben Sie mir die Kaiserherrschaft. Ich werde mich hübsch bei Ihnen bedanken, bevor ich Sie im Schnellverfahren hinrichten lasse. Kaiser Miles der Erste. Wie klingt das? So gut wie Kaiserin Cavilo?« Miles betonte es nachdrücklich.
»Oder, wir könnten zusammenarbeiten. Die Vorkosigans haben traditionell empfunden, daß die Substanz besser ist als der Name. Die Macht hinter dem Thron, wie mein Vater vor mir — der gerade diese Macht viel zu lange innehatte, wie Gregor Ihnen zweifellos erzählt hat —, Sie werden ihn nicht einfach durch einen Schlag Ihrer Wimpern vertreiben. Er ist immun gegen Frauen. Aber ich kenne jede seiner Schwächen. Ich habe es durchdacht. Das könnte meine größte Chance sein, so oder so. Übrigens, Mylady, macht es Ihnen etwas aus, welchen Kaiser Sie heiraten?«
Die Zeitverzögerung erlaubte es ihm, die Veränderungen ihres Gesichtsausdrucks voll auszukosten, als seine plausiblen Verleumdungen ins Ziel trafen. Bestürzung, Abscheu, widerstrebender Respekt.
»Es sieht so aus, als hätte ich Sie unterschätzt. Also gut … Ihre Schiffe können uns in Sicherheit eskortieren. Wo wir uns — das ist klar — weiter beraten müssen.«
»Ich werde Sie in Sicherheit transportieren, an Bord der Ariel. Wo wir uns dann sofort beraten werden.«
Cavilo richtete sich auf, ihre Nasenflügel bebten. »Auf gar keinen Fall!«
»Also gut, machen wir einen Kompromiß. Ich werde Gregors Befehle befolgen, und nur Gregors Befehle. Wie ich gesagt habe, Mylady, Sie sollten sich lieber daran gewöhnen. Kein Barrayaraner wird am Anfang Befehle direkt von Ihnen entgegennehmen, bis Sie sich etabliert haben. Wenn Sie sich entscheiden, dieses Spiel zu spielen, dann sollten Sie lieber anfangen zu üben. Es wird nachher nur noch komplizierter. Oder Sie können sich entscheiden, Widerstand zu leisten, und in diesem Fall bekomme ich alles.« Spiel auf Zeit, Cavilo! Beiß an!
»Ich werde Gregor holen.« Das Vid nahm den grauen Schleier des Wartesignals an. Miles warf sich auf seinem Stuhl zurück, rieb sich den Hals und rollte den Kopf, versuchte seine aufgekratzten Nerven zu entspannen. Er zitterte. Mayhew blickte ihn beunruhigt an.
»Verdammt«, sagte Elena mit gedämpfter Stimme. »Wenn ich dich nicht kennen würde, so würde ich denken, du seiest die zweite Besetzung für Yuri den Wahnsinnigen. Der Blick in deinem Gesicht …
Lese ich in all diese verdeckten Andeutungen zu viel hinein, oder hast du gerade mit dem einen Atemzug in die Ermordung Gregors eingewilligt, im nächsten angeboten, ihm Hörner aufzusetzen, deinen Vater der Homosexualität bezichtigt, ein vatermörderisches Komplott gegen ihn vorgeschlagen und dich mit Cavilo verbündet — was wirst du als Zugabe tun?«
»Das hängt davon ab, wie es weitergeht. Ich kann es kaum erwarten, es herauszufinden«, keuchte Miles. »War ich überzeugend?«
»Du warst unheimlich.«
»Gut.« Er wischte wieder seine Handflächen an den Hosen ab. »Es ist ein Duell Geist gegen Geist, zwischen Cavilo und mir, bevor es je ein Kampf Schiff gegen Schiff wird … Sie ist eine zwanghafte Intrigantin.
Wenn ich sie ans Licht locken kann, sie mit Worten einwickeln kann, mit ›was — wenn‹, mit all den Verzweigungen ihres Strategiebaumes, gerade lang genug, um ihre Augen von dem einen wirklichen Jetzt abzulenken …«
»Das Signal«, warnte Elena.
Miles straffte sich und wartete. Das nächste Gesicht, das auf dem Vidschirm erschien, war das von Gregor. Gregor, lebendig und wohlbehalten. Gregors Augen weiteten sich, dann wurde sein Gesicht reglos. Cavilo stand hinter ihm, ein bißchen außerhalb des Fokus.
»Sag ihm, was wir wollen, Liebster.«
Miles verbeugte sich im Sitzen, so tief, wie es körperlich möglich war. »Majestät, ich schenke Ihnen die Kaiserliche Freie Dendarii Söldnerflotte. Tun Sie mit uns, wie Ihnen beliebt.«
Gregor blickte schnell zur Seite, offensichtlich auf eine taktische Anzeige, analog zur eigenen der Ariel. »Bei Gott, du hast sie sogar dabei. Miles, du bist übernatürlich.« Der Anflug von Humor wurde sofort von trockener Förmlichkeit erstickt. »Danke, Lord Vorkosigan. Ich nehme Ihr Vasallenangebot von Truppen an.«
»Wenn Sie sich der Mühe unterziehen würden, an Bord der Ariel zu kommen, Majestät, dann können Sie persönlich das Kommando über Ihre Streitkräfte übernehmen.«
Cavilo beugte sich vor und unterbrach Miles: »Und jetzt ist sein Verrat offenkundig. Laß mich einen Teil seiner letzten Worte für dich abspielen, Greg.«
Cavilo griff an Gregor vorbei, um einen Knopf zu drücken, und Miles kam in den Genuß einer sofortigen Wiederholung seiner atemlosen Aufwiegelung, beginnend — natürlich — mit dem Mumpitz über den ernannten Erben und endend mit dem Angebot seiner selbst als ersatzweiser kaiserlicher Bräutigam. Sehr hübsch ausgewählt, sichtlich ungekürzt.
Gregor hörte zu und hatte dabei den Kopf nachdenklich zur Seite geneigt, sein Gesicht war vollkommen beherrscht, als die Aufnahme von Miles stammelnd zu dem vernichtenden Schluß kam.
»Aber überrascht dich das, Cavie?« fragte Gregor in einem unschuldigen Ton, nahm ihre Hand und blickte über die Schulter zu ihr auf. Nach dem Ausdruck auf ihrem Gesicht überraschte sie tatsächlich etwas. »Lord Vorkosigans Mutationen haben ihn zum Wahnsinn getrieben, jedermann weiß das! Er schmollt schon seit Jahren und murmelt solches Zeug. Natürlich traue ich ihm nicht weiter, als ich ihn werfen kann …«
Danke, Gregor, den Satz werde ich mir merken.
»… aber solange er das Gefühl hat, er kann seine Interessen fördern, indem er unsere fördert, wird er ein wertvoller Verbündeter sein. Das Haus Vorkosigan war immer mächtig in den Staatsangelegenheiten von Barrayar. Sein Großvater Graf Piotr hat meinen Großvater Kaiser Ezar auf den Thron gesetzt. Sie würden einen gleich mächtigen Feind darstellen. Ich würde vorziehen, Barrayar mit ihrer Kooperation zu regieren.«
»Ihre Ausrottung würde sicherlich genauso gut helfen«, sagte Cavilo mit einem wütenden Blick auf Miles.
»Die Zeit ist auf unserer Seite, meine Liebe. Sein Vater ist ein alter Mann. Miles ist ein Mutant. Seine Drohung mit der Abstammung ist leer, Barrayar würde nie einen Mutanten als Kaiser akzeptieren, wie Graf Aral gut weiß und sogar Miles in seinen klareren Momenten erkennt. Aber er kann uns Schwierigkeiten bereiten, wenn er das will. Ein interessantes Gleichgewicht der Macht, oder, Lord Vorkosigan?«