Miles verbeugte sich erneut. »Ich denke viel darüber nach.«
Und das hast du auch getan, scheint’s. Er gestattete sich einen beschwichtigenden Blick auf Elena, die vom Stuhl gefallen war, als Gregor von Miles verrückten Selbstgesprächen geredet hatte, die ohne Zweifel als Nebenbemerkungen bei Staatsbanketten gefallen sein mußten. Sie saß jetzt auf dem Boden und hatte ihren Ärmel in den Mund gestopft, um ihr kreischendes Gelächter zu dämpfen. Ihre Augen leuchteten über dem grauen Tuch. Sie gewann die Beherrschung über ihr ersticktes Kichern und kletterte wieder auf ihren Sitz. Mach deinen Mund zu, Arde.
»Also, Cavie, dann wollen wir uns meinem zukünftigen Großwesir anschließen. Zu diesem Zeitpunkt will ich seine Schiffe steuern. Und dein Wunsch«, er wandte den Kopf, um ihre Hand zu küssen, die immer noch auf seiner Schulter ruhte, »wird mir Befehl sein.«
»Glaubst du wirklich, daß das sicher ist? Wenn er so ein Psychopath ist, wie du sagst.«
»Brillant — nervös — sprunghaft — aber er ist in Ordnung, solange seine Medikation richtig angepaßt ist, das verspreche ich dir. Ich nehme an, seine Dosis ist jetzt ein bißchen zu gering, aufgrund unserer irregulären Reisen.«
Die Zeitverzögerung der Übertragung war jetzt sehr verringert.
»Zwanzig Minuten zum Rendezvous, Sir«, berichtete Elena von der Seite.
»Kommen Sie in Ihrer Fähre herüber, oder in unserer, Majestät?«, erkundigte sich Miles höflich.
Gregor zuckte unbekümmert die Achseln. »Das ist die Entscheidung von Kommandantin Cavilo.«
»In unserer«, sagte Cavilo sofort.
»Ich werde warten.« Und bereit sein.
Cavilo brach die Übertragung ab.
KAPITEL 16
Miles beobachtete über Vid, wie der erste Ranger in Raumrüstung den Fährenlukenkorridor der Ariel betrat. Dem vorsichtigen Vordermann folgten unmittelbar vier weitere. Sie überprüften den leeren Durchgang, der durch die geschlossenen Drucktüren, die seine beiden Enden abriegelten, zu einer Kammer geworden war. Keine Feinde, keine Ziele, nicht einmal automatische Waffen, die sie bedrohten. Eine völlig verlassene Kammer. Verwirrt nahmen die Rangers eine Verteidigungsstellung um die Fährenluke ein. Gregor trat hindurch. Miles war nicht überrascht zu sehen, daß Cavilo dem Kaiser keine Raumrüstung zur Verfügung gestellt hatte. Gregor trug eine ordentlich gebügelte Arbeitsuniform der Rangers, ohne Abzeichen, sein einziger Schutz waren seine Stiefel. Selbst die wären ganz unzulänglich, wenn eines dieser schwergepanzerten Monster ihm auf die Zehen träte.
Eine Kampfrüstung war eine großartige Sache, undurchlässig für Betäuber- und Nervendisruptorfeuer, für die meisten Gifte und biologischen Kampfstoffe, widerstandsfähig (bis zu einem gewissen Grad) gegen Plasmafeuer und Radioaktivität, vollgestopft mit intelligenter eingebauter Bewaffnung, Taktikcomputern und Telemetrie. Sehr geeignet für eine Prisenaktion. Allerdings hatte Miles tatsächlich einmal selbst die Ariel mit weniger Leuten, weniger eindrucksvoll bewaffnet und völlig ungepanzert gekapert. Damals hatte er die Überraschung auf seiner Seite gehabt.
Cavilo kam hinter Gregor herein. Sie hatte eine Raumrüstung an, jedoch trug sie im Moment ihren Helm wie einen abgeschlagenen Kopf unter dem Arm. Sie blickte in dem leeren Korridor umher und runzelte die Stirn.
»Also gut, was ist der Trick dabei?«, fragte sie laut.
»Um deine Frage zu beantworten« … Miles drückte den Knopf an der Fernsteuerungsbox in seiner Hand. Eine gedämpfte Explosion ließ den Korridor erbeben. Das Anschlußrohr wurde gewaltsam von der Fährenluke weggerissen. Die automatischen Türen, die den Druckabfall spürten, klappten sofort zu. Bloß ein Hauch von Luft entwich. Ein gutes System.
Miles hatte die Techniker angehalten, sicherzustellen, daß es richtig funktionierte, bevor sie die Richtminen in die Fährenklampen einfügten.
Er blickte auf seine Monitore. Cavilos Kampffähre taumelte von der Flanke der Ariel weg, ihre Korrekturtriebwerke und Sensoren waren von derselben Explosion beschädigt worden, die sie hinausgetrieben hatte. Ihre Waffen und in Reserve wartenden Rangers waren nutzlos, bis der Pilot, der jetzt zweifellos hektisch am Rudern war, wieder die Herrschaft über die Fluglage der Fähre gewonnen hatte. Falls er das schaffte.
»Hab ein Auge auf ihn. Bei, ich möchte nicht, daß er zurückkommt, um uns zu verfolgen«, sagte Miles über seinen Kommunikator zu Thorne, der sich im Taktikraum der Ariel befand.
»Ich kann ihn jetzt hochgehen lassen, wenn du willst.«
»Wart ein bißchen. Wir sind noch lange nicht klar hier unten.«
Jetzt helfe uns Gott.
Cavilo zog ihren Helm über, ihre überraschten Kämpfer umringten sie in einer Verteidigungsformation. Alle waren voll gerüstet — und hatten nichts, worauf sie schießen konnten. Sollen sie sich nur einen Moment beruhigen, genug, um reflexartige Schießereien zu verhindern, aber nicht genug, um sie zum Nachdenken kommen zu lassen … Miles blickte schnell auf seine eigenen Leute in Raumrüstung, sechs an der Zahl, und schloß seinen Helm. Nicht, daß Zahlen eine Rolle spielten. Eine Million Soldaten mit Nuklearwaffen, ein Kerl mit einer Keule: beide wären gleich ausreichend, wenn das Ziel eine einzige unbewaffnete Geisel war.
Die Situation zu miniaturisieren, erkannte Miles traurig, hatte keinen qualitativen Unterschied gebracht. Er konnte es immer noch großartig verpfuschen. Der Hauptunterschied war seine Plasmakanone, die den Korridor hinab gerichtet war. Er nickte Elena zu, die an der großen Waffe stand. Das war normalerweise kein Spielzeug für Innenräume, aber sie würde anstürmende Gegner in Raumrüstungen aufhalten — und den Rumpf an der gegenüberliegenden Seite aufsprengen. Miles rechnete, daß sie theoretisch aus dieser Entfernung … hm … einen von Cavilos fünf Leuten wegpusten konnten, wenn es zu einem verzweifelten Ansturm kam, bevor die Aktion ganz in einen Kampf Mann gegen Mann, oder Rüstung gegen Rüstung, überging.
»Also los«, warnte Miles über seinen Befehlskanal, »erinnert euch an die Übung.« Er drückte auf einen anderen Knopf, die Drucktüren zwischen seiner Gruppe und Cavilos Leuten begannen zur Seite zu gleiten. Langsam, nicht plötzlich, in einer Geschwindigkeit, die sorgfältig berechnet worden war, um Furcht ohne Erschrecken auszulösen.
Volle Übertragung auf allen Kanälen plus Lautsprecher. Es war absolut wesentlich für Miles’ Plan, daß er das erste Wort hatte.
»Cavilo!«, rief er. »Deaktivieren Sie Ihre Waffen und bleiben Sie stehen, oder ich atomisiere Gregor!«
Körpersprache war eine wunderbare Sache. Es war erstaunlich, wieviel Ausdruck durch die blank glänzende Oberfläche einer Raumrüstung dringen konnte. Die kleinste der gepanzerten Gestalten stand mit offenen Händen da, wie betäubt. Der Worte beraubt, wertvolle Sekunden lang auch der Reaktionen beraubt. Natürlich deshalb, weil Miles ihr gerade ihre einleitenden Worte zunichte gemacht hatte. Na, was hast du jetzt zu sagen, meine Liebe? Es war ein verzweifelter Trick.
Miles war zu dem Schluß gekommen, daß das Geiselproblem logisch unlösbar war, deshalb war es klar, daß seine einzige Chance darin bestand, daß er es zu Cavilos Problem machte, statt zu seinem eigenen.
Nun gut, er erreichte immerhin das Stehenbleiben. Aber er wollte den Stillstand nicht anhalten lassen. »Hören Sie auf damit, Cavilo! Nur ein nervöses Zucken ist nötig, um Sie von einer Kaiserbraut in jemanden ohne jegliche Bedeutung zu verwandeln. Und dann in überhaupt niemanden. Und Sie machen mich wirklich nervös.«
»Du hast gesagt, daß er ungefährlich sei«, zischte Cavilo Gregor zu.
»Seine Medikation muß geringer sein, als ich dachte«, erwiderte Gregor und blickte besorgt drein. »Nein, paß auf er blufft. Ich beweise es dir.«
Mit beiderseits offen ausgestreckten Händen ging Gregor direkt auf die Plasmakanone zu. Miles blieb hinter seiner Gesichtsscheibe der Mund offen stehen. Gregor, Gregor, Gregor …!